Workshop 17: Umweltschutz & soziale Gerechtigkeit in globalen Zulieferketten.

Wie funktionieren globale Zulieferketten? Wer ist an ihnen beteiligt, wer profitiert? Und was ist über sie überhaupt bekannt, wie transparent ist die Herstellung der Produkte unseres Alltags? Workshop 17 der 7. Österreichischen Entwicklungstagung 2017 beschäftigte sich mit dieser Thematik.

Fast alle haben schon in der einen oder anderen Form von globalen Lieferketten gehört: vom T-Shirt, das über die ganze Welt verstreut produziert wird oder von der umstrittenen Rohstoffgewinnung in Konfliktgebieten. Auch auf der Entwicklungstagung 2017 war dies Thema eines Workshops, der von Morgane Fritz und Josef Schöggl (in Abwesenheit) vom Institut für Systemwissenschaften, Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung der Uni Graz geleitet wurde. Um den TeilnehmerInnen den Einstieg zu erleichtern, begann Morgane Fritz mit einem interaktiven Quiz, das Grundbegriffe globaler Zulieferketten vermittelte.

Was sind globale Zulieferketten?

Globale Zulieferketten beinhalten die Produktion und Bereitstellung von Waren bis zur/m EndverbraucherIn und alle beteiligten AkteurInnen. Die konkrete Organisation der Produktion verlaufe dabei allerdings häufig ausbeuterisch gegenüber Mensch und Umwelt. So werde die Forderung immer stärker, Transparenz herzustellen, etwa indem die beteiligten AkteurInnen nachverfolgbar gemacht werden.

Um die Nachhaltigkeit solcher globalen Zulieferketten zu gewährleisten, bräuchte es zunächst ein ganzheitliches Verständnis. Denn die Ketten umfassen weit mehr, als nur die globalen Ströme von Waren. Für sie grundlegend sind natürliche Gegebenheiten (etwa bei der Rohstoffex-traktion) und der Umgang mit diesen. Ebenso seien soziale Verhältnisse maßgebend, etwa Arbeitsrechte oder Steuerregelungen. Und überall sind Menschen involviert, werden ausgebeutet, beuten aus. Eine hochkomplexe Situation, in die zu intervenieren ganz und gar nicht einfach ist. Die konkreten Probleme seien entlang der Zulieferkette auch meist völlig andere, hält Morgane Fritz fest: Bei der Rohstoffextraktion gebe es oft äußerst prekäre Lebens- und Arbeitsver-hältnisse. Schon bei der Weiterverarbeitung könne es eher um technische Fragen gehen, etwa um Umweltschädigungen zu vermeiden. Bei den EndkundInnen schließlich sind es die Konsummuster, bei denen angesetzt werden müsse.

Von steirischem Wein, Wiener Bier und globalen T-Shirts.

Die TeilnehmerInnen bildeten nun drei Kleingruppen, in denen jeweils anhand eines selbstgewählten Beispiels die Stationen und die AkteurInnen der zugehörigen Lieferkette dargestellt wurden. In den Diskussionen stellte sich dabei schnell heraus, dass das eigene Wissen um die konkreten Akteu-rInnen und Stationen in der Lieferkette recht allgemein ist. Spontane Recherchen ergaben zudem, dass oft die einzige Informationsquelle die Leitunternehmen selbst sind. Andere Stellen präsentieren meist nur generische Darstellungen.

Recherchen über die Produktion von Baumwoll-T-Shirts eines globalen Kleidungsunternehmens ergaben, dass hier durchaus Bemühungen bestehen, Aspekte der Lieferkette zumindest grob darzustellen. Zudem werde auf Initiativen, wie die Verwendung von wiederverwerteter sowie selbst-zertifizierter biologisch produzierter Baumwolle, hingewiesen. Verweise auf externe Evaluationen oder Audits fehlen allerdings gänzlich.

Eine weitere Gruppe diskutierte die Zulieferkette eines lokalen Produktes: Steirischer Wein. Sie hoben vor allem die enorme Breite der benötigten Produkte und relevanten Faktoren hervor: von der Aufzucht der Rebstöcke, über die verwendeten Gärungsmittel, bis hin zum regionalen Tourismus oder der Investitionspraxis der beteiligten Banken und schließlich auch den gesellschaftlichen Aus-wirkungen von Alkoholkonsum. Letzteres weise, so ergab die Diskussion, aber auch darauf hin, dass die KonsumentInnen ein ganz wesentlicher Teil jeder Zulieferkette seien. Und so erscheinen ‚selbst‘ lokale Zulieferketten als vielfältig verzweigte Systeme.

Die dritte Gruppe war schließlich überrascht, selbst bei einem Wiener Bier nur schwer Informationen finden zu können. Während die Wasserquelle als lokal bekannt war, war schon die Herkunft von Hopfen und Malz nicht mehr nachverfolgbar. Die Selbstdarstellung des Unternehmens spricht in Bezug auf Nachhaltigkeit hauptsächlich Energie an. Doch auch hier seien die Berechnungen des durchschnittlichen CO²-Ausstoßes pro Bier nur als Ergebnis präsentiert. Was in sie einfließt bleibe intransparent. So erscheinen auch lokale Produktionsnetzwerke undurchsichtig.

Was tun?

Dann blieb für die TeilnehmerInnen noch, die vielen unterschiedlichen Faktoren gegeneinander abzuwägen: Sind nun die ‚globalen‘ Bio-Produkte ‚besser‘ als lokale, aber konventionell hergestellte Produkte? Sind vegane Kunststoffschuhe ihrem Lederpendant vorzuziehen? Während sich eine lokale, biologische Landwirtschaft noch schnell vorschlagen lasse, werde es bei den Schuhen gegebenenfalls schon schwieriger. Und zahlreiche weitere Beispiele ließen sich anführen. Die TeilnehmerInnen merkten zudem an, dass die Bewertungsgrundlage hierfür nicht selbstverständlich von allen geteilt werde. Zumal, wenn es um globale Zusammenhänge gehe: Wie wären etwa Mindeststandards in Bangladesch mit denen in Österreich in Beziehung zu setzen? Einige TeilnehmerInnen fragten sich, ob es überhaupt möglich sei, sich aus solchen Zulieferketten herauszuhalten? Selbst second-hand werde schließlich vermarktet, manchmal auch global.

Produktion müsse reguliert werden, war schließlich die einhellige Meinung. Viele Lösungen dafür, wurde festgehalten, könnten nur global sein, sonst blieben sie unwirksam. Gerade Diskussionen um die Bewertungsgrundlage für die Umgestaltung globaler Zulieferketten könnten jedoch bevormun-dend wirken. Hier sei eine aktive Einbeziehung der beteiligten AkteurInnen notwendig. Es komme also auf eine Demokratisierung der Strategien zur Regulierung globaler Produktionsnetzwerke an.

 

Der Autor studiert Internationale Entwicklung. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 


 

Weiterführende Links: 

– Zur Seite der Entwicklungstagung: www.entwicklungstagung.at

– Zu weiteren Artikeln über die Tagung: https://www.pfz.at/list193.htm

 


 

Fotos: Fabian Franta © Paulo Freire Zentrum

Veröffentlicht in Entwicklungstagung 2017.