Workshop 10: Indigenous Women Struggle for Visibility in the Peace and Justice Journey.

Wie engagieren sich indigene Frauen im indischen Bundesstaat Jharkhand im Spannungsfeld zwischen Tradition und Wandel für Geschlechtergerechtigkeit und Frieden? Der Workshop von Shubhra Dwivedy von der NGO SEEDS zeigte anhand eindrucksvoller Beispiele, wie Frauen in den abgelegenen Dörfern ihre Rolle neu definieren, Konflikte lösen und auch den Wandel in ihren Gemeinschaften vorantreiben. Die offene und vertrauensvolle Atmosphäre förderte den Austausch mit den Teilnehmenden und machte die vielfältigen Herausforderungen anschaulich.

Einführung in Jharkhands indigene Lebenswelt.

Zu Beginn stellte Dwivedy die Arbeit von SEEDS vor, einer Organisation, die sich seit Langem für Geschlechtergerechtigkeit und friedliche Konfliktlösung in indigenen Gemeinden einsetzt. Sie eröffnete den Workshop mit einer großen Karte Indiens, die den geografischen und kulturellen Kontext veranschaulichte. Jharkhand, so erklärte sie, sei der jüngste Bundesstaat Indiens und ist Heimat von 32 indigenen Gemeinschaften. Zudem verfüge er über viele natürliche Ressourcen wie Eisen, Kupfer und Uran. Gleichzeitig jedoch hat Jharkhand eine für indische Verhältnisse niedrige Alphabetisierungsrate von 67,6 Prozent und eine durchschnittliche Lebenserwartung von 66,6 Jahren, ist also stark von Armut betroffen. Rund 26 Prozent der Bevölkerung gehört den erwähnten indigenen Gruppen an, deren soziale Strukturen und Rollenverhältnisse den Rahmen für die Projekte von SEEDS bestimmen.

Aufbauend auf dieser Einführung beschrieb Dwivedy die Lebensrealität der Frauen in diesen Gemeinden. Sie leisten den Großteil der Feld- und Hausarbeit und übernehmen die Verantwortung für Familie und Alltag, während bestimmte Tätigkeiten wie das Arbeiten auf dem Dach und das Pflügen als tabu gelten. Politisch seien viele Frauen ausgeschlossen, sie verfügten jedoch über eine starke kulturelle Identität und ein ausgeprägtes Bewusstsein über ihre Freiheit.

Einblicke durch Film und Fallstudien.

Zur Illustration folgte ein Kurzfilm über acht Modelldörfer, in denen SEEDS aktiv ist. Der Film verdeutlichte, wie Frauen in ihren Rechten gestärkt werden und neue Wege der Konfliktlösung entstehen können. Besonders im Fokus standen die «barefoot counselors», indigene Frauen, die als leicht zugängliche Ansprechpersonen arbeiten und die Fälle geschlechtsspezifischer Gewalt auf Dorfebene klären. Dwivedy betonte, dass viele Konflikte dadurch gelöst werden könnten, ohne dass staatliche Stellen eingeschaltet werden müssten.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf dem Bezug zu den globalen Nachhaltigkeitszielen. Zwölf der insgesamt siebzehn SDGs spielen in den Modelldörfern eine Rolle, mit deutlichem Fokus auf Geschlechtergerechtigkeit (Ziel 5) und Frieden (Ziel 16).

Interaktive Diskussion: Widerstände, Wandel und alltägliche Realitäten.

Die anschließende Diskussion mit dem Publikum gestaltete sich vielfältig, dynamisch und deckte ein breites Themenspektrum ab. Die offene Gesprächsatmosphäre erleichterte es den Teilnehmenden, auch kritischere oder persönliche Fragen zu stellen.

Die Fragen reichten von grundlegenden Abläufen in den Dörfern bis zu politischen Aspekten wie dem Verhältnis zur Polizei. Dwivedy erklärte daraufhin, dass nur wenige Frauen direkten Zugang zu staatlichen Institutionen hätten, während geschulte Dorfleiterinnen problemlos mit der Polizei kommunizieren könnten. Für viele andere sei der Kontakt zu Behörden weiterhin mit Angst verbunden.

Großes Interesse galt der Frage nach der Rolle der Männer im Veränderungsprozess. Auch hier hatte Dwivedy erklärt, dass Männer häufig erst durch eigene Erkenntnisse aktiv würden. Eine Übung, bei der die Aufgaben von Männern und Frauen in den Dörfern gegenübergestellt wurden, habe die Ungleichverteilung klar sichtbar gemacht. Diese Selbsterkenntnis führte vielerorts dazu, dass Männer begannen, im Haushalt mitzuarbeiten und mehr Verantwortung zu übernehmen, etwa beim Wasserholen oder bei der Sorgearbeit für die eigenen Kinder.

Zur Sprache kam zudem der Umgang mit Alkoholproblemen in einigen Dörfern. Laut Dwivedy hätten gezielte Workshops für Männer einen nachhaltigen Bewusstseinswandel ausgelöst. In der Folge seien in mehreren Gemeinden sogar lokale Alkoholverkäufer überzeugt worden, auf alternative Produkte umzusteigen und keinen Alkohol mehr zu verkaufen.

Gemeinschaftlicher Wandel als langfristiges Ziel.

Die Diskussion machte deutlich, dass Veränderungsprozesse in Jharkhands indigenen Dörfern vielschichtig und komplex sind. Widerstände beruhen häufig auf tief verankerten Rollenbildern, die «immer schon so» gewesen seien. Gleichzeitig stärken Schulungen und lokale Vermittlerinnen die Frauen zunehmend darin, ihre Rechte wahrzunehmen und Konflikte auf friedlichem Wege zu lösen.

Der Workshop zeigte eindrucksvoll, wie stark Geschlechtergerechtigkeit, lokale Konfliktbewältigung und nachhaltige Entwicklung miteinander verbunden sind. Die offene und herzliche Atmosphäre ermöglichte einen lebendigen Austausch zwischen Referentin und Teilnehmenden, wodurch die Herausforderungen, Fortschritte und Erfolge der Projekte klar sichtbar wurden.

 

Der Autor ist Student an der Universität Innsbruck. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Das Titelbild zeigt eine Szene aus dem ländlichen Jharkhand © Wasim Raya, flickr (https://flickr.com/photos/32454608@N08/)

Die Veranstaltung war Teil der 9. Österreichischen Entwicklungstagung in Innsbruck. Alle Infos dazu gibt es hier.

Veröffentlicht in Entwicklungstagung 2025.