Workshop 12: Vermessene Lebensstile.

In Informations- und Bildungsprozessen werden qualitative Phänomene quantifiziert. Wie dies vor sich gehen kann und inwiefern die damit einhergehende Reduktion sinnvoll ist, wurde in Bezug auf Lebensstile diskutiert.

Nach einleitenden Worten der Seminarleiterinnen Regina Steiner (Forum Umweltbildung) und Ulli Vilsmaier (Universität Salzburg) und einer kurzen Vorstellungsrunde der TeilnehmerInnen, widmeten wir uns alsbald einschlägigen Vorarbeiten, um uns schlussendlich mit dem eigentlichen Thema dem Vermessen von Lebensstilen zu beschäftigen. Der Workshop wurde in zwei Teilen abgehalten, wobei im ersten der Begriff des „Lebensstils“ grundlegend diskutiert, und erst im zweiten Abschnitt diesem Begriff eine messbare Größe hinzugefügt wurde.

Prinzipiell muss vorausgeschickt werden, dass Quantifizierung in Informations- und Bildungsprozessen zum leichteren Begreifen und besseren Verständnis unabdingbar ist. Jedoch ist die damit verbundene Reduktion nicht außer Acht zu lassen, d.h. es sollte jedem/r bewusst sein, dass eine Reduktion der Wirklichkeit zwar eine gewisse Materie verständlicher und bildhafter macht, durch einen Prozess der Abgrenzung, Isolation oder Quantifizierung aber gezwungenermaßen Daten verloren gehen.

Lebensstil, was heißt das?

Die Fragen, die sich nun stellen, sind erstens, wie mit der Quantifizierung von qualitativen Phänomenen umgegangen wird und zweitens, wie Komplexität reduziert werden kann, ohne gleichzeitig zu stark zu vereinfachen. Um diese Fragen im Kontext des Vermessens von Lebensstilen zu beantworten, mussten wir uns zu aller erst die Frage stellen, was wir eigentlich unter Lebensstil als solches verstehen. Hiezu wurde eine semantische Begriffsanalyse durchgeführt, wobei zu beachten ist, dass das Wort Lebensstil und alle damit assoziierten Begrifflichkeiten selbstverständlich subjektiver Natur sind. Eine lange Liste von Ausdrücken, welche in Kleingruppen zu erarbeiten waren, wurde daraufhin im Plenum diskutiert und ähnliche Begriffe in Clustern zusammengefasst. Dies war die Grundvoraussetzung, um für diese jeweiligen Cluster entsprechende Indikatoren zu finden, und in weiterer Folge eine Quantifizierung vornehmen zu können. Dies entpuppte sich als keine simple Aufgabe. So kamen wir beispielsweise zum Schluss, dass der Begriff der Politik anhand der Wahlbeteiligung als Indikator beschrieben werden könnte. Es gäbe aber noch eine Reihe anderer Indikatoren, die ebenfalls im Stande wären, den Grad des Einflusses der Politik zu messen. Dies bestätigte sich auch für einen Gutteil der anderen mit Lebensstil assoziierten Begrifflichkeiten. Hingegen gibt es viele Assoziationen, die einfach nicht quantifizierbar sind. So kann beispielsweise der Begriff der Kultur nicht sinnvoll quantifiziert werden und daher auch kein Indikator dafür gebildet werden. Doch selbst wenn Indikatoren formuliert werden können, schränken diese den zu quantifizierenden Begriff immer ein. Dies ist die eigentliche These, die aus der Diskussion folgerichtig abgeleitet werden konnte.

Der ökologische Fußabdruck als Maßstab.

Nun stellte sich aber die Frage, ob und wie denn der individuelle Lebensstil quantifizierbar gemacht werden kann? Eine Methode hierfür ist der ökologische Fußabdruck (Footprint). Dieser errechnete Wert gilt als Maßstab für die „Nicht-Nachhaltigkeit“ eines Lebensstiles. Er gibt an, wie viel Fläche eine Person in einer Volkswirtschaft durchschnittlich braucht, um den jeweiligen Lebensstil (Lebensstandard) zu halten. Vereinfacht gesagt, gibt er den durchschnittlichen Ressourcenverbrauch an. Dieser wird zum leichteren Verständnis auf ein einheitliches Maß den globalen Hektar, welcher der durchschnittlichen Produktionsfläche für ein Gut entspricht, umgerechnet. Jedem/r ErdenbürgerIn stehen derzeitig 1,8 Hektar dieser Fläche zu. Im Schnitt liegt der momentane Verbrauch allerdings bei 2,2 Hektar. Einfach gesagt bedeutetet dies, dass die Menschheit (speziell in Industrienationen) einen Lebensstil verfolgt, der mehr globale Ressourcen konsumiert, als eigentlich vorhanden sind. Logischerweise ist das aus rein ökonomischer Sicht betrachtet gar nicht möglich, außer wie es auch hier der Fall ist man „borgt“ sich Ressourcen aus der Zukunft.

Vor- und Nachteile der Quantifizierung.

In der abschließenden Diskussion sollte nun geklärt werden, inwieweit der ökologische Fußabdruck die tatsächlichen Gegebenheiten widerspiegelt bzw. was damit überhaupt gemessen werden kann und was nicht. So wurde beispielsweise angemerkt, dass dem Footprint zwar ein sehr komplexes mathematisches Konzept zugrunde liegt und die daraus resultierenden Berechnungen nicht immer den tatsächlichen Ressourcenverbrauch darlegen, es aber besser ist, überhaupt ein solches Maß zu haben, als gar keines. Durch die Entwicklung dieses Maßstabes selbst ist eine öffentliche Diskussion darüber losgetreten worden, die Thematik hat sich in den Köpfen der Menschen manifestiert und diese zugleich sensibilisiert. Negativ ist anzumerken, dass Faktoren, welche durch einzelne Personen nicht direkt beeinflussbar sind, wie zum Beispiel regionale Unterschiede oder Ungleichheiten zwischen dem urbanen und ländlichen Bereich, keine ausreichende Berücksichtigung finden. Des Weiteren wurde kritisiert, dass der ökologische Fußabdruck durchaus eine Komponente in sich trägt, die mit dem Herausstellen der individuellen Verantwortung auch Gefahr läuft, Schuldzuweisung zu betreiben. Als äußerst positives und im Grunde wesentlichstes Charakteristikum ist freilich die Erkenntnis anzuführen, dass mittels des ökologischen Fußabdrucks offen gelegt wird, dass wir tatsächlich über den Verhältnissen leben, darin aber jede/r individuell die Möglichkeit hat, etwas dagegen zu tun.

Der Autor studiert an der Universität Innsbruck. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

Veröffentlicht in Entwicklungstagung 2008.