#webET2020: Nationalismus als Antwort auf die Pandemie in Süd- und Südostasien.

Wie manifestiert sich gesellschaftliche Ungleichheit seit dem Ausbruch von COVID-19 in Süd- und Südostasien? Löst die Pandemie gesellschaftliche Umbrüche aus? Welche Unterschiede gibt es im Umgang mit der Krise?

Diese Fragen wurden am 13. November 2020 im Rahmen der #webET2020 behandelt. Schwerpunkt der Konferenz waren globale Ungleichheiten im Kontext der COVID-19 Pandemie. Das Gespräch wurde von Petra Dannecker (Institut für internationale Entwicklung, Universität Wien) moderiert. Zu Gast waren Paula Banerjee (Institut für Süd- und Südostasienstudien, Universität Kalkutta, Indien), Sanam Amin (unabhängige Wissenschaftlerin und Journalistin, Thailand) und Venkat Ramnayya (Youth for Action, Indien).

Ungleiche Auswirkungen der Pandemie in Indien.

Banerjee zufolge sei Indien eins der Länder, das am meisten unter dem Virus leidet. 129 000 Menschen sind an COVID-19 gestorben, 8 Millionen haben sich infiziert. In der Region führt die Wechselwirkung von Klimawandel und Pandemie laut Ramnayya dazu, dass sich die Katastrophe vervielfältigt. Wachsende Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit und sanitäre Unterversorgung vermehren Armut, Hunger, Krankheit, Gewalt und Depression. Besonders hart trifft es Arbeiter*innen, die vom Land in die Stadt zogen, um ihren Lebensunterhalt im informellen Sektor zu verdienen. 400 Millionen Menschen mussten ihren Wohnort verlassen. Durch den Lockdown hatten sie ihren Job verloren und blieben ohne finanzielle Absicherung zurück. Auf wochenlangen Fußmärschen in der Hitze, ohne Wasser und Nahrung, starben Tausende. Dass in einer derartigen Notlage niemand Hygienebestimmungen einhalten kann, ist offensichtlich. „In Indien“, meinte Banerjee, „sind die Regelungen für Reiche gemacht.“

Das Zusammenspiel von Klimakrise und Pandemie verdoppelt die Not.

Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt sind aufs Engste miteinander verknüpft, wie Ramnayya betonte. Doch in den Medien und bei staatlichen Hilfspaketen bleibt Klimaschutz auf der Strecke. Nach Naturkatastrophen wie dem Zyklon Amphan im Mai dieses Jahres müssen Tausende Menschen evakuiert werden. Sanitäre Bedingungen in Auffanglagern sind prekär, das heißt in Zeiten der Pandemie lebensgefährlich. Bauern und Bäuerinnen verlieren durch Dürre oder Unwetter ihre Ernte. Dadurch ist die lokale Bevölkerung nicht ausreichend mit Nahrung versorgt. Vor allem in ländlichen Gegenden wächst der soziale Druck. Häusliche Gewalt habe sich verdoppelt und Minderjährige werden häufiger missbraucht, wie Anrufe bei Notrufdiensten zeigen. Auch Arbeiter*innen, die aus der Stadt in ihr Heimatdorf zurückkehren, werden Opfer von Gewalt. In Gemeinschaften mit niedrigem Bildungsniveau ist die Angst groß, sich mit dem Virus zu infizieren. Die Geflüchteten werden als Ansteckungsgefahr wahrgenommen, einige sogar in Schulen gesperrt und gesteinigt.

Machthaber in Südostasien nutzen COVID-19 für totalitäre Politik.

Aus Thailand und Vietnam berichtete Sanam Amin von überraschend niedrigen Infektionszahlen. Den beiden Ländern war es in den letzten Jahrzehnten gelungen, das staatliche Gesundheitssystem durch Investitionen zu verbessern. Trotzdem fehle es an Unterstützung für Arbeitslose. Das größte Problem seien derzeit mangelnde Pflegekräfte aus dem Ausland. Die Grenzen wurden geschlossen, um die Verbreitung des Virus einzudämmen. Die zusätzlich anfallende Arbeit belaste nun Frauen, die zu Hause Kinder und Angehörige betreuen müssten. Nationale Abschottung sei nur eine von zahlreichen unverhältnismäßig autoritären Antworten des Regimes auf die Pandemie. Politische Machthaber nutzten Amin zufolge die Krise aus, um gesellschaftliche Freiheiten einzuschränken. Werktätige, die für bessere Arbeitsbedingungen demonstrierten, wurden gefangen genommen. Die Begründung: Gesundheitsrichtlinien seien bei den Protesten nicht eingehalten worden. Die Zustände in der anschließenden Haft entsprachen den Gesundheitsrichtlinien allerdings ebenso wenig.

Nationalismus ist keine Lösung.

Migrant*innen in Thailand und Vietnam werden isoliert und beschuldigt, COVID-19 zu verbreiten. Durch geschlossene Grenzen sind die zugewanderten Arbeiter*innen auch vom Ausland abgeschottet. Aufgrund sprachlicher Barrieren fehlen essenzielle Informationen. Es ist unklar, wie man sich gegen das Virus schützen kann. Abhängig von täglichem Lohn, wächst die Verzweiflung in der Gemeinschaft. Es kommt zu Spannungen, Gewalt und Selbstmord. Nationalistische Strategien seien laut Amin vor allem langfristig nutzlos, um der Problemlage beizukommen. Je mehr Staaten beteiligt seien, desto nachhaltigere Lösungsansätze könnten gefunden werden. Ungleichheit sei nicht Schuld einzelner Akteure oder Gruppen, sondern ein Fehler im System. Banerjee zufolge kommt es jetzt darauf an, neu zu definieren, was Entwicklung bedeutet. Die Pandemie würde zeigen, dass die Reichen von politischen und wirtschaftlichen Leitmotiven profitieren. Ärmere Gruppen hingegen verelenden. Staatliche Hilfen richteten sich dabei weniger nach den Bedürfnissen der Menschen, als nach den Bedürfnissen des Marktes.

Positive Veränderungen in der Zivilgesellschaft zeichnen sich ab.

Mit der aktuellen Situation sind viele Regierungen überfordert. Andere sind darauf aus, ihre politische Macht zu festigen und kapitalistische Wirtschaftsstrukturen aufrecht zu erhalten. Alle Sprecher*innen betonten, wie wichtig es daher für die Zivilgesellschaft sei, sich zu organisieren und gegenseitig zu unterstützen. Eine Vielzahl an Initiativen existiere schon. In Zeiten der Corona Krise gebe es mehr Aktivismus als je zuvor. Die Pandemie zeigt außerdem, dass wir einer globalen Gemeinschaft angehören. Indem wir jetzt an konstruktive Impulse anknüpfen und aus ungelösten Fragen lernen, entsteht vielleicht ein stärkeres Bewusstsein gegenüber globalen Ungleichheiten und die Bereitschaft, mit vereinten Kräften für eine gerechtere Welt zu kämpfen.

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Weiterführende Links:

zu den Aufzeichnungen der Panels der #webET

zum Programm der #webET

 

Veröffentlicht in #webET2020, Thema Globale Ungleichheiten.