Workshop 2: Forschen in Konfliktregionen: Einblicke und Herausforderungen.

Wie kann wissenschaftliche Arbeit in politisch fragilen und konfliktsensitiven Regionen gestaltet werden? Der Workshop „Project Work in Conflict-Affected Countries“ gab einen differenzierten Einblick in diese Thematik und zeigte, welche strukturellen, sicherheitspolitischen und methodischen Herausforderungen entstehen, wenn Forschung unter unsicheren Rahmenbedingungen stattfindet.

Hochschulprojekte in Ostafrika mit österreichischer Beteiligung.

Der erste Erfahrungsbericht wurde von Caroline Paparu (PhD Studentin am Institute of Development Research, BOKU) präsentiert. Sie beschrieb die politischen und institutionellen Gegebenheiten in Ostafrika und zeigte, wie Konflikte, eingeschränkte Bewegungsfreiheit und administrative Unsicherheiten den Forschungsalltag in Ländern wie Uganda, Äthiopien oder der Demokratischen Republik Kongo prägen. Forschung müsse sich dort laufend an wechselnde Sicherheitslagen, neue Vorgaben und unvorhersehbare Veränderungen anpassen. Für Uganda erläuterte sie, dass internationale Kooperationen dort über das Office of the Prime Minister (Dt.: Büro des Premierministers) koordiniert werden. Dabei handelt es sich um eine zentrale Regierungsstelle, die mit internationalen Partnern wie der Europäischen Union oder UK Aid zusammenarbeitet. In den letzten Jahren seien diese Rahmenbedingungen jedoch strenger geworden, was Registrierungs- und Genehmigungsprozesse zunehmend erschwere.

Im Rahmen ihres Inputs stellte Paparu auch das AMUTI-Projekt vor, das Teil des österreichischen APPEAR-Programms (Austrian Partnership Programme in Higher Education and Research for Development) ist. AMUTI wurde in der westugandischen West-Nil-Region implementiert und zielt darauf ab, lokale Universitäten durch neue Curricula, praxisnahe Forschung und gemeinsame Entscheidungsstrukturen zu stärken. Besondere Bedeutung kommt dabei partizipativen Methoden zu, die sicherstellen sollen, dass Forschung nicht über, sondern mit lokalen Communities stattfindet. Paparu betonte, dass solche Kooperationen nicht nur akademische Ergebnisse hervorbringen, sondern wesentlich zur institutionellen Stabilität beitragen und damit zentrale Ziele von SDG 16 unterstützen würden.

Die Konfliktregionen Tigray und Südsudan.

Der zweite Input wurde von Hafte Mebrahten Tesfay (ebenfalls PhD-Student an der BOKU) gestaltet. Er gab einen ebenso differenzierten Einblick in die Forschungsrealitäten in Äthiopien und Südsudan. Tesfay schilderte, dass Feldforschung in vielen ländlichen Regionen Äthiopiens zeitweise kaum möglich gewesen sei, weil militärische Präsenz, Konfliktfolgen und eingeschränkte Mobilität Datenerhebung erheblich behinderten. Forschung verlagere sich daher häufig in urbanere Räume, wo die Sicherheitslage vergleichsweise besser sei. Auch im Südsudan könne wissenschaftliche Arbeit jederzeit von politischen Verschiebungen beeinflusst werden, sodass Projekte auf kurzfristige Anpassungen angewiesen seien. Tesfay machte deutlich, dass wissenschaftliche Arbeit in solchen Regionen nur funktionieren könne, wenn lokale Universitäten und Behörden zuverlässig kooperieren und Partnerschaften kontinuierlich gepflegt werden.

Ein weiterer Schwerpunkt seines Inputs war das APPEAR-Projekt REVITAL-MU-ADU, das in Nordäthiopien an den Universitäten Mekelle und Adigrat durchgeführt wird. Tesfay erläuterte, wie das Projekt nach dem Konflikt in Tigray dazu beiträgt, akademische Strukturen wieder aufzubauen, Lehr- und Forschungskapazitäten zu stärken und klimaresiliente Agroforstsysteme einzuführen. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf Programmen für Frauen und Mädchen, deren Zugang zu Ausbildung und Forschung durch politische und gesellschaftliche Bedingungen oft eingeschränkt ist. REVITAL-MU-ADU zeigte exemplarisch, wie Hochschulkooperationen in Post-Konflikt-Kontexten nicht nur Wissen schaffen, sondern institutionellen Wiederaufbau und langfristige gesellschaftliche Stabilisierung fördern.

Der Umgang mit lokalen Machtstrukturen als zentrales Spannungsfeld für Forschungsprojekte.

Nach diesen beiden Vorträgen wurden die Teilnehmenden in vier Arbeitsgruppen eingeteilt, um vier Leitfragen zu diskutierten. Dadurch konnten zentrale Herausforderungen internationaler Forschungszusammenarbeit in Konfliktregionen herausgearbeitet werden: Die Bedeutung von Flexibilität in sich schnell verändernden Kontexten, die Bedingungen fairer Partnerschaften bei ungleichem Zugang und Risiko, den Umgang mit ethischen Herausforderungen sowie mögliche Maßnahmen zur Stärkung von Resilienz und Anpassungsfähigkeit.

In den Gruppendiskussionen wurde deutlich, wie unmittelbar Forschung von Unsicherheiten geprägt ist. Mehrere Teilnehmende berichteten von persönlichen Erfahrungen, die zeigten, wie rasch Projekte durch politische Veränderungen gefährdet werden können. Besonders eindrücklich war der Bericht eines Teilnehmers zu einem Projekt in Nepal: Dort sei ein langfristig stabiles Forschungsvorhaben plötzlich ins Stocken geraten, als ein neuer lokaler Machthaber unerwartete finanzielle Forderungen stellte und damit die Fortführung der Arbeiten infrage stellte. Solche Erfahrungen machten deutlich, wie abhängig Projekte von lokalen Machtstrukturen bleiben – selbst dann, wenn Planung, Institutionen und Partnerschaften auf den ersten Blick stabil erscheinen.

Die im Workshop behandelten Projekte – insbesondere AMUTI und REVITAL-MU-ADUverdeutlichten, dass Hochschulen in fragilen Regionen wichtige Stabilitätsanker sein können. Sie schaffen Räume für Wissen, fördern institutionelle Erholung und tragen langfristig zu gesellschaftlicher Resilienz bei.

Fazit.

Insgesamt machte der Workshop sichtbar, dass Forschung in konfliktbetroffenen Regionen weit über die reine Erhebung von Daten hinausgeht. Sie ist eng mit institutioneller Stabilität, politischem Kontext und lokaler Teilhabe verbunden. Die Inputs und Diskussionen zeigten, dass internationale Zusammenarbeit nur dann nachhaltig wirken kann, wenn sie flexibel, partizipativ und verantwortungsvoll gestaltet wird. In diesem Sinne verdeutlichte der Workshop, wie eng wissenschaftliche Arbeit mit den Zielen von SDG 16 verknüpft ist und welchen Beitrag Forschung in schwierigen Kontexten zu langfristiger Entwicklung leisten kann.

 

Die Autorin ist Studierende der Universität Innsbruck. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Titelbild © Carina Hölzl

Die Veranstaltung war Teil der 9. Österreichischen Entwicklungstagung in Innsbruck. Alle Infos dazu gibt es hier.

 

Veröffentlicht in Entwicklungstagung 2025.