„Unsere Forderung heißt allerdings nicht, den Menschen ihre Aktion zu erklären, sondern vielmehr mit den Menschen über ihre Aktion zu reden“ (Paulo Freire, Pädagogik der Unterdrückten. Hamburg: Rowohlt 1973: 40)
Das Paulo Freire Zentrum koodiniert die Entwicklungstagung. Das Institut betreibt eine von Paulo Freire inspirierte entwicklungspolitische Bildungsarbeit, die Weltprobleme im Zusammenhang mit Vor-Ort-Problemen reflektiert und bearbeitet. Als wissenschaftsbasierte Einrichtung bietet das Freire Zentrum AkteurInnen entwicklungspolitischer Institutionen Raum für die notwendige kritische Reflexion ihrer Arbeit an.
Im Mittelpunkt der Arbeit des Freire Zentrums steht dialogisch-freireanische Bildung als eine Form transdisziplinärer Bildungsarbeit. Bildung ist Reflexion der Praxis und führt zu einer Veränderung und damit auch Verbesserung des eigenen Tuns. Sie ist kein Produkt, sondern versteht sich als selbstreflexiver Prozess.
Das Freire Zentrum stellt eine Brücke zwischen entwicklungspolitischer Szene und anderen Sektoren der österreichischen Gesellschaft dar und setzt innovative Impulse für die entwicklungspolitische Inlandsarbeit in Österreich.
Initiiert und ermöglicht wurde das Paulo Freire Zentrum im Jahr 2004 durch eine Kooperation von ÖFSE und Mattersburger Kreis. Ab 2009 war es Teil der KommEnt GmbH, seit 2015 ist das Freire Zentrum Teil des Mattersburger Kreises.
Das Eintreten für Wissen als öffentliches Eigentum ist eine Grundabsicht des Paulo Freire Zentrums. Selbst wenn man für einen Moment annimmt, dass alle Hürden für den Zugang zu Wissen und Bildung heute aufgehoben würden (die Realität weist derzeit in eine andere Richtung), bleiben die Fragen: Wie funktioniert die Vermittlung dieses Wissens, damit das Endziel jeglicher Entwicklungsforschung erreicht werden kann, nämlich die Aufhebung der Unterdrückung? Reicht es aus, möglichst viele Personen in die etablierten Bildungseinrichtungen zu bringen? Das Paulo Freire Zentrum sagt mit Paulo Freire: Nein, das reicht nicht aus! Es kommt auf die Art und Weise des Unterrichts und die ideologische Vorstellung von Bildung an.
Lehrer*in=Bankbeamter*in?
Paulo Freire prägte für die etablierte und systemerhaltende Bildung (also jene, die die Unterdrückung aufrecht erhält) das Bild eines Bankier-Konzepts: Die allwissenden Lehrer*innen seien Bankbeamte, die die unwissenden Schüler*innen mit Spareinlagen (Erziehung) befüllen. Je vollständiger die Lehrer*innen die Container (Schüler*innen) befüllen, als desto erfolgreicher gilt der Prozess. Die Schüler*innen nehmen die Einlagen entgegen, ordnen sie und stapeln sie. Die Lehrer*innen kontrollieren die Art und Weise, wie die Schüler*innen die Welt sehen. Die Passivität dieses Lernprozesses passt die Schüler*innen an das herrschende System an. Die Kreativität der Schüler*innen werde minimalisiert oder vernichtet, die Leichtgläubigkeit stimuliert. Dies dient jenen, die Interesse daran haben, dass “die Welt weder erkannt noch verwandelt wird”:
“Der erzogene Mensch ist der angepaßte Mensch, denn er paßt besser in die Welt. In die Praxis übersetzt dient dieses Konzept in hervorragender Weise den Absichten der Unterdrücker, deren Ruhe davon abhängt, wie gut Menschen in die Welt passen, die die Unterdrücker geschaffen haben, und wie wenig sie sie in Frage stellen.” (1)
Lehren und Lernen: keine Einbahnstraße
Paulo Freire stellte diesem passiven und systemerhaltenden Bildungskonzept ein Modell dialogischen Lernens gegenüber. Die Schüler*innen sind darin kritische Mitforschende im Dialog mit den Lehrpersonen. Diese präsentieren den Schüler*innen das Lernmaterial zur eigenen Überlegung. Die Lehrer*innen überdenken ihre früheren Überlegungen neu, während die Schüler*innen die ihren formulieren. Die Distanz zwischen Schüler*innen und Lehrer*innen schwindet, die Schüler*innen werden motiviert, die Welt kritisch zu betrachten.
“Durch Dialog hört der Lehrer der Schüler und hören die Schüler des Lehrers auf zu existieren, und es taucht ein neuer Begriff auf: der Lehrer-Schüler und die Schüler-Lehrer. Der Lehrer ist nicht bloß der, der lehrt, sondern einer, der selbst im Dialog mit den Schülern belehrt wird, die ihrerseits, während sie belehrt werden, auch lehren. So werden sie miteinander für einen Prozess verantwortlich, in dem alle wachsen.” (2)
Ziele des Paulo Freire Zentrums
Das Paulo Freire Zentrum verfolgt drei Ziele (Forschung – Bildung – Politik):
- Bildung als Reflexion der Praxis: Reflexion über die Zukunft der Entwicklungszusammenarbeit und deren Verknüpfung mit konkreten Alltagsproblemen der Entwicklungszusammenarbeit und ihrer “Projektkultur”. Dies inkludiert im Sinne der Formulierung Paulo Freires “Die Welt lesen lernen” eine politökonomische Alphabetisierung;
- die Politisierung der österreichischen Entwicklungspolitik: “Wo ist die Politik in der Entwicklungspolitik?”. Angestrebt wird die Wiederaneignung des langfristigen, gestalterischen, planerischen und ethischen Elements in der Entwicklungszusammenarbeit und der Entwicklungspolitik;
- den Dialog von Praxis und Wissenschaft organisieren: neue Formen von Lehren und Lernen im Interesse der Entwicklungszusammenarbeit und Entwicklungspolitik zu fördern.Die Website des Freire Zentrums findet sich hier.
(1) Paulo Freire: Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit. Reinbeck bei Hamburg, 1984 [1970], S. 61.
(2) Freire 1984, S. 64f.