Panel 3: Keine nachhaltige Entwicklung ohne Gendergerechtigkeit.

Die international aktive Menschenrechtsanwältin Tessa Khan sprach am zweiten Tag der Entwicklungstagung, dem 18. Nov. 2017, über den untrennbaren Zusammenhang von Gendergerechtigkeit und nachhaltiger Entwicklung. Sie plädierte für einen radikalen Ansatz in der Entwicklungspolitik. 

Die 7. Entwicklungstagung fand von 17. bis 19. November 2017 unter dem Titel „Sozial-ökologische Transformationen jetzt!“ an der Universität Graz statt. Tessa Khans Präsentation zum Thema „Frauen an vorderster Front. Warum nachhaltige Entwicklung von Gendergerechtigkeit abhängt“ war Teil eines Panels, das von Petra Dannecker (Universität Wien) moderiert wurde. Auf Khans Präsentation folgten Kommentare von Beatriz Rodríguez Labajos (Autonome Universität Barcelona) und Ulrike Gelbmann (Universität Graz).

Unterschiedliche Dimensionen nachhaltiger Entwicklung.

Tessa Khan leitete ihren Vortrag mit einer allgemeinen Definition von nachhaltiger Entwicklung ein: „Nachhaltige Entwicklung heißt nicht nur, den materiellen Lebensstandard von Menschen zu erhöhen, sondern dies auch innerhalb der Belastungsgrenzen des Planeten zu tun, sodass zukünftige Generationen mit demselben Standard leben können.“Nachhaltige Entwicklung habe demnach eine soziale, wirtschaftliche und ökologische Dimension.

Bei ihrer Arbeit für das „Asia Pacific Forum on Women, Law and Development“ in Thailand hat Khan die Sustainable Development Goals (SDGs) mitverhandelt und dabei feministische Perspektiven eingebracht. Trotz SDGs zeichnete sie ein tristes Bild der Realität.

Es gibt noch viel zu tun.

Frauen seien nach wie vor im öffentlichen wie privaten Sektor stark benachteiligt. Gewalt in der Familie oder ungleiche Bedingungen in Ausbildung und am Arbeitsmarkt sind nur einige Beispiele. Die Umsetzung der Frauenrechte hingegen würden bedeuten, dass Machtverhältnisse gerecht verteilt wären, was den Zugang zu Ressourcen für alle ermöglicht. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit sei dabei eine Forderung. Nach wie vor gebe es in jedem Land der Welt den sogenannten „gender pay gap“, der die Differenz zwischen dem Gehalt von Männern und Frauen für dieselbe Arbeit beschreibt. Als wichtigen Faktor in der Debatte nannte Khan außerdem unbezahlte Reproduktionsarbeit („engl.: care-work“). Dieser Begriff bezieht sich auf unbezahlte Hausarbeit, die unentgeltliche Pflege von Familienangehörigen aber auch auf schlecht bezahlte Berufe im Gesundheits- und Pflegewesen.

„Women fill the gaps.“

Aktuell arbeitet Tessa Khan zum Thema Klimagerechtigkeit. Auch von durch Klimaveränderungen ausgelösten Naturkatastrophen seien Frauen oft auf andere Art und Weise betroffen als Männer. Klimaveränderungen wirken sich oft direkt auf den Alltag von Frauen aus, so Khan. Fällt beispielsweise in wasserarmen Regionen lange kein Regen, werden die Wege zum Wasser holen oft lange und beschwerlich. In vielen Weltregionen sei dies aber die Aufgabe von Frauen, die auf dem langen Wegen dann auch noch mit zusätzlichen Gefahren wie sexueller Belästigung oder sexualisierter Gewalt rechnen müssten.

Staatenbunde wie die Europäische Union würden vor allem durch Freihandelsabkommen versuchen, neue Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen. Der Großteil der informellen und unbezahlten Arbeit liege aber trotzdem (oder gerade deswegen) nach wie vor in Frauenhand. Oft würden gut gemeinte Initiativen zudem am falschen Punkt ansetzen: „Sie geben Frauen ein paar Hühner oder bieten Friseurinnenkurse oder ähnliches an. Wichtig wäre es aber, Frauen wirklich Macht zu geben, Macht über ihr eigenes Leben“, betonte Khan. Notwendig sei es, lokale Frauenbewegungen zu unterstützen, da soziale Bewegungen tatsächlich Wandel herbeiführen könnten.

Plädoyer für eine radikale Umverteilung von Macht.

Nach Khans Präsentation hatten Beatriz Rodríguez Labajos und Ulrike Gelbmann Gelegenheit, das Gehörte zu kommentieren. Rodríguez Labajos hob in ihrem Statement die Bedeutung von Intersektionalität hervor. Intersektionalität meint die Diskriminierung einer Person auf unterschiedlichen Ebenen, also z.B. nach Geschlecht und Herkunft. Frauen im Globalen Süden stehen demnach anderen Herausforderungen gegenüber als Frauen im Globalen Norden. Außerdem sprach sich die Wissenschaftlerin für einen „rights-based approach“ (dt.: Rechte basiert) in der Entwicklungspolitik aus. Dieser Ansatz bezieht sich auf den Ausbau und die Implementierung von (Menschen)rechten.

Ulrike Gelbmann verwies in ihrem Kommentar auf die Notwendigkeit, das Selbstbewusstsein von Mädchen und Frauen von klein auf zu stärken und Männer und Buben dabei bestmöglich mit einzubeziehen. Außerdem sehe sie den Weg zu nachhaltiger Entwicklung nicht als Zustand, den es zu erreichen gilt, sondern als Prozess. In diesem Punkt musste Khan widersprechen: „Ein gendergerechtes Modell nachhaltiger Entwicklung braucht nicht weniger als die radikale Umverteilung von Macht sowie die Transformation der Strukturen und Annahmen, auf denen unser Wirtschaftssystem und unsere Gesellschaft heute aufgebaut sind“, forderte Khan abschließend.

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 


 

Weiterführende Links:

–    Zur Seite der Entwicklungstagung: www.entwicklungstagung.at

–    Zu weiteren Artikeln über die Tagung: https://www.pfz.at/list193.htm

 


 

Fotos: Fabian Franta (c)Paulo Freire Zenturm

Veröffentlicht in Entwicklungstagung 2017.