Wie können die Auswirkungen der Corona-Pandemie entlang lange bestehender globaler Ungleichheitsverhältnisse verstanden werden? Darauf gibt der portugiesische Soziologe Boaventura de Sousa Santos in seinem Buch „El futuro comienza ahora. De la pandemia a la utopía.“ (dt. „Die Zukunft beginnt jetzt. Von der Pandemie zur Utopie“) eine Antwort. Er nimmt das Nachdenken über die einschneidenden Ereignisse der Pandemie zum Anlass, sich mit der Möglichkeit eines postkapitalistischen, postkolonialen und postpatriachalen Wandels der Gesellschaft zu beschäftigen. Das spanischsprachige Buch ist im vergangenen Jahr bei Ediciones Akal erschienen und liegt im Original auf Portugiesisch vor.
Programmatisch teilt sich das Buch in zwei Abschnitte: Der erste Teil setzt sich ausführlich mit dem Status Quo und den Brüchen der globalen Gegenwartsgesellschaft auseinander, während der zweite Teil die Wege einer paradigmatischen Transformation zu einer „utopischen“ Gesellschaftsordnung beschreibt. Der Autor knüpft damit an dekoloniale Diskurse an, bietet aber durch seinen angenehmen Schreibstil einen leichten Zugang zur Thematik.
Boaventura de Sousa Santos sieht in der gegenwärtigen Zeit den Beginn eines Epochenbruches. Während das 20. Jahrhundert mit dem 1. Weltkrieg und der russischen Revolution begann, sei der Ausgangspunkt des 21. Jahrhunderts die Corona-Pandemie und deren weitreichende Konsequenzen. Zudem kennzeichnet sie auch das Ende der Ära, die mit der kolonialen Expansion Europas begann: „Vom 16. Jahrhundert bis heute lebten wir in einer Epoche, in der die Natur uns gehörte; von nun an sind wir in eine Epoche eingetreten, in der wir der Natur gehören.“[1] Das mache es notwendig, sich nicht nur mit den mannigfaltigen Auswirkungen der Corona-Pandemie auseinanderzusetzen, sondern auch mit den verschiedenen Zukünften, die der Virus für uns bereithält.
Die drei Metaphern des Virus / Der Virus als Pädagoge.
De Sousa Santos greift zunächst die Relation zwischen Mensch und Virus auf und setzt sich zu Beginn des Buches mit den gegenwärtigen Metaphern auf den Virus auseinander. Dabei spricht er zunächst von der Metapher des Virus als „Feind“, dessen Gebrauch er vor allem Regierungen zuschreibt. Diese Metapher unterscheide klar zwischen Freund und Feind. Sie berufe sich auf das staatliche Gewaltenmonopol und rechtfertige, dass „im Krieg gegen den Virus“ staatliche Akteur*innen im Vordergrund stehen, welche harte Maßnahmen zur Eliminierung des Feindes ergreifen dürfen. Gleichzeitig impliziere es, dass, wenn der Feind einmal besiegt sei, alles wieder zur Normalität zurückkehre. Damit werden, so konstatiert der Autor, auch Einbußen im demokratischen Leben in Kauf genommen: „Der Krieg ist eine Zeit des Ausnahmezustands, also eine Zeit, in der Befehle nicht diskutiert, sondern nur befolgt werden.“[2] Der Virus wird zum unsichtbaren Feind, den es mit allen Mitteln zu bekämpfen gelte, ohne auf interkulturelle Diversität oder eine gerechte und inklusive Gesellschaft zu achten.
Die zweite Metapher handelt vom Virus als „Boten“ der Natur, der die Nachricht des Todes übermittelt. Dabei werde sich des kulturellen Urbilds der Bestrafung des Überbringers schlechter Nachrichten bedient, dessen historische Kontinuität der Autor erläutert. Anstelle der Auseinandersetzung mit den Botschaften des Virus müsse er, als Reaktion auf die schlimme Nachricht, eliminiert werden. Damit werde zwar die Gegenwart verteidigt, aber nicht die Zukunft.
De Sousa Santos schlägt vor, den Virus als „Pädagogen“ zu begreifen und greift damit das Werk Paulo Freires auf. Dies sei die einzige Form, den Virus und seine Handlungen zu verstehen versuchen, um darauf ökologisch und sozial nachhaltige Antworten zu finden. Sie verpflichtet, mit dem Virus dialogisch in Interaktion zu treten und ihm einen Status als wertvolles und handelndes Subjekt zuzugestehen. Er sei unser Zeitgenosse, von dem es zu lernen gilt. Dabei spricht er von einer „diatopischen Hermeneutik“[3] , die zwischen menschlicher und viraler Rationalität vermittelt. Daraus entstehe eine „intervitale Pädagogik“[4] , zwischen menschlichem und nicht-menschlichem Leben, die vom dialogischen Lernen lebt. Dafür sei eine „interkulturelle Übersetzungsarbeit“ nötig, „zwischen der menschlichen Kultur der Infizierten und Verstorbenen, der Kultur des Gesundheitspersonals, das diese pflegt, der wissenschaftlichen Kultur derjenigen, welche die Viren erforschen und der natürlichen Kultur des infektiösen und tödlichen Erregers“[5].
Die offenen Venen der Ungleichheit.
Im Folgenden analysiert der Autor, gewappnet mit seinem eigenen theoretischen Rüstzeug, die gesellschaftlichen Brüche, die mit den gegenwärtigen Entwicklungen der Corona-Politik einhergehen. Obwohl in Frage gestellt werden kann, inwiefern seine Einschätzungen zur Lage den teils rasanten Veränderungen der Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung standhalten, schafft er es, einen gut lesbaren Einblick in die unterschiedlichen und ungleichen Umgänge mit dem Virus vorzulegen. Dabei legt er besonderes Augenmerk auf den globalen Süden, wobei er diesen nicht als geographischen Raum, sondern als „epistemologische, politische, soziale und kulturelle Raum-Zeit“[6] versteht. Aus seiner klar kapitalismuskritischen Perspektive thematisiert er unter anderem die informelle Arbeit in Afrika, die langanhaltenden Kämpfe gegen Infektionskrankheiten der indigenen Völker des amerikanischen Doppelkontinents und die systematische Ausschließung von Bevölkerungsgruppen aus dem digitalen Raum.
Zudem spricht er auch die Profiteur*innen der Corona-Pandemie an, allen voran die großen Pharma-Unternehmen. Der „abismale Kapitalismus“[7] sei dafür verantwortlich, dass einige wenige Unternehmen von der Krise profitieren, während der Großteil der Bevölkerung weiter verarme. Dabei spricht er die Impfstoffverteilung allerdings nicht an, was wohl dem Publikationsdatum geschuldet ist. Dennoch legt er überzeugend dar, dass die zunehmende Privatisierung des Gesundheitssektors ein wesentlicher Faktor im ungleichen Zugang zur Gesundheitsinfrastruktur ist. „Die Abwesenheit einer Ethik der Kooperation und Solidarität“[8] werde hier besonders virulent. Zusammenfassend spricht De Sousa Santos von einer dreifachen Dominanz während der Corona-Pandemie: des Kapitalismus, des Rassismus und des Patriachats. Entlang dieser Bereiche haben sich die sozialen Ungleichheiten in den letzten Jahren weiter verschärft.
Die paradigmatische Transformation.
Zu Beginn des zweiten Teiles des Buches zeichnet der Autor drei mögliche post-pandemische Szenarien nach. Besondere Relevanz bekommt dabei das dritte Szenario: Unter dem Titel „Barbarei oder Zivilisation“[9] fokussiert es auf Alternativen zum Kapitalismus, Kolonialismus und Patriachat. Wenn die gegenwärtige Zivilisation als Barbarei wahrgenommen werde, gelte es für eine andere Zivilisation zu kämpfen. Dafür sei „eine neue, aufständische und kosmopolitische Erklärung der Menschenrechte und – Pflichten“[10] notwendig. Diese erlaube es, ein neues Denken über Alternativen zu schaffen. Hierbei müsse sich von dem dominanten Eurozentrismus gelöst und andere Weltanschauungen anerkannt werden. Nur so könne der Widerspruch zwischen dem Universalismus des emanzipatorischen Ideals und der limitierten Anwendbarkeit auf einige wenige, privilegierte Gruppen überwunden werden. Dafür entwirft Boaventura de Sousa Santos eine neue Menschenrechtserklärung, welche die interkulturelle und befreiende Pädagogik als das Fundament für „das Recht, Rechte zu haben“[11], sieht. Das erfordere nicht nur neue Institutionen zur Einrichtung einer partizipativen Demokratie und Alternativen zum Paradigma der Entwicklung, sondern auch „die Anerkennung der Vielfalt an Möglichkeiten, die Welt kennenzulernen und in ihr zu leben […]“[12].
Fazit.
Der Autor zeigt in diesem Buch die Relevanz einer Perspektive aus dem Globalen Süden für die Auseinandersetzung mit der Corona-Pandemie auf und bietet damit einen kritischen Einblick in die globalen Implikationen des Virus. Die Darstellung der vielfältigen global ungleichen Auswirkungen des Virus im ersten Teil des Buches ist zwar stellenweise etwas langwierig, doch das empirische Anschauungsmaterial überzeugt. Dabei greift Boaventura de Sousa Santos immer wieder seine theoretischen Konzepte auf, die zwar sinnvoll eingebracht werden, jedoch oftmals voraussetzungsvoll sind und die Zugänglichkeit des Textes stellenweise erschweren. Letztendlich bleibt es den Leser*innen überlassen, welche theoretischen Anknüpfungspunkte aufgenommen werden. Aus einer freireanischen Perspektive erweist es sich insbesondere als produktiv, dass sich der Autor für die transformatorischen Momente und das Lernen aus der Pandemie stark macht. Dabei greift er oftmals auf die kritische Pädagogik zurück und legt hier einige neue Konzepte dar, die es in Zukunft zu diskutieren gilt.
Insgesamt bietet De Sousa Santos eine überzeugende dekoloniale Perspektive auf die Corona-Pandemie, die von einem breiten Publikum mit Gewinn gelesen werden kann. Dabei wird eine Vielzahl an Konzepten und Themen angesprochen, welche diese Rezension allenfalls streifen konnte. Auch die gegenwärtige Relevanz des Buches ist evident. Der Autor schließt mit den Worten „Das Buch endet, die Pandemie nicht.“[13] Das ist auch heute, über ein Jahr nach Erscheinen des Buches, noch immer der Fall. Was auf uns zukommt ist ungewiss, weshalb es gilt, die Zukunft aktiv zu gestalten. Dabei kann sich eine dekoloniale Perspektive als wichtiger Ansatzpunkt herausstellen, wie dieses Buch eindrucksvoll zeigt.
Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Weiterführende Links:
De Sousa Santos, Boaventura. 2021. El futuro comienza ahora. De la pandemia a la utopia. Ediciones Akal: Madrid. Link zum Buch auf Spanisch und Portugiesisch.
[1] „[…] desde el siglo XVI hasta la actualidad vivimos una era en la que la naturaleza nos pertenecía; a partir de ahora hemos entrado en una era en la que pertenecemos a la naturaleza.“ (S. 7)
[2] „El tiempo de guerra es un tiempo de estado de excepeción, un tiempo en el que las órdenes no se discuten y sólo se obedecen.“ (S.27)
[3] „[…] hermenéutica diatópica […] (S. 30)
[4] „[…] pedagogía intervital […]“ (S. 30)
[5] “Se trata de una traduccón intercultural, entre la cultura humana de los infectados y los fallecidos, la cultura del personal sanitario que los cuida, la cultura de cientifíca de quienes estudian los virus y la cultura natural del agente infeccioso y letal.” (S. 32)
[6] „[…] espacio-tiempo epistemológico, político, social y cultural […]“ (S. 116)
[7] „El capitalismo abismal: La pandemia como negocio“ (S. 80)
[8] „La ausencia de una ética de cooperación y solidarid […]“ (S. 110)
[9] „Escenario 3. Barbarie o civilización: alternativas al capitalismo, al colonialismo y al patriarcado” (S.310)
[10] „Por una nueva declaración cosmopolita insurgente de derechos y deberes humanos.“ (S. 321)
[11] „[…] el derecho a tener derechos.“ (S. 335)
[12] „[…] el reconocimiento de la diversidad de los modos de conocer y vivir (en) el mundo […]“ (S. 346)
[13] „El libro termina, la pandemia no.“ (S. 419)