Workshop 9: Die Rechte zukünftiger Generationen.

Unsere Gegenwart ist geprägt von sich überlagernden Krisen: geopolitische Spannungen, eine zunehmende Aushöhlung demokratischer Strukturen und die spürbaren Folgen der Klimakrise. Vor diesem Hintergrund rückt eine Frage immer stärker in den Fokus: Welche Verantwortung tragen wir heute gegenüber jenen Generationen, die erst noch geboren werden?

Genau dieser Frage widmete sich der Workshop „Rechte zukünftiger Generationen“, zu dem die ÖBV – Via Campesina Austria (Österreichische Berg- und Kleinbäuer*innen Vereinigung) und FIAN Austria und International im Rahmen der Entwicklungstagung in Innsbruck einluden. Die Referentinnen Naomi Reinschmidt, Elisabeth Jost und Ana María Suárez Franco regten mit kurzen Impulsvorträgen dazu an, die Perspektiven kommender Generationen konsequenter in politische und gesellschaftliche Entscheidungen einzubeziehen.

Zukunftsvisionen.

Zu Beginn wurden die Teilnehmer*innen eingeladen, sich eine positive Vision für ein gutes Leben im Jahr 2100 auszumalen. Obwohl dies zunächst als schwieriges Unterfangen erschien, gelang es der Gruppe nach und nach, ein vielfältiges Zukunftsbild zu entwerfen. In den Vorstellungen spiegelten sich der Wunsch nach Geschlechtergerechtigkeit, nach einer sichtbaren und wertgeschätzten Care-Arbeit, nach gesunden Böden und einem intakten Planeten wider. Ebenso wurden die Anerkennung unterschiedlicher Wissensformen, eine qualitative Gesundheitsversorgung, gerechter Zugang zu Ressourcen und das Ende ausbeuterischer Strukturen genannt. Diese Visionen machten deutlich, wie sehr die Hoffnung auf eine gerechte Zukunft mit der Bewältigung heutiger Herausforderungen verknüpft ist.

Scheinlösungen versus echte Veränderungen.

Doch wie werden uns Lösungen zur Bewältigung dieser Herausforderungen präsentiert? Ein zentraler Schwerpunkt des Workshops lag auf der Unterscheidung zwischen sogenannten „false solutions“, also Scheinlösungen, und den „peoples solutions“, also von Gemeinschaften getragene, gerechte Ansätze. Ana María Suárez Franco (FIAN International) veranschaulichte diesen Unterschied anhand der solidarischen Volksküchen in Brasilien. Während Großkonzerne versuchen, durch Spenden von Produktionsresten und -abfällen kurzfristig Bedürftigkeit zu lindern und dabei vor allem ihr eigenes Image pflegen, schaffen die „cocinas populares“ echte und langfristige Veränderung. Sie unterstützen regionale Kreisläufe, stärken die Selbstermächtigung der Beteiligten und ermöglichen ihnen, ihre Lebensmittel selbst anzubauen und zu verarbeiten. Dadurch werden aus passiven Spendenempfänger*innen aktive politische Akteur*innen.

In Kleingruppen reflektierten die Teilnehmer*innen darüber, was „peoples solutions“ von technokratischen Scheinlösungen unterscheidet. Dabei wurde deutlich, dass Scheinlösungen häufig nicht die Ursachen eines Problems angehen, sondern lediglich Symptome bekämpfen oder Probleme in andere Bereiche verlagern. Sie entstehen oftmals ohne echte Beteiligung der Betroffenen, folgen einem standardisierten Ansatz, denken in kurzfristigen Zeithorizonten und sind profitorientiert. „Peoples solutions“ hingegen basieren auf tatsächlicher Teilhabe und einer Ausrichtung am Gemeinwohl. Sie fördern Autonomie, nehmen lokales Wissen ernst, stärken Emanzipation und Solidarität, respektieren Diversität und schaffen Ansätze, die dynamisch wachsen können. Vor allem folgen sie einem rechtebasierten Verständnis, das die Würde der Menschen in den Mittelpunkt stellt und langfristig denkt.

Warum die Landwirtschaft ein Generationenprojekt ist.

Wie eng die Wahrung der Rechte zukünftiger Generationen mit der Zukunft der Ernährungssicherheit zusammenhängt, zeigte der Blick auf die Situation in der österreichischen Landwirtschaft. Naomi Reinschmidt von der ÖBV machte deutlich: „In Österreich verschwinden jedes Jahr rund 10.000 Höfe. Wenn bäuerliche Rechte heute verletzt werden, gefährdet das die Lebensgrundlagen der Zukunft“. Besonders junge Landwirt*innen und Neueinsteiger*innen stehen vor großen Herausforderungen: Der Zugang zu Land wird durch Konkurrenzdruck, steigende Bodenpreise und eine hohe Bodenversiegelung erschwert, für die Österreich im EU-Vergleich traurige Spitzenwerte aufweist. Hinzu kommen strenge Preisvorgaben im Handel und hohe Investitionshürden. Alternative Agrarmodelle sind oft nicht ausreichend sozial abgesichert, und insbesondere FLINTA*-Personen kämpfen in einem stark männlich dominierten Umfeld mit der Unsichtbarkeit essenzieller, aber unbezahlter Care-Arbeit.

Reinschmidt betonte, dass Landwirtschaft aufgrund ihrer langen Regenerationszeiten als ein Projekt verstanden werden muss, das in Generationen denkt. Notwendige Veränderungen müssten daher bereits heute angestoßen werden, denn ohne vielfältige Höfe könne es keine Ernährungssouveränität geben. Die ÖBV versteht Bodenrechte deshalb als intergenerationale Rechte, die weit über die Bedürfnisse der Gegenwart hinausreichen. Eine Stärkung ländlicher Räume sei aus der Sicht der ÖBV unverzichtbar, da Klimaresilienz unmittelbar mit der Vielfalt und Biodiversität der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung zusammenhänge.
Die Jugendgruppe der ECVC (European Coordination Via Campesina, Mitgliedsorganisation der weltweiten Graswurzelbewegung La Via Campesina) hat konkrete Vorstellungen, wie eine gerechte und zukunftsfähige Landwirtschaft für kommende Generationen gestaltet werden kann. Als Beispiele nannte Reinschmidt die Einrichtung eines öffentlichen Bodenfonds, der den Zugang zu Land erleichtert, eine umfassende soziale Absicherung für Landwirt*innen und Saisonarbeitskräfte, eine Stärkung der Direktvermarktung auf lokaler wie globaler Ebene sowie den Ausbau agrarökologischer Peer-to-Peer-Ausbildungen. Darüber hinaus sollen Neueinsteiger*innen stärker unterstützt werden, da sie bislang im EU-Fördersystem kaum berücksichtigt würden, obwohl gleichzeitig viele Höfe ohne direkte Nachfolge vor dem Aus stehen.

Fazit.

Der Workshop machte am Beispiel bäuerlicher Rechte und Ernährungssicherheit eindrücklich sichtbar, dass intergenerationale Gerechtigkeit kein abstraktes Konzept ist, sondern eine konkrete Aufgabe, die längst begonnen hat. „Peoples solutions“ zeigen, dass echte Veränderung möglich ist – vorausgesetzt, sie berücksichtigen echte Beteiligung, Solidarität und die Bedürfnisse kommender Generationen.

 

Die Autorin ist Mitglied des Redaktionsteams. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Titelbild © Naomi Reinschmidt

Die Veranstaltung war Teil der 9. Österreichischen Entwicklungstagung in Innsbruck. Alle Infos dazu gibt es hier.

 

Weiterführende Links:

Die Vision der „European Coordination Via Campesina“ für eine gerechte bäuerliche Zukunft.

 

Veröffentlicht in Aktuelles, Entwicklungstagung 2025.