Der niederländische Think-Tank TNI (Transnational Institute) lud zu einem Webinar. Internationale Forscher*innen diskutierten mögliche soziale, ökonomische und politische Folgen einer drohenden globalen Rezession in Folge der Corona-Krise.
Unter dem Namen „The coming global recession. Building an international response“ (dt. Die kommende globale Rezension: Das Aufbauen einer internationalen Antwort) fand die Diskussion am 8. April als Teil einer Webinar-Reihe statt, die sich mit möglichen Folgen der Corona-Krise auseinandersetzt. Shaun Matsheza vom TNI, führte durch das Webinar. Die indische Ökonomin Jayati Ghosh, der philippinische Soziologe und Globalisierungsforscher Walden Bello, der kanadische Historiker und Rechtsextremismusforscher Quinn Lobodian und die südafrikanische feministische Ökonomin, Leobhang Liepollo Pheko nahmen teil.
Schuldenstundung und Selbstversorgung im globalen Süden.
Vor allem Länder des globalen Südens werden von der drohenden Krise betroffen sein, betonte Jayati Ghosh. Die Wirtschaft baut dort oft auf Exportware auf, die aufgrund der unterbrochenen Lieferketten und der verringerten Nachfrage nicht mehr verkauft werden kann. Ghosh bekräftigte, dass „die Auswirkungen der Krise mit nichts zu vergleichen sein werden. Nicht mit den Finanzkrisen, nicht mit der großen Depression, nicht einmal vergleichbar mit den Auswirkungen der zwei Weltkriege“. Die ungleiche wirtschaftliche Stellung von Ländern des globalen Südens im Welthandel wird zu verheerenden Folgen für Menschen in Ländern wie Indien führen. Auf die Krise müsse deswegen schnell und global geantwortet werden. Internationale Organisation wie der IWF (Internationaler Währungsfond) und die einzelnen Nationalstaaten sollen durch wirtschaftliche Maßnahmen die schlimmsten Folgen der Krise verhindern. Die Stundung von Schulden ärmerer Länder wäre eine Lösung. Diese Staaten müssten demnach etwa Raten für Kredite erst Monate später an den IWF oder die Weltbank zahlen. Länder des globalen Südens sollten außerdem überlebensnotwendige Produkte vermehrt durch lokale Produktion abdecken. Das würde die Abhängigkeit von Importen verringern.
Krise als Chance für Sozialstaat und zivilgesellschaftliche Beteiligung.
Auch Walden Bello betonte, dass die drohende Wirtschaftskrise dramatische Ausmaße einnehmen könnte. Die Folgen der Finanzkrise 2008 hätten dazu geführt, dass vielerorts soziale Absicherungen durch den Staat abgebaut worden wären. Derartige sozialstaatlichen Absicherungen hätten die kommende Krise abdämpfen können. Laut Bello ist die Situation aber auch eine Chance für Veränderung. Die Zivilgesellschaft soll die „Kontrolle über den Prozess“ in der Überwindung der Krise übernehmen. Quinn Slobodian argumentierte ebenfalls, dass die Krise der Beginn wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Umbrüche sein könnte. Im Kontext der USA, habe die Corona-Krise die Probleme des US-amerikanischen Wirtschaftssystems offenbart, in dem viele Menschen schon vor Corona an der Armutsgrenze leben mussten. Deshalb gäbe es jetzt ein „Zeitfenster neuer Möglichkeiten“. Ähnlich wie Bello bekräftigte Slobodian, dass im Gegensatz zur Krise 2008, der Staat jetzt eine größere Rolle spielen müsse, um Versorgungskrisen und weitere Gesundheitskrisen verhindern zu können. Slobodian vermerkte aber auch, dass es als Gesellschaft nötig sein wird, den Wert von Sorgearbeit anzuerkennen und damit Gewerkschaften und Arbeitnehmer*innen-Vertretungen eine größere Rolle zuzusprechen.
Regionalisierung und feministischer Aktivismus als Antwort auf die Krise.
In vielen Regionen Afrikas sei gar kein funktionierendes Gesundheits- und Sozialsystem vorhanden und Staaten seien nicht in der Lage die Krise zu bewältigen, entgegnete Leobhang Liepollo Pheko. Sie plädierte für eine regionale Herangehensweise, um die Krise zu überwinden und auch um die Abhängigkeit des globalen Südens vom globalen Norden zu mindern. Immer noch sei die in der kolonialen Herrschaft wurzelnde wirtschaftliche Vormachstellung des globalen Nordens allgegenwärtig. Pheko betonte aber auch, dass der globale Norden von der Arbeitskraft des globalen Südens bei der Produktion vieler Rohstoffe und Produkte abhängig ist. Besonders wichtig sei der „Black Feminism“ (dt. „Schwarzer Feminismus“), eine feministische Bewegung schwarzer Frauen, die sich unter anderem mit der Verschränkung verschiedener Unterdrückungsverhältnisse wie Geschlecht, Klasse und Race beschäftigt. Dieser werde helfen, imperialistische Strukturen zu überwinden, sowie Vermögen und Macht umzuverteilen.
Der Wert von Sorgearbeit und Umweltschutz sind wichtiger denn je.
Insgesamt waren sich die fünf Wissenschaftler*innen einig, dass globale Institutionen wie der IWF in der Vergangenheit durch Strukturanpassungsprogramme, die Länder des globalen Südens zu einer Öffnung des Marktes und den Rückbau des Sozialstaats zwangen, massiv zur Ungleichheit zwischen dem globalen Norden und Süden beigetragen haben. Trotzdem sind diese globalen Institutionen notwendig für das Überstehen einer globalen Krise. Für eine gesellschaftliche Transformation nach der Krise sei es besonders wichtig, den Wert unbezahlter und bezahlter Sorgearbeit anzuerkennen und den Schutz der Umwelt bei allen Maßnahmen mitzudenken.
Die Corona-Krise wird vor allem im globalen Süden zu nie dagewesenen wirtschaftlichen und sozialen Folgen führen. Dennoch sahen alle in der Krise auch eine Chance für gesellschaftliche Veränderung und sozialen Wandel.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.