Forum der JungforscherInnen

Ganz im Sinne eines langfristigen und vorausschauenden Denkens durfte bei der sechsten Österreichischen Entwicklungstagung wie immer auch der wissenschaftliche Nachwuchs zu Wort kommen. Beim Forum der JungforscherInnen gaben vier von ihnen Einblicke in ihre wissenschaftlichen Arbeiten.

Trauma durch Armut

Elijah Macharia Ndung’u stellte seine Arbeit zum Thema „Trauma of Poverty“ vor. Er hatte dazu die Rolle von SozialarbeiterInnen in Kenia untersucht. Ndung’u begann mit einer Definition des Begriffs Trauma, um dann „Trauma of poverty“ als einen Zustand von Hilflosigkeit oder Hoffnungslosigkeit zu erklären, der von traumatischen Ereignissen oder Erfahrungen sowie Stressfaktoren, die alle in Zusammenhang mit Armut stehen, verursacht wurde. Ständige ökonomische Probleme würden sich auf die Gesundheit der Menschen auswirken. Armut als Ursache von Trauma komme gegenüber Krieg, Naturkatastrophen etc. in der Forschung zu wenig Gewicht zu.

Auch in der Sozialarbeit in Kenia werde das Thema „Trauma durch Armut“ kaum beachtet oder adressiert. Die SozialarbeiterInnen verfolgen eher einen ökonomischen Ansatz, während psychologische Auswirkungen ausschließlich PsychologInnen bzw. PsychiaterInnen vorbehalten blieben. Jedoch seien gerade psychologische Aspekte wichtig, da sie ökonomische Verbesserungen erst ermöglichen würden. Ndung’u sprach sich dafür aus, dass auch SozialarbeiterInnen diese adressieren.

In Bezug auf Trauma brauche es einen holistischen Zugang. Er betonte auch, dass Trauma kulturspezifisch und die westliche Konzeptualisierung daher nicht universal sei. Gemeinsam mit westlichen Ansätzen könnten auch indigene oder kulturspezifische Ansätze verfolgt werden, um Traumata zu adressieren. Die Sozialarbeit solle jedenfalls neue Dimensionen in sich aufnehmen und sich vor allem am Wohlergehen des Individuums orientieren.

NGOs im Post-Development-Diskurs

Julia Schöneberg hatte in Haiti untersucht, inwieweit sich NGOs als Akteure alternativer Entwicklung fassen ließen. Sie bemühte dazu einen Post-Development-Ansatz, wonach Alternativen zur bestehenden Auffassung von Entwicklung angestrebt werden sollten. Sei etwa Kooperation der einzige Weg? Es könnten doch genauso lokale Organisationen und Bewegungen unterstützt werden, die dann alleine für die Entwicklung im eigenen Land verantwortlich sind. Entwicklung sei als politisch und nicht als rein technisch zu betrachten. Von diesen Grundsätzen ausgehend fragte Schöneberg, wie sich internationale NGOs (INGOs) für Veränderung in Haiti einsetzen könnten, ohne dabei lokale Vorstellungen von Entwicklung zu stark zu beeinträchtigen.

Im Bereich der INGOs gebe es starke, sich selbst erhaltende Strukturen, die auch auf deren GeldgeberInnen zurückzuführen seien. Obwohl ein partnerschaftlicher Zugang vorherrsche und lokale Vorstellungen einbezogen werden, bleibe der Spielraum internationaler Organisationen limitiert.

Für eine nachhaltige Entwicklung müsse die Regierung handlungsfähig werden. BürgerInnen müsse es möglich sein, Forderungen zu stellen und die Regierung zur Verantwortung zu ziehen. INGOs könnten hier mithelfen, indem sie lokale, zivilgesellschaftliche Organisationen finanzieren, ohne die Finanzierung an Bedingungen zu knüpfen. Es blieben dann aber noch immer einige Probleme, etwa dass NGOs eher in Projekten als in Bewegungen denken.

Beidseitige Lernprozesse

Corinna Pummer sprach zu Empowerment in der EZA. Sie versuchte sich an einer Definition des Begriffs Entwicklungszusammenarbeit und fragte nach dem Selbstverständnis der AkteurInnen im EZA-Bereich. Eine mögliche Antwort sei für sie, EZA als reziprokes Empowerment zu verstehen, das auf Empathie, Reflexionsfähigkeit und geteilter Verantwortung aufbaue. Doch noch immer sei EZA einseitig angelegt: „Oft besteht ein Arzt-Patienten-Verhältnis, wo immer nur am Patienten, also dem Entwicklungsland, operiert wird“, so Pummer. Dabei seien die reichsten Länder nicht immer die glücklichsten und womöglich kein geeigneter Maßstab.

In der EZA müsse es zu einem Umschwenken in Richtung eines beidseitigen Lernprozesses kommen. Mit bestehenden Asymmetrien könne auch positiv umgegangen werden. „It takes two to tango“ (dt.: Es braucht zwei zum Tangotanzen), schloss Pummer ihren Vortrag ab. Aus dem Publikum wurde noch ergänzt, dass gefragt werden sollte, was die Menschen wirklich brauchen und ob überhaupt Hilfe benötigt werde.

Burkinische Revolution

Martin Bodenstein gab einen Überblick über die Revolution zwischen 1983 und 1987 in Burkina Faso, das damals zu den am wenigsten entwickelten Ländern gezählt worden sei. Der Conseil national de la révolution (CNR), der der Militärdiktatur unterstellt war, habe einen Ausweg und eine neue, marxistisch inspirierte Gesellschaft versprochen. Dementsprechend wurden Kampagnen und Reformen gestartet, um die Zivilgesellschaft in die neuen Strukturen zu integrieren. Dabei sei mit Repression gearbeitet, die Bevölkerung sei zur Anpassung gezwungen worden. Damit einhergehend habe die Regierung BürgerInnenrechte wie das Streikrecht und das Recht zur freien Meinungsäußerung eingeschränkt. Jedoch habe sich in der Zivilbevölkerung Widerstand geregt, der sich in Form von Streiks und anderen Aktionen artikulierte. Eine wichtige Rolle sei dabei den Gewerkschaften zugekommen.

Die Politik habe ihre Versprechen an die Bevölkerung nicht eingehalten. Aufgrund von Faktoren wie starker Kontrolle und Disziplinierung sei es zu einem Bruch mit VermittlerInnen und schließlich mit allen gekommen, was zum Scheitern des Regimes geführt habe. Die Geschichte der Revolution bleibe aber für Burkina Faso weiterhin relevant, wie sich anhand der anstehenden Wahlen und der Unruhen im Oktober 2014 zeige.

Die vier JungforscherInnen haben ihre Arbeiten im Rahmen einer Ausschreibung des Mattersurger Kreises für Entwicklungspolitik eingereicht. Die Texte wurden von einer unabhängigen Jury im double-blind-Verfahren ausgewählt.

Nähere Informationen zu den vier JungforscherInnen finden Sie hier: https://www.pfz.at/list163.htm

Michael Straub studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

Fotos: Valentina Duelli

Veröffentlicht in Entwicklungstagung 2014.