Transformation ist aktives Handeln IV.

Ein Syntheseversuch der 7. Entwicklungstagung zur Frage nach den sozial-ökologischen Transformationen.

Ein neues Narrativ für neues Handeln, doch woher und mit wem? Im Schlussforum der Tagung und am Schluss dieser Synthese geht es um notwendige Schritte und den Boden, der uns dabei tragen könnte. Und – mit Polanyi und Freire gesprochen – um Ermächtigung und Demokratisierung, damit alle gleichberechtigt vorwärts gehen können.

Die Frage nach den Allianzen.

Das Schlussforum stand im Zeichen der Notwendigkeit, ein neues Narrativ zu entwickeln. Das aktuelle Narrativ im Umfeld der Bewegungen für sozial-ökologische Transformation sei zu pessimistisch, meinte Moema Miranda, die gleichzeitig nicht müde wurde, die Destruktivität des Systems anzuprangern. Gefragt wurde in diesem Abschlusspanel, welche Allianzen gebildet werden müssten, um die gewünschten sozial-ökologischen Transformationen zu verwirklichen. Nach Ansicht Mirandas stellen die „Zonen des Opfers“ den richtigen Ausgangspunkt für neue Allianzen dar. Viele Menschen lebten in jenen Gebieten und Zonen, die im Interesse unseres destruktiven ökonomischen Systems zerstört werden. Mit ihnen sollten wir das Bündnis suchen, mit ihnen und dorthin sollten wir gehen. Der Vorschlag war radikal – und wurde vom Plenum wenig widergespiegelt. Möglicherweise sind viele TeilnehmerInnen ob des Gedankens erschrocken, an diese Ränder des Systems zu gehen und sich selbst den Kräften der Destruktion auszusetzen.

Stehen hohe ethische Ansprüche den Allianzen im Weg?

Mehrfach wurde hingegen kritisiert, dass kritische AktivistInnen eben in ihren „sozialen Blasen“ bleiben. Gleichzeitig war aber auch unverkennbar, dass bestimmte Merkmale dieser „Blase“ doch als sehr wichtig erachtet wurden: So wurde mehrfach Kritik am Buffet artikuliert, auf dem sich kein fair gehandeltes Obst und Milch aus konventioneller Landwirtschaft fand – neben durchgehend ökofairen Angeboten. Es ist eben schwer, vor diesen hohen ethischen Ansprüche zu bestehen, mit denen sich nicht zuletzt die moralische Elite von anderen sozialen Gruppen abgrenzt und damit möglicherweise ihre politischen Sehnsüchte zu einem elitären Lebensstilprojekt reduziert. Hier stellt sich die Frage, ob solche Kritiken tatsächlich wesentlich sind, um selbst zu einem kohärenten politischen Projekt zu gelangen – oder aber auch ein Weg sind, um sich der radikalen Aufforderung und Zumutung, an die Ränder des Systems, die Zonen des Todes und der Opfer zu begeben, zu entziehen. Hier spiegelten sich die von Novy angesprochenen Elitendiskurse und ihre Widersprüche innerhalb der Entwicklungstagung selbst.

Die Erde und die Hoffnung als tragende Elemente.

Die zweite Alliierte, neben den Opfern des Systems, sei Gaia, die Erde selbst. Hier teilte Moema Miranda die Überzeugung Donna Andrews, dass wir Teil der Natur seien und das dichotome Denken in den Kategorien Mensch versus Natur überwinden müssten. Es gehe um einen dialektischen Prozess. Miranda scheute sich auch nicht, hier die damit verbundene spirituelle Dimension anzusprechen – und damit die Debatte auch auf die Dimension der Hoffnung zu öffnen. Die Resonanz darauf war sehr stark und viele TeilnehmerInnen artikulierten, was ihnen Hoffnung mache, sich weiterhin für eine gerechte Welt einzusetzen.

Das Prinzip Hoffnung war eine der Antworten auf die Schlussfrage der Moderatorin Ines Omann, welche Botschaft die referierenden Gäste aus dem Süden dem Plenum noch mitgeben wollten. Moema Miranda forderte zuletzt nachdrücklich dazu auf, sich nicht zu isolieren und die weiteren Kämpfe als sozialen, kollektiven Prozess zu verstehen – getragen aus einer gemeinsamen Hoffnung.

Fazit: Ein Fest für Polanyi und Freire.

Hat die Entwicklungstagung ihre Ziele erreicht? Wenn es darum geht, mit der Tagung einen breiten Debattenraum zu öffnen, in dem die unterschiedlichsten Zugänge zur Thematik gleichwertig nebeneinander eingebracht werden können, dann ja. Wenn es hingegen darum ging, die zwei Schritte des Tagungskonzeptes zu gehen, nämlich erstens Analysen der aktuellen sozial-ökologischen Transformation zu bieten und zweitens Modelle und roadmaps dorthin zu skizzieren und in Diskussion miteinander zu bringen, dann fällt die Bilanz eher durchwachsen aus. Zum einen hat dies damit zu tun, dass es nicht gelungen ist, RepräsentantInnen verschiedener Modelle nebeneinander auf Podien zu bringen, was wiederum der Sorge geschuldet war, Personen unzulässigerweise auf Positionen zu reduzieren. Zum anderen aber spiegelt dieses partielle Scheitern auch die Komplexität der Diskussion und der Verhältnisse, deren Wesenskern die Widersprüchlichkeit ist. Darüber hinaus ist dies auch eine Folge der Interventionen der ReferentInnen aus dem Globalen Süden, denen es wichtig war, ihre Zugänge jenseits des konventionellen Entwicklungsdiskurses, damit jenseits der SDGs wie auch anderer roadmaps zu vertreten. Wenn die Seinsweise selbst befragt wird, die Episteme angefragt sind, die herkömmliche Mensch-Natur-Dichotomie in Frage gestellt wird, dann werden Wege jenseits der bekannten Wege beschritten. Donna Andrews ging es mit ihrer Formel, dass Transformation konkretes Handeln ist, eben auch um eine Kritik des diskursiven Zugangs. Dies war ja, auch dies sei angemerkt, Ziel der Übung, strebt die Entwicklungstagung doch danach, „den beteiligten Personen und Institutionen zu ermöglichen, ihre eigenen Zugänge und Positionen im Hinblick auf grundlegende Aspekte der Entwicklungspolitik und humanitären Hilfe im Rahmen eines kollektiven Lernprozesses weiterzuentwickeln.“ Was sonst könnte inhaltliche Weiterentwicklung denn bedeuten, als grundlegende Denkweisen in Frage zu stellen?

Wenn es zum Abschluss erlaubt ist, die Debatten der Entwicklungstagung entwicklungstheoretisch einzuordnen, kann beobachtet werden, dass Modernisierungs- und Dependenztheorien weiterhin Wahrheitsansprüche stellten: Zum einen fand sich der in modernisierungstheoretischer Tradition stehenden Technologieoptimismus in der Green Economy wieder, zum anderen aber auch die dependenztheoretisch unterfütterbare Kritik, dass Frauen im Globalen Süden und generell das Feld der Care-Arbeit mit den Kosten für Entwicklungsprozesse an anderen Orten belastet würden. Beide entwicklungstheoretischen Zugänge wurden von einer postkolonialen Kritik ergänzt: Die Wissenskritik von Ulli Vilsmaier, insbesondere aber jene von Donna Andrews artikulierte Positionen der feministischen postkolonialen Theorie, die sich gegen die Kolonialisierung des Wissens wie des Körpers (der Frauen, aber nicht nur) wenden.

Zwei Leittheoretiker verbargen sich hinter einigen der Vorträge und Beiträge – zum einen sehr explizit Karl Polanyi mit seiner kritischen Sicht auf Transformation als Enteignung und auf die Gefährdung und Zerstörung der Demokratie, zum anderen aber auch Paulo Freire und seine Kritik einer Forschungspraxis, die ausgebeutete Gruppen weiter marginalisiert, der eine engagierte Forschung entgegenzustellen ist, die kontextualisiert, einbezieht und damit ermächtigt. In diesem Sinne war die 7. Entwicklungstagung – neben vielem anderen – auch eine durchwegs freireanische Tagung.

 

Der Autor ist Direktor des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

 


 

Weiterführende Links: 

– Zur Seite der Entwicklungstagung: www.entwicklungstagung.at

– Zu weiteren Artikeln über die Tagung: https://www.pfz.at/list193.htm


Fotos: Michael Straub © Paulo Freire Zentrum

Veröffentlicht in Entwicklungstagung 2017.