Beste aller Welten – Reden über Ungleichheit.

Zwei gegenläufige Trends sind in der Entwicklungspolitik zu beobachten: Einerseits beeindruckende Erfolge bei der Armutsbekämpfung, andererseits die Zunahme der globalen Ungleichheit. Wie diese beiden Phänomene mit den großen Herausforderungen unserer Zeit – etwa der ökologischen Krise – zusammenhängen, wurde in der Auftaktveranstaltung zur #webET2020 debattiert.

Am 11.11.2020 diskutierten online Entwicklungssoziologin Karin Fischer (JKU Linz) und Wirtschaftshistoriker Andreas Exenberger (Universität Innsbruck) die von Moderator Andreas Obrecht (appear/OeAD) eingangs aufgestellte kulturoptimistische These, dass wir angesichts sinkender Armut und steigender Lebenserwartung in der „besten aller Welten“ lebten. Obrecht präsentierte dabei überzeugende Argumente für seine Einschätzung: Obwohl sich die Weltbevölkerung seit 1900 verfünffacht hat, sind heute nur noch zehn Prozent der fast 8 Milliarden Menschen von extremer Armut betroffen, im Laufe des 20. Jahrhunderts konnte im Hinblick auf die Lebenserwartung eine ganze Lebensspanne dazugewonnen werden. Zudem ging Obrecht unter Verweis auf neueste Statistiken davon aus, dass schon in etwa 20 bis 25 Jahren mit 8,5 Milliarden Menschen das Maximum der Weltbevölkerung erreicht sein werde und der Bevölkerungsdruck danach deutlich abnimmt.

Armutsbekämpfung ist politisch unverfänglich, Ungleichheitsbekämpfung nicht.

Karin Fischer kam zunächst nicht umhin, Obrecht darin zuzustimmen, dass Menschen älter, größer und gebildeter werden. Doch sie wies auch darauf hin, dass sich der entwicklungspolitische Diskurs jahrzehntelang beinahe ausschließlich mit Armutsbekämpfung beschäftigt habe, und dabei die Ungleichheit stark vernachlässigt wurde. Erst die Einführung der Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Deveolpment Goals – SDGs) 2016 und jüngere bedeutende Publikationen wie Thomas Pikettys „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ hätten endlich eine Debatte über Ungleichheitsreduktion angestoßen. Andreas Exenberger sprach in diesem Zusammenhang sogar von einem Paradigmenwechsel, da man sich zwar beim Thema Armut leicht ausklinken könne, Ungleichheit aber alle Menschen betrifft. Für Fischer wäre es von großer Bedeutung, nicht nur über Armutsbekämpfung, sondern auch über Reichtumsbekämpfung zu diskutieren, da man mit einem kritischen Blick auf Vermögenskonzentration den Fokus auf seit langem verfestigte Machtverhältnisse legen könnte.

Die Folgen von Ungleichheit für die Demokratie.

Obrecht wies darauf hin, dass bereits Aristoteles Ungleichheit als problematisch für den sozialen Zusammenhalt betrachtet hat. Auch Fischer bezeichnete die Reduktion von Ungleichheit als zentrales Element für die Entwicklung eines Solidaritätsgefühls in einer Gesellschaft. Die zunehmende Neoliberalisierung, die einerseits den Reichen seit den 1980er Jahren die überproportional starke Vermehrung ihres Vermögens über die Finanzmärkte ermöglicht hat, führte auf der anderen Seite zu einem relativen Einkommensverlust der alten Mittelschichten. Die dadurch aufkommenden Abstiegsängste in den traditionellen Industrieregionen des Globalen Nordens begünstigen den Aufstieg von Autoritarismus.

Hängen Wohlstand und Demokratisierung zusammen?

Auch wenn zweifellos ein gewisses Einkommensniveau Voraussetzung dafür ist, sich überhaupt politisch engagieren zu können, sollte man keine direkte Linie zwischen Wohlstand und Demokratie ziehen, wie Exenberger unter Verweis auf erdölexportierende Staaten am Persischen Golf argumentierte. Wichtiger als das Wohlstandsniveau sei es, im Hinblick auf politische Partizipation die soziale Ungleichheit einer Gesellschaftsformation zu betrachten.

Brennpunktthema ökologische Ungleichheit.

„Seit der industriellen Revolution haben wir im Globalen Norden die Verschmutzungs- und Zerstörungsrechte für uns reklamiert“. Mit diesem Satz bringt Fischer einen weiteren besorgniserregenden Aspekt der Ungleichverteilung von Einkommens- und Konsumniveau auf den Punkt: die ökologische Ungleichheit. Am Beginn des 21. Jahrhunderts verbrauchen 15 Prozent der Weltbevölkerung im Globalen Norden so viel Energie wie 85 Prozent der Weltbevölkerung im Globalen Süden. Damit verursacht ein Zehntel der Menschheit die Hälfte der globalen Treibhausgasemissionen, von den Folgen des dadurch induzierten Klimawandels sind jedoch wiederum die Gesellschaften des Globalen Südens in einem viel höheren Ausmaß betroffen.

„Diese Welt ist vielleicht für einige wenige die beste, für uns alle kann sie jedoch die denkbar schlechteste sein“

Exenberger bezog sich mit dieser Aussage auf die Tatsache, dass das derzeitige Wirtschaftssystem zwar enormen Reichtum für eine kleine Minderheit ermögliche, dieser aber allein aufgrund der ökologischen Folgen nicht auf die gesamte Weltbevölkerung ausdehnbar sei. Karin Fischer betonte in diesem Zusammenhang, dass es zwei Möglichkeiten gäbe, ökologische Ungleichheit zu reduzieren: entweder der Globale Süden intensiviert seinen Materialverbrauch oder der Globale Norden reduziert seine Ressourcennutzung. Somit würden Verteilungskämpfe zu führen sein, wobei besonderes Augenmerk auf die technische Infrastruktur zu legen ist: Autobahnen, Flughäfen oder Kraftwerke schreiben über Jahrzehnte Muster der Ressourcennutzung fest.

Die SDGs als Lichtblick für die Ungleichheitsbekämpfung?

Einigkeit am Podium herrschte über die potentiell wegweisende Rolle der SDGs, wobei vor allem das Ziel 10.4 „Politische Maßnahmen beschließen, insbesondere fiskalische, lohnpolitische und den Sozialschutz betreffende Maßnahmen, und schrittweise größere Gleichheit erzielen“ als wichtiges Resultat politischer Kämpfe bewertet wurde und eine Grundlage für Bewusstseinsbildung zum Thema Ungleichheit bieten kann.

In der abschließenden Diskussion mit dem Publikum wurde vor allem über potenzielle Maßnahmen der österreichischen Bundesregierung zur Erreichung der SDGs gesprochen. Von großer Bedeutung für die Bekämpfung globaler Ungleichheiten wäre es, Steuerwettbewerb einzudämmen und Transparenz in den Eigentümer*innenstrukturen von Unternehmen zu schaffen, sowie sich auf internationaler Ebene dafür einzusetzen, dass Steueroasen trockengelegt werden.

Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

 

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Aufzeichnung der Veranstaltung

 

Veröffentlicht in #webET2020, Thema Globale Ungleichheiten.