Die Finanzialisierung der Natur und des Sozialen (Workshop 10)

Im Rahmen der 6. Entwicklungstagung „umbruch.aufbruch“ fanden unterschiedliche Workshops und Foren statt. Der Workshop „Die Finanzialisierung der Natur und des Sozialen“ wurde von Brigitte Kratzwald (Sozialwissenschaftlerin /Aktivistin) und Magdalena Heuwieser (Finance & Trade Watch Österreich) organisiert.

Zu Beginn des Workshops stellten die elf TeilnehmerInnen sich und ihre Erwartungen und Interessen vor. Die meisten interessieren sich für die Themen Umweltverschmutzung, Land Grabbing und Inwertsetzung von Natur (d. h. Natur wird zur Ware). 

Die Finanzialisierung der Natur

Gestartet wurde der Workshop mit dem Film „Stoppt die Übernahme der Natur durch Finanzmärkte“ (1). In diesem geht es darum, wie Funktionen der Natur zunehmend zu Waren und Anlagefeldern für das Finanzmarktkapital umgebaut werden. Dabei spielen einzelne Funktionen der Natur, die als Dienstleistungen für den Menschen (sogenannte „Ökosystemleistungen“) identifiziert werden, eine wichtige Rolle. Magdalena Heuwieser zitierte dazu Pavan Sukhdev – ehemaliger Bankmanager und heute Koordinator der TEEB-Studie (2): „Derzeit bezahlt niemand für die Leistungen, die uns Ökosysteme bieten. Deshalb erhalten die Menschen, die diese Systeme erhalten sollen, auch kein Geld dafür. Es fehlt also ein wirtschaftlicher Anreiz, das Richtige zu tun. Deshalb müssen wir erst einmal einen Markt schaffen.“

Heuwieser erklärte, dass die Finanzialisierung der Natur vereinfacht gesagt aus vier Teilschritten bestehe: 1. Die Identifikation der inwertzusetzenden Elemente (z. B. durch Quantifizierung) 2. die Kommodifizierung, also die Erstellung von neuen Märkten; 3. die Monetarisierung der Natur und 4. das Einbinden der neuen Waren in den Finanzmarkt. Ein Beispiel dafür ist der Emissionshandel: 
Mit dem Kyoto Protokoll wurde die Verringerung der CO2 -Ausstöße  beschlossen. Die Atmosphäre, das CO2, wurde zu einer neuen Ware gemacht. Der Emissionshandel hat sein Ziel der Emissionsverringerung nicht erreicht und lenkte vielmehr von den Ursachen des Klimawandels und den notwendigen Lösungen ab. Einzelne Mechanismen des Emissionshandels, wie CDM (Clean Development Mechanism) oder REDD+ (Reducing Emissions from Deforestation and Degradation) führen sogar zu vermehrten Konflikten und Menschenrechtsverletzungen.

Commons vs. Finanzialisierung des Sozialen

Im sozialen Bereich gebe es dieselben Mechanismen wie bei der Finanzialisierung der Natur, so Brigitte Kratzwald. Es begann wie bei der Natur in guter Absicht mit der Bewertung. Die Wirtschaft kann mit einem Eisberg verglichen werden: Der bezahlte, öffentliche und sichtbaren Teil sei die Spitze des Eisbergs über der Wasseroberfläche. Unter dem Wasser gebe es aber einen viel größeren, unbezahlten, privaten, unsichtbaren Teil, der nicht als Wirtschaftsleistung anerkannt werde. Der sichtbare Teil werde als „produktiv und wertvoll“ angesehen und der unsichtbare Teil als „reproduktiv und wertlos“. Um die beiden vergleichbar zu machen, müssen sie in Geld bewertet werden, was einerseits den Wert unbezahlter Arbeit sichtbar macht und das Selbstbewusstsein von Frauen stärkt: In Deutschland zum Beispiel sei der Anteil an unbezahlter Arbeit für die Erbringung gesellschaftlich notwendiger Tätigkeiten im Vergleich zu bezahlter Arbeit doppelt so hoch.

Gleichzeitig werden soziale und gesundheitliche Dienstleistungen aber auch zur handelbaren Ware gemacht, was zu einer Kommodifizierung führe. Die Bewertung in Geld erfolge über den Wert des verhinderte Schadens, was ohnehin nur spekulativ sein kann. Zudem führe die Bewertung dieser Dienstleistungen in Geld zu einer Art Taylorisierung im Gesundheitssystem, was die Effizienz über die Bedürfnisse von Pflegepersonal und PatientInnen stelle. In den letzten Jahren werde das Gesundheits- und Pflegesystem auch als profitträchtiges Investitionssegment und Wachstumssparte dargestellt, was einer Finanzialisierung Vorschub leiste.

Große Konzerne und Investoren seien heute die wichtigsten Anteilhaber an großen Krankenhäusern. Dabei gebe es vielfältige Verflechtungen von Pharmakonzernen, Bauunternehmen und Krankenhausbetriebsgesellschaften. Die gleichen Konzerne investieren auch in Prävention und Rehabilitation, sodass man auch hier einen gesellschaftlichen Kontrollverlust über die ganze Wertschöpfungskette beobachten könne. Soziale und gesundheitliche Maßnahmen orientierten sich am maximalen Gewinn für die Investoren, nicht daran, was das Beste für die PatientInnen ist.

Speziell in die Erforschung genetischer Medizin würden derzeit Unmengen investiert, wofür Renditen zurückkommen müssten. Das führe dazu, dass mit den neuen Medikamenten immer auch die potentiellen Patienten „mitproduziert“ werden müssten.

Anschließend wurden Commons als Alternative zur Finanzialisierung diskutiert. Die Gesellschaft müsse versuchen, finanzialisierte Ressourcen wieder als Gemeingüter einzufordern und die bestehenden Gemeingüter zu erhalten. Aus den vorhandenen Rohstoffen, Ressourcen und Gütern müssen Dinge produziert werden, die die spezifischen Bedürfnisse der Bevölkerung befriedigen und nicht die Rendite-Erwartungen der InvestorInnen. Durch eine Regelung der Zugriffe auf bestimmte Güter könne es zu einer höheren Sicherheit für die Bevölkerung kommen. Eine Region, ein Bundesland oder auch ein Staat könne sich somit die Souveränität sichern. Deshalb müsse man sich dafür einsetzen, Commons zu schützen.

Fazit der Diskussion: Das Thema der Finanzialisierung des Sozialen und der Commons ist ein Prozess der uns alle täglich betrifft, aber über den man sich nicht so viele Gedanken macht, wie man sollte.

Die Autorin ist Studentin der Geographie an der Universität Salzburg, Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

Fußnote:
(1) https://vimeo.com/44485947



Links zum Workshopthema:

– Filmtipps, u.a. „Stoppt die Finanzialisierung der Natur“

https://www.ftwatch.at/

https://www.commons.at

Veröffentlicht in Entwicklungstagung 2014.