Menschen befinden sich mitten in ökologischen Verteilungskonflikten. Im Workshop über Politische Ökologie wurden Grundannahmen der Forschung über diese Konflikte vorgestellt und Konzepte für politisches Handeln diskutiert.
Karin Fischer, Obfrau des Mattersburger Kreises und Chefredakteurin des Journals für Entwicklungspolitik, eröffnete den Workshop mit einem kurzen Input darüber, wie die ökologische Krise in der Entwicklungsdebatte aufgegriffen wurde. Sie ging dabei auf die Diskussion seit den frühen 1970er Jahren ein und nannte als wichtigen Meilenstein etwa den ersten Bericht des Club of Rome von 1972. Ein Forschungsteam um Dennis und Donella Meadows zeigte dabei in Grenzen des Wachstums globale Bedrohungsszenarien auf und prognostiziere den Zusammenbruch des Systems innerhalb von hundert Jahren. Diese klassen- und länderübergreifende Angst vor dem Kollaps sieht Fischer als symptomatisch für jene Zeit an.
Die Zähmung eines radikalen Konzepts.
Der Brundtland-Report aus dem Jahr 1987 führte zu einer Entschärfung dieser Negativ-Szenarien und damit auch einer radikalen Wachstumskritik. Der Begriff der Nachhaltigkeit entwickelte sich in den Folgejahren zu einer wichtigen Leitidee für eine Vielzahl von unterschiedlichsten AkteurInnen. So wurde das Nachhaltigkeitskonzept beispielsweise auch von der Weltbank aufgegriffen und entsprechend adaptiert, wobei die optimistische Idee der Problemlösungskompetenz durch technische Expertise und ökologische Modernisierung eine zentrale Bedeutung einnimmt. Fischer nannte diese Entwicklung einen bedauerlichen Verlust an Radikalität, mit dem eine grundsätzlichere Kritik an den bestehenden Verhältnissen gegenüber einer beschönigenden Problemsicht zurücktrete.
Im Zuge dessen wurde auch die Entstehung und Etablierung von grünen Parteien im deutschsprachigen Raum sehr intensiv diskutiert. Ein Vorwurf, der hier im Raum stand, ist etwa die schnelle Integration der grünen Parteien in den parlamentarischen Alltag sowie deren Fokus auf Kompromissbereitschaft und politische Machbarkeit. Um Veränderungsschritte vorschlagen zu können, brauche es die Vision einer anzustrebenden Gesellschaft und damit auch eine vertiefte sozialwissenschaftliche Reflexion. Dieser Kritik hielten einige DiskutantInnen entgegen, dass auf dem Weg zu politischer Mitbestimmung auch ein gewisses Maß an Opportunismus und pragmatischem Denken erforderlich wäre. Es war wiederum die Rede von fehlender Radikalität (im Sinne von lat. radix, Wurzel resp. an der Wurzel ansetzend) und Konsequenz, sowohl bei der Durchsetzung der ökologischen Ziele der grünen Bewegung im breiteren Kontext einer Politischen Ökologie als auch bei der Operationalisierung von Nachhaltigkeit. In diesem Zusammenhang zeigte sich erstmals auch ein interdisziplinärer Konflikt zwischen VertreterInnen der Politikwissenschaft und Personen mit wirtschaftswissenschaftlichem Hintergrund.
Politische Ökologie als Forschungsperspektive und politisches Projekt.
Im zweiten Teil des Workshops ging die Moderatorin auf den Begriff der gesellschaftlichen Naturverhältnisse und verwandte Ansätze ein. Sie erläuterte die Grundannahmen dieses Konzepts und betonte, dass Natur und Gesellschaft nicht isoliert voneinander betrachtet werden können. In diesem Spannungsfeld bilden sich dem Konzept nach zwangsläufig Konflikte um Verteilung, Herrschaftsansprüche und Macht. In der Identifizierung und Analyse von Machtverhältnissen sieht Fischer auch die Stärken dieses Ansatzes, kritisierte aber zugleich die Festlegung auf zu homogene Gruppen von AkteurInnen. Ihrer Ansicht nach berücksichtigt dieser kritische Zugang zu wenig die vielfältigen, sich überlagernden Konfliktlinien, die sich gerade bei ökologischen Konflikten auftun. Eine Alternative biete das Konzept der Politischen Ökologie, wie es im französischen intellektuellen Milieu von Alain Lipietz begründet wurde. Dieses Konzept gesteht den verschiedenen AkteurInnen unterschiedliche Interessen, Werthaltungen und Sehnsüchte zu, die unter Umständen auch zu einem inneren Interessenskonflikt führen können. Dementsprechend ist ein wichtiges Anliegen der Politischen Ökologie, die komplexen sozialen Beziehungen zu identifizieren, die quer zu etablierten Kategorien oder historischen Akteursgruppen stehen.
Der verwickelte Charakter von Umweltkonflikten.
Nach einer halbstündigen Pause traf sich die Gruppe wieder und versuchte in einem abschließenden dritten Block, die angesprochenen Spannungsfelder, Interessenkonflikte und Werthaltungen von AkteurInnen zu benennen. Als konkretes Beispiel einigten sich die Workshop-TeilnehmerInnen auf die Erdölproblematik, die grundlegend für verschiedenste Systemkonflikte sei. In einem ersten Schritt wurden hierzu die AkteurInnen identifiziert, danach ihre Interessen und Werthaltungen analysiert und abschließend auch konkrete Handlungsschritte auf den diversen Ebenen aufgezeigt. Aufgrund der beschränkten Zeit lag der Fokus allerdings auf den ersten beiden Stufen, während auf die Handlungsschritte nur kurz eingegangen wurde. Die TeilnehmerInnen waren sich aber darüber einig, dass nur durch eine Bewusstseinsbildung von unten ein Nährboden für politisches Handeln entstehen kann.
Der Autor studiert an der Universität Innsbruck. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at