Diesen September stimmte das österreichische Parlament gegen das geplante Handelsabkommen zwischen der EU und dem südamerikanischen Staatenbund Mercosur. Die weltgrößte Freihandelszone wurde gerade noch aufgehalten. Eine Diskussion darüber, wie Handel Gesellschaften ungleicher macht.
In Linz, der Gastgeberstadt der kommenden Entwicklungstagung, fand am 27. November 2019 eine Vorveranstaltung für diese statt. Soziologin Karin Fischer (Johannes Kepler Universität Linz) stellte ihr, gemeinsam mit Margarete Grandner herausgegebenes, Buch „Globale Ungleichheit“ vor. Gemeinsam mit Anke Schaffartzik (Institut für Soziale Ökologie der Universität für Bodenkultur Wien), Franziskus Forster von der Österreichischen Berg- und Kleinbäuer*innen Vereinigung (ÖBV) Via Campesina (dt. der bäuerliche Weg) und Anja Appel von der Koordinierungsstelle der Österreichischen Bischofskonferenz (KOO) diskutierte sie über Material- und Finanzflüsse in der globalisierten Welt.
Handel treibt Ressourcenabbau an.
„Wir brauchen eine Dematerialisierung“, forderte Anke Schaffartzik. Sie erklärte: Der Abbau von Ressourcen aus Land- und Forstwirtschaft sowie Bergbau ist in den letzten Jahren rasant angestiegen. Im Jahr 2010 wurden 20 Milliarden Tonnen mehr Ressourcen abgebaut als im Jahr 2000. 2015 wurden wiederum 20 Milliarden Tonnen mehr abgebaut als 2010. Noch schneller als ‚Extraktion‘, der Abbau von Ressourcen, wachse eines: der Handel. Lateinamerika exportiert viele Ressourcen, während Europa ein Netto-Importeur ist, also mehr Wert ein- als ausführt. Exportländer, die für den Handel Ressourcen abbauen und Waren produzieren, brauchen Land, Energie, Wasser, Gebäude und andere Infrastruktur. Außerdem werden Abfälle und Treibhausgasemissionen erzeugt. Um Umweltauswirkungen einzudämmen, müsste absolut weniger verbraucht werden.
Kleinbäuer*innen gegen Freihandel.
„Das geplante Freihandelsabkommen zwischen der EU und den Mercosur-Staaten würde globale Treibhausgase um 34% erhöhen“, warnte Franziskus Forster. Bereits 1993 hätten sich Kleinbäuer*innen weltweit zusammengeschlossen, um kurz vor der Gründung der Welthandelsorganisation Widerstand gegen die Globalisierung des Handels zu leisten. Ihre Kritik: Handelsabkommen seien ein „Projekt der Mächtigen“ und würden zu einer Machtkonzentration auch in der Landwirtschaft führen. Stattdessen kämpften sie für ‚Ernährungssouveränität‘, das Recht von Menschen, selbst zu bestimmen, wie Lebensmittel produziert, verteilt und konsumiert werden. Anja Appel pflichtete bei: „Auf landwirtschaftliche Produkte wird spekuliert, man kann auf Ernteausfälle wetten und damit Profite machen, ohne Rücksicht auf das Schicksal der Landwirt*innen. Das gehört sofort verboten!“
Was tun?
Widerstand leisten und Hebelpunkte suchen, um Strukturen umzubauen und institutionelle Systeme zu transformieren, sei notwendig, meinte Franziskus Forster. „Die Chance würde darin bestehen, das demokratisch anzugehen. Aber die Zeit läuft uns davon.“ Eine wichtige Antwort auf globale Ungleichheiten sei es, eine Alternative zur industriellen Landwirtschaft zu fördern: „Es gibt eine andere Landwirtschaft und sie ist in der Lage, die Welt zu ernähren!“. Agrarökologie, also eine umweltfreundliche Landwirtschaft, regionale Produktion und lokale Märkte sah auch Appel als Lösung. Anke Schaffartzik appellierte für sozialökologische Investitionen. Einigen Schätzungen zufolge könnten zwei Billionen Dollar pro Jahr ausreichen, um das globale Energiesystem umzubauen. Etwa der gleiche Betrag wird bereits jetzt jährlich in das fossile Energiesystem investiert.
Individuelles Konsumverhalten und politisches Engagement.
In der Publikumsdiskussion mit den etwa 60 Besucher*innen wurde vorgeschlagen, Second Hand Kleidung zu tragen und auf Fernreisen zu verzichten. Forster warnte vor einer „Konsument*innen-Schein-Demokratie“. Menschen seien mehr als Konsument*innen, nämlich auch soziale und politische Wesen, die Systeme ändern können. Die ‚imperiale Lebensweise‘, also der moderne Lebensstil, der auf Ressourcen und Arbeitskraft im Globalen Süden zugreift, sei in Infrastrukturen stark verankert und abgesichert. „Unsere Wirtschaft war nie darauf ausgelegt, Bedürfnisse zu befriedigen, sondern mit Werbung Konsumwünsche zu schaffen“, ergänzte Schaffartzik. Das aktuell dominante Gesellschaftssystem habe großen Änderungsbedarf: „Es ist nicht so, dass dieses Gesellschaftssystem reibungslos läuft und wir müssen nur mit dem Klimawandel umgehen. Es gibt viel mehr Probleme, etwa Kriege.“ Appel plädierte dafür, sowohl individuell als auch politisch zu handeln. Mit einer Arbeitszeitverkürzung zum Beispiel hätten Menschen mehr Zeit, um sich um Second Hand Kleidung zu kümmern und mit dem Rad statt dem Auto zu fahren. Damit große Industriebetriebe etwas änderten, brauche es politischen Druck.
Fotos: © Gerald Faschingeder, Paulo Freire Zentrum.
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Weiterführende Links:
Zum Buch „Globale Ungleichheit“
ÖBV Via Campesina
Koordinierungsstelle der Österreichischen Bischofskonferenz