Globale Ungleichheit war seit jeher eine unbewältigte Herausforderung, die aber aufgrund politischer Interessen verdrängt wurde. Doch jede neue Krise verschärft bereits vorhandene Ungleichheiten. Während der Covid-19-Pandemie ist die globale Ungleichheit deutlich gewachsen; Klimakrise und die aktuellen Kriege bewirken, dass es um Gleichheit und Gerechtigkeit weiterhin schlecht bestellt ist:
- Die COVID19-Pandemie hat vorhandene Schieflagen weiter verstärkt: Die Allerreichsten wurden noch reicher, während viele Menschen, die in prekarisierter Lage leben, Arbeit und Einkommen verloren.
- Die Klimakatastrophe ist weiterhin ungebremst in vollem Gange und trifft Arme in besonderem Ausmaß, während sich Wohlhabende teure Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel leisten können.
- Aktuelle militärische Konflikte wie der Angriff Russlands auf die Ukraine schaffen viele Kriegsverlierer*innen und wenige Kriegsgewinner*innen. Die damit einhergehenden geopolitischen Veränderungen haben wiederum Auswirkungen auf globaler Ebene und verstärken hier vorhandene Ungleichheiten.
So bleibt auch im 21. Jahrhundert die Welt weit davon entfernt, sich des Adjektivs „ungleich“ zu entledigen. Vielmehr haben wachsende Ungleichheitsraten im Globalen Norden in Folge der Finanzkrise seit 2008/09 zu intensiveren Diskussionen ihrer Ursachen und möglicher Gegenstrategien geführt. Der breite Erfolg von Publikationen von Ungleichheitsforscher*innen wie Thomas Piketty, Kate Raworth, Branko Milanović; Kate Pickett oder Anthony B. Atkinson zeigen, dass das Thema unter den Nägeln brennt. Dabei wird klar: Gesellschaftliche Ungleichheiten lassen sich längst nicht nur einkommensseitig festmachen. Sie stellen ein multidimensionales Phänomen dar, das unterschiedlichste soziale Gruppen aufgrund von Verschiedenheiten in Alter, Geschlecht, Herkunft und ähnlichen Kategorisierungen in eine asymmetrische Beziehung setzt.
Mit dem – kontroversiell diskutierten – Ziel 10 der Sustainable Development Goals (SDGs) wurde diesem Umstand auch seitens der UNO explizit Rechnung getragen: „Ungleichheit in und zwischen Ländern verringern“. Für die Befassung mit Globalen Ungleichheiten ergeben sich daraus folgende zentrale Fragen:
- Verstehen: Was ist überhaupt globale Ungleichheit? Wie groß ist sie? Wächst sie oder führt die Globalisierung zu einer Verminderung der Ungleichheit? Welche Folgen hatte die COVID19-Pandemie auf globale Ungleichheit? Wie wirken sich geopolitische Konflikte aus?
- Handeln: Was kann und was muss gegen globale Ungleichheit getan werden? Welche Rolle spielt Entwicklungszusammenarbeit dabei? Welche Handlungsspielräume eröffnen die SDGs oder alternative Ansätze? Kann Ungleichheitsreduktion zur Prävention von Gewalt und Konflikten dienen?
- Lernen: Was kann im Globalen Norden aus dem Globalen Süden dabei gelernt werden? Was gibt es an inspirierenden Strategien, Aktions- und Vernetzungsformen? Was kann vom Umgang mit Niederlagen und Rückschlägen gelernt werden?
Mattersburger Kreis und Paulo Freire Zentrum richten ihre Arbeit seit 2018 schwerpunktmäßig am Thema „globale Ungleichheiten“ aus. Ziel ist es, ein breites Bewusstsein für die verschiedenen Facetten globaler Ungleichheiten zu schaffen. Dazu entstanden folgende Publikationen:
> Band 19 der GEP-Reihe (“Geschichte – Entwicklung – Politik”) des Mattersburger Kreises widmet sich dem Thema „Globale Ungleichheit“.
Jährlich greift eine Ausgabe des JEP (Journal für Entwicklungspolitik) die Thematik schwerpunktmäßig auf, so
> 2018: „Fußball und ungleiche Entwicklung“
> 2019: „Waste and Globalised Inequalities“
> 2020: „The Global Political Economy of Green Finance and Socio-Ecological Transformation„.
In diesem Sinn ist es Ziel der Themenwahl für die Entwicklungstagung 2022 (#ET2022), ein breites Bewusstsein für die verschiedenen Facetten globaler Ungleichheit zu schaffen. Das größte Vernetzungstreffen der österreichischen entwicklungspolitischen Szene findet im November 2022 an der Johannes Kepler Universität Linz statt und steht ganz im Zeichen des Themas „globale Ungleichheit“. Ausgelotet wird dabei nicht nur der momentane Status Quo, sondern insbesondere auch die Potentiale zur Bekämpfung von Ungleichheit. Hier versteht sich die Tagung als aktiver Nord-Süd-Dialog, in dem Erfahrungen aus dem globalen Süden und dem globalen Norden geteilt werden können.