Bis heute füllen Objekte aus afrikanischen und lateinamerikanischen Ländern Museen in Europa und den USA. Die meisten afrikanischen Nationen südlich der Sahara hingegen besitzen kaum materielle Zeugnisse ihres kulturellen Erbes.
Diese Umstände werden seit den 1980er Jahren öffentlich diskutiert. Trotzdem lehnten es Institutionen und politische Akteur*innen bisher in den meisten Fällen ab, die Kulturgüter an ihre Ursprungsländer zurückzugeben. Doch in den vergangenen drei Jahrzehnten hat sich viel getan. Neben Betroffenen, Künstler*innen und Kurator*innen setzten sich auch Wissenschaftler*innen wie Julia Steiner intensiv mit der sogenannten Rückgabedebatte auseinander. In ihrer Diplomarbeit „Quo vadis, Austria? – Die Aufarbeitung von Sammlungen aus ‚kolonialen Kontexten‘ in Wiener Museen“ erforschte Steiner, wie das Weltmuseum und das Naturhistorische Museum (NHM) mit Objekten aus ehemals kolonialisierten Gebieten umgehen. Im Rahmen des Vortrags „Völlig legal erworben…“ am 20. Mai 2021 präsentierte sie ihre Forschungsergebnisse im Dokumentations- und Kooperationszentrum südliches Afrika.
Wie kamen die Objekte nach Europa?
Zwischen dem 15. und dem 20. Jahrhundert nahmen europäische Nationen wie Großbritannien, Spanien, Frankreich, Belgien und Portugal große Teile des südamerikanischen und afrikanischen Kontinents in Besitz. Im Zuge dessen wurden unzählige Objekte von künstlerischem Wert, aber auch menschliche Überreste, gestohlen, nach Europa gebracht oder auf dem internationalen Kunstmarkt verkauft.
Welche Rolle spielte Österreich im Kolonialismus?
Anders als England oder Spanien eroberte Österreich nicht selbst Gebiete im Globalen Süden. Die Monarchie versuchte durch Wissenschaft und Handelsbeziehungen Macht auszuüben. Viele Objekte gelangten aber durch Ankauf und Schenkung ins Land. Steiner stellt jedoch infrage, ob diese Art des Erwerbs legitim war. Viele Artefakte wurden als Kriegsbeute beschlagnahmt. Die ursprünglichen Besitzer hatten beim Handel mit den Objekten kein Mitspracherecht. Österreich kaufte auf diesem Weg unter anderem einige Benin-Bronzen an, die heute international verteilt sind. Im Zuge von österreichischen Forschungsexpeditionen wurden auch Gräber ausgeraubt.
Quo vadis, Austria?
Im Gegensatz zu einflussreicheren Kolonialmächten blieb Österreich von Wissenschaftler*innen, die sich mit der Aufarbeitung des kolonialen Erbes beschäftigen, bisher unbeachtet. Julia Steiner nahm sich daher vor, diese Forschungslücke zu füllen. Im Rahmen einer vierjährigen Auseinandersetzung mit dem Thema untersuchte sie die Geschichte von rund 200 000 Objekte im Weltmuseum und 3 000 menschlichen Gebeinen im NHM. Dafür befragte sie Expert*innen, setzte sich mit wissenschaftlichen Publikationen auseinander und analysierte Medienbeiträge, Ausstellungen und Veranstaltungen.
Der Umgang mit den gestohlenen Objekten im 20. Jahrhundert.
Bis Ende des 20. Jahrhunderts verhielten sich Politik und Museen in Österreich weitgehend passiv. Der Bedarf, die Geschichte von Objekten aus ehemals kolonialisierten Gebieten aufzuarbeiten, wurde nicht erkannt. Die Sammlungen wurden mit Stolz auf die österreichische Forschungstätigkeit in Übersee gesammelt. Rückgabe Forderungen, die afrikanische und amerikanische Länder seit den 1970er Jahren wiederholt an Österreich herantrugen, wurden abgelehnt oder ignoriert. Als Begründung brachten die Verantwortlichen unter anderem vor, dass die Artefakte legal erworben worden waren und man die Kulturgüter durch die Aufbewahrung vor Ihrer Zerstörung gerettet hatte.
Bewusstseinswechsel im 21. Jahrhundert.
Die Perspektive auf Objekte aus dem globalen Süden in österreichischen Sammlungen verändert sich Steiner zufolge erst seit Ende des 20. Jahrhunderts maßgeblich. Das österreichische Restitutionsgesetzt von 1995 sensibilisierte die Öffentlichkeit für illegal erworbene Sammlungen aus der Zeit des Nationalsozialismus. Im Zuge dessen wurde auch das Bewusstsein für unrechtmäßig erlangte Objekte aus dem globalen Süden geschärft. Daneben wandelt sich die Sichtweise von Geschichtswissenschaftler*innen, Anthropolog*innen und Etholog*innen. So gerät Ende des 20. Jahrhunderts die Ansicht ins Wanken, Österreich habe sich im Kolonialismus nichts zu Schulden kommen lassen.
Was ist in jüngster Zeit passiert?
Steiner zufolge wurde die Geschichte von Objekten aus ehemals kolonialisierten Gebieten bisher nur im Weltmuseum aufgearbeitet. Wichtige Schritte veranlasste Barbara Blanken-Steiner, die das Museum seit 1998 leitet. Die die eigentliche Rückgabe müsse jedoch immer von der Regierung beteiligter Länder durchgeführt werden. Zwischen 2009 und 2015 überführte man eine große Anzahl von Gebeinen in ihre Herkunftsländer. Die Rückgabe von Kulturgütern aber steht noch aus. 2019 schuf die Veranstaltung „Das Museum im kolonialen Kontext“ die Basis für weitere Veränderungen. Die von Weltmuseum, Bundeskanzleramt und ICOM (International Council of Museums) veranstaltete Konferenz führte dazu, die Rückgabe fremder Kulturgüter in das Programm der österreichischen Regierung aufzunehmen.
Wie geht es weiter?
Steiner zufolge handelt Österreich im Einklang mit dem nationalen Trend. Doch obwohl die Herkunft der Artefakte aus dem Globalen Süden untersucht wird, fehlen flächendeckende Aufarbeitung und aktiv handelnde Politiker*innen.
In ehemals kolonialisierten Gebieten mangelt es vor allem an Klarheit. Seit die Objekte nach Europa gelangten, sind viele Jahrhunderte vergangen. Ethische Gruppen, soziale und politische Zusammenhänge haben sich verändert. Häufig stellt sich die Frage, an wen die Artefakte zurückgegeben werden sollen. Auch die Restitutionsbedingungen diskutiert man widersprüchlich, denn außerhalb Europas ist der Umgang mit den Objekten sehr verschieden. Laut Barbara Blanken-Steiner sollte die Entscheidung, wie mit den Kulturgütern umgegangen wird, jedoch bei ihren rechtmäßigen Eigentümern liegen, auch wenn konservatorische Richtlinien von Museen im Besitz der Artefakte nicht eingehalten werden.
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