Green Finance als Möglichkeit für Wandel im System?

Grüne Anlagen (Green Finance) werden häufig als Investitionsformen in ökologisch nachhaltige Entwicklung präsentiert. Das transformative Potential von Green Finance wird aber zunehmend hinterfragt. Was sagen Expert*innen dazu?

Am 16. März 2021 wurde im Rahmen des Webinars „Green Finance Going Global: Solution or Trap?“ (dt.: Grüne Anlagen: Lösung oder Falle?) die aktuelle Ausgabe des Journals für Entwicklungspolitik (JEP) präsentiert. Diese beschäftigt sich mit der globalen politischen Ökonomie von Green Finance und sozial-ökologischer Transformation. Im Webinar, das vom Mattersburger Kreis, Paulo Freire Zentrum, Vienna Institute for International Dialogue and Cooperation (VIDC), Momentum Institut und der Fachhochschule des BFI Wien mit Unterstützung der Arbeiterkammer Wien organisiert wurde, präsentierte ein Teil der Autor*innen zentrale Erkenntnisse ihrer Forschung.

Einleitend stellte Johannes Jäger (BFI, Wien), einer der Herausgeber des aktuellen JEP, die Anliegen und Ziele der Schwerpunktausgabe vor. Daran anschließend diskutierte Samuel Decker (Netzwerk Plurale Ökonomik, Deutschland) das Potential der Green New Deals. Lama Tawakkol (Queens University, Kanada) gab Einblicke in ihr regionales Forschungsfeld, Jordanien. Yuliya Yurchenko (University of Greenwich, Großbritannien) präsentierte ihre Expertise zu Green Finance im Kontext des Energiemarktes. Im Anschluss an die Inputs der Autor*innen waren Anna Hehenberger (Momentum Institut, Wien) und Oscar Reyes (Transnational Institute, Amsterdam) eingeladen, die Artikel zu kommentieren. Moderiert wurde die Präsentation von Martina Neuwirth (Mattersburger Kreis, VIDC).
Zu Beginn bildete eine Umfrage unter allen Teilnehmenden deren Einstellungen zu Green Finance ab: Demnach stand die Mehrheit der Anwesenden grünen Anlagemöglichkeiten zwar skeptisch gegenüber, aber ein Drittel der Befragten sah auch Potential für einen nachhaltigen Wandel der Finanzwelt in diesen Investitionsformen.

Was ist Green Finance und wo liegt das Problem?

Johannes Jäger beschreibt in seinem Beitrag im vorgestellten Journal für Entwicklungspolitik den Großteil der existierenden grünen Anlagen als neoliberale Variante von Green Finance. Diese werden als ökologisch ausgewiesen, seien aber einer neoliberalen Logik unterworfen. Während diese Investitionen, so Jäger, weder ökologische noch soziale Probleme lösen könnten, schreibt er der reformorientierten Form von Green Finance das Potential für den Aufbau eines grünen Kapitalismus zu. Durch verbindliche ökologische und finanzielle Regeln könne zwar ein ökologisch geprägter Kapitalismus gebildet werden, die kapitalistische Ausrichtung dieser Investitionsformen bleibe dabei aber bestehen und trage dadurch weiterhin zu einer Übernutzung der globalen Ressourcen bei. Schlussendlich sei es nur die progressiv transformative Variante von Green Finance, die durch eine starke öffentliche Beteiligung und globale Solidarität dazu beitragen könne, „jedem*r ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen“, so Jäger.

Die neoliberale Logik von Green Finance beobachtete Lama Tawakkol am Beispiel Jordaniens. Sie kritisiert, dass die Umweltprobleme Jordaniens ausschließlich in einem ökonomischen Kontext analysiert und gelöst würden. Dabei kämen ungleiche Machtverhältnisse und Klasseninteressen zum Tragen, die dazu führen würden, dass bestehende soziale Ungleichheiten verfestigt würden. „Das Geld fördert die Interessen ganz bestimmter Gruppen, nämlich private Interessen, vorwiegend aus dem Globalen Norden und nicht die der Empfänger*innen im Globalen Süden“, führte Tawakkol aus.
Lama Tawakkol stellte ökonomische und ökologische Anliegen einander gegenüber und ordnete den Arbeitsmarkt ausschließlich dem ökonomischen Bereich zu. In ihrem Kommentar kritisierte Anna Hehenberger diese Dichotomie: Arbeit sei nicht automatisch ein ökonomisches Thema, das dem ökologischen Wandel im Weg stehe. Arbeitsbereiche wie Sorgearbeit (care) leisten einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft, gleichzeitig erarbeiten sich die dort tätigen Angestellten kaum ökonomischen Profit und hinterlassen einen niedrigen ökologischen Fußabdruck. Diese Zusammenhänge gelte es, so Hehenberger, nicht zu ignorieren. Mit Blick auf das Finanzsystem stimmten alle Diskutant*innen der Aussage Johannes Jägers zu: „Wir brauchen eine radikale Neustrukturierung des Finanzsystems.“

Wie können wir das Finanzsystem neu organisieren?

Samuel Decker arbeitete drei zentrale Bereiche heraus, in denen systemischer Wandel stattfinden müsse, um den erwähnten negativen Konsequenzen von Green Finance entgegen zu wirken. Im Bereich der Umverteilung schreibt Decker den existierenden Green New Deals Potential zu, solchen Wandel anstoßen zu können. Trotzdem könnten diese Konzepte nicht bewirken, dass die Finanzwelt weniger profitorientiert ausgerichtet wird oder Produktionsprozesse stärker staatlich geplant werden.
Daran anschließend kritisierte Yuliya Yurchenko ebendieses profitorientierte Denken und argumentierte, dass das Ideal des ewigen Wachstums dem transformativen Potential von Green Finance im Weg stehe. Es brauche einen radikalen Wandel des Energiemarktes, der auf öffentlichen Finanzierungen und einer Demokratisierung des Finanzmarktes aufbaut, denn „wir sollten alle mitreden dürfen“, forderte Yurchenko. Dafür sei die Einstufung von Energie als öffentliches Gut (public good) nötig.

Wie soll es weiter gehen?

In einer abschließenden Runde wurden alle Diskutant*innen gefragt, welche Schritte in Hinblick auf eine sozial-ökologische Transformation unternommen werden sollten. Mehrmals fiel die Forderung nach globaler Solidarität und der Verbindung sozialer und ökologischer Lösungsansätze.
Grüne Anlagen könnten zu einem wirkungsvollen Instrument für die Umgestaltung des bestehenden (Finanz-)Systems werden, wenn sie sich von der neoliberalen Form zu einer reformorientierten und progressiv-transformativen Variante von Green Finance entwickeln würden. Green Finance müsse sich selbst noch weiterentwickeln, um einen Wandel im System bewirken zu können.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Weiterführende Links:

Aufzeichnung des Webinars
Journal für Entwicklungspolitik: The Global Political Economy of Green Finance and Socio-Ecological Transformation

 

Titelbild © Nattanan Kanchanaprat, Pixabay License

Veröffentlicht in Allgemein, Thema Globale Ungleichheiten.