Workshop E: Tirol post/kolonial – das Globale im Regionalen (Teil 2).

An der nächsten Station vor der Innsbrucker Hofburg rückten Herrschaft und Erinnerung im öffentlichen Raum in den Mittelpunkt. Thematisiert wurde dabei auch die Benennung von Straßen und Plätzen als Ausdruck politischer Entscheidungen und gesellschaftlicher Wertevorstellungen. Welche Personen oder Ereignisse im Stadtbild sichtbar gemacht werden, sagt viel darüber aus, was als erinnerungswürdig gilt – und was ausgeblendet bleibt.

Herrschaft, Krieg und verdrängte Geschichten.

Ein Beispiel dafür ist der heutige Rennweg, der im Laufe der Geschichte mehrfach umbenannt wurde. Unter anderem trug er die Namen „Adolf-Hitler-Platz“ oder temporär im Rahmen einer Kunstaktion auch „Ni Una Menos-Platz“ – eine Referenz an die lateinamerikanische feministische Bewegung gegen Femizide und spanisch für: „Nicht eine weniger“. Diese wechselnden Benennungen verdeutlichen, wie stark öffentlicher Raum vom jeweiligen Regime geprägt ist – und wie Erinnerung immer wieder neu ausgehandelt werden muss.

Daran anschließend wurde die französische Besatzung Tirols und Vorarlbergs nach dem Zweiten Weltkrieg thematisiert. Viele der eingesetzten Soldaten stammten aus Marokko, damals noch französische Kolonie. Sie meldeten sich aus wirtschaftlichem Druck und der Möglichkeit, Haftstrafen zu entgehen, waren materiell und sozial aber deutlich schlechter gestellt als französische Soldaten. Auch in Innsbruck waren sie offenem Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung ausgesetzt. Beziehungen zwischen marokkanischen Soldaten und einheimischen Frauen führten zu Kindern, die besonders stark stigmatisiert wurden. Bereits 1945 wurden die marokkanischen Soldaten abgezogen, jegliche Kontaktaufnahme unterbunden und ihr Beitrag geriet weitgehend in Vergessenheit.

Erst ab den 2000er-Jahren begann eine intensivere Auseinandersetzung mit den Schicksalen der sogenannten Besatzungskinder. In einer Reportage von „Jetzt“, einem digitalen Magazin, schildert Georg Fritz, Sohn einer Vorarlbergerin und eines marokkanischen Soldaten, wie anderen Kindern verboten wurde, mit ihm zu spielen. Mitte der 2000er-Jahre initiierte er eine Zeitungsanzeige, um weitere Besatzungskinder kennenzulernen – rund 15 Personen trafen sich daraufhin. Im Mai 2023, mit knapp 80 Jahren, reiste er nach Marokko, um seine Geschwister zum ersten Mal zu treffen. Rassismus spüre Georg weiterhin, doch er lasse sich davon nicht kleinkriegen. Doch persönlicher Widerstand kann strukturelle Veränderungen nicht ersetzen. Es braucht eine Kultur des Miteinanders und der Aufarbeitung, die Verantwortung für koloniale und rassistische Kontinuitäten übernimmt – und sie nicht einfach jenen hinterlässt, die selbst davon betroffen sind. Die Geschichte der Besatzungskinder fordert dazu auf, diese aktiv zu benennen, sichtbar zu machen und zu überwinden. Eine kritische Aufarbeitung bleibt unsere kollektive Verantwortung.

Widerstand und Solidarität.

Zum Abschluss richtete der Workshop den Blick auf Momente, in denen koloniale Denkmuster nicht widerspruchslos blieben, sondern auf Kritik, Solidarität und internationale Vernetzung trafen. Diese blieben zwar Ausnahmen innerhalb eines gesellschaftlichen Klimas, das zunehmend von Nationalismus und Ausgrenzung geprägt war – 1933 wurde die NSDAP bei den Gemeinderatswahlen in Innsbruck stärkste Kraft – zeigen jedoch auch, dass rassistische Weltbilder nicht durchgehend unhinterfragt blieben. Ein solcher Moment war der Besuch des südafrikanischen Gewerkschafters Clements Kadalie im Jahr 1927. Als Mitbegründer der „Industrial and Commercial Workers’ Union of Africa“ sprach er in Innsbruck über Arbeitsrechte, koloniale Ausbeutung und Rassismus. In seiner Rede betonte er die Gleichwertigkeit aller Menschen und rief zu internationaler Solidarität auf. Ein früher Ausdruck transnationaler antikolonialer Vernetzung, der in deutlichem Kontrast zu den zeitgleich erstarkenden rassistischen Ideologien in Europa stand. Auch in späteren Jahrzehnten entstanden in Tirol Initiativen, die globale Ungleichheiten thematisierten, etwa die Anti-Apartheid-Bewegung oder Weltläden als Räume politischer Bildung und Solidaritätsarbeit. Dieses Engagement trug langfristig zur Verankerung entwicklungspolitischer Arbeit in Tirol bei, beispielsweise durch die Entstehung von Organisationen wie Südwind.

Die Beispiele verdeutlichen, dass koloniale Verflechtungen in Tirol zwar tief wirksam waren und bis heute fortbestehen, diese Muster jedoch nicht naturgegeben sind. Sie können kritisiert, hinterfragt und verändert werden. Gerade weil koloniale Denkweisen unsere Alltagswahrnehmung bis heute prägen, braucht es Räume, in denen Erinnerung und Verantwortung gemeinsam verhandelt werden – um Geschichte nicht als abgeschlossene Vergangenheit zu behandeln, sondern ihre Auswirkungen im Hier und Jetzt mitzudenken. Die Stadtführung knüpfte damit an gegenwärtige Debatten um globale Verantwortung, Rassismus und neokoloniale Strukturen an und machte deutlich, dass auch Orte wie Innsbruck Teil dieser Auseinandersetzungen sind.

Koloniale Spuren auf dem Land.

Ergänzt wurde der Stadtrundgang durch den Besuch der Ausstellung „Ötztal Weltweit. Talein – talaus“, welche von Nicolas Beck in Kooperation mit dem Welthaus Innsbruck und den Ötztaler Museen kuratiert wurde. Sie erweiterte den Blick vom städtischen Raum auf ländliche Kontexte und machte deutlich, dass auch abgelegene Regionen Tirols seit Langem in globale Verflechtungen eingebunden sind – durch Mission, Migration und globale Handelswege. Die Ausstellung lud Teilnehmende dazu ein, diese globalen Zusammenhänge auch im eigenen Lebensumfeld wahrzunehmen und zu reflektieren, welche kolonialen Kontinuitäten bis heute präsent sind.

Persönliche Geschichten von Menschen, die Tirol verlassen haben oder nach Tirol gekommen sind, stellten vereinfachende Vorstellungen von Herkunft, Heimat und Zugehörigkeit infrage und zeigten, wie Migration und Bilder von „Fremden“ Identität und Zugehörigkeit erst entstehen lassen und prägen. Herta Reindl beispielsweise floh im Zweiten Weltkrieg aus Jugoslawien und kam mit zwölf Jahren mit ihrer Familie aus Pantschowa (heute Pančevo, Serbien) ins Lager Haiming. Unter französischer Verwaltung entwickelte sich dort ein funktionierendes Dorf. Anfangs sei der Kontakt zur Tiroler Bevölkerung schwierig gewesen, schildert sie, doch durch Momente der Begegnung in Schule und Alltag entstand gegenseitige Verständigung und Respekt. Flucht, Ankommen und Integration in Tirol gingen mit kulturellen Anpassungen, Vorurteilen aber zugleich auch mit neuen sozialen Bindungen einher.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf globalen Warenströmen, die erst durch koloniale Strukturen wie Sklaverei und Plantagenwirtschaft ermöglichten, dass Konsumgüter wie Kaffee oder Bananen ihren Weg nach Europa und ins Ötztal fanden. Annemarie Regensburger, die in einem Hotel in Umhausen das Kochen gelernt hat, erinnert sich noch an ihre erste Banane in den 1950er Jahren: „Die Bananen haben für uns Kinder so schal geschmeckt, dass wir sie den Schweinen zum Fressen gegeben haben. Wir sind ja anderes Obst gewohnt gewesen.“ Auch Wissen wurde als zentraler Aspekt kolonialer Herrschaft thematisiert. Technische Entwicklungen wie Dampfschiffe, Eisenbahnen und Telegraphie verkürzten im Kolonialismus Reise- und Informationswege, meist zum Vorteil Europas und auf Kosten kolonialisierter Regionen.

Der Workshop machte deutlich, dass koloniale Verflechtungen bis heute in unseren Alltagsräumen fortwirken und dabei unsere Vorstellungen von Normalität, Zugehörigkeit und „Anderem“ prägen. Die Stadtführung und Ausstellung eröffneten Zugänge, um diese Kontinuitäten wahrzunehmen und den Einfluss historischer Machtverhältnisse kritisch zu reflektieren. Nicht als abgeschlossene Vergangenheit, sondern als Teil unserer Gegenwart, für die wir Verantwortung übernehmen müssen.

 

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum.  Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Titelbild © Maike Schönwolff

Die Veranstaltung war Teil der 9. Österreichischen Entwicklungstagung in Innsbruck. Alle Infos dazu gibt es hier.

 

Weiterführende Links:

Die interaktive Stadtführung „Innsbruck Postkolonial“.

Die Ausstellung „Ötztal Weltweit. Talein – talaus“.

 

Veröffentlicht in Aktuelles, Entwicklungstagung 2025.