Äthiopien: Das Streben nach „grüner“ Wirtschaft und Klimagerechtigkeit.

Unsere emissionsintensive Wirtschaft stößt an ihre Grenzen. Umfassende Veränderungen sind gefordert, um das 1,5°C Ziel der Pariser Klimakonvention erreichen zu können. Die Länder des Globalen Südens stehen daher am Scheideweg: Entwickeln sie ein „grünes“ Wirtschaftsmodell, oder wiederholen sie die Fehler des Globalen Nordens? Die Veranstaltung – ‚Ethiopia’s „Green Deal”: An African model for low carbon development?‘ – des Vienna Institute for International Dialogue and Cooperation (VIDC) am 16. Mai 2022 widmete sich dieser Frage und stellte dabei Äthiopien in den Fokus. Obwohl das Land, global gesehen, zu den zehn niedrigsten CO2-Emittenten pro Kopf gehört, hat es sich zum Ziel gesetzt, nachhaltig zu wirtschaften.

Neben Mahlet Eyassu Melkie, Klimawandel-Expertin für Äthiopien, waren auch Nafkote Dabi, Vertreterin für Klimabelangen bei Oxfam UK, und Valentine Chukwu, Berater des Dataville Instituts für Entwicklungsforschung, mit dabei. Moderiert wurde die Podiumsdiskussion von Karin Fischer, Soziologin an der Johannes Kepler Universität (JKU) Linz.

Äthiopiens Investition in die Zukunft.

Seit 2011 verfolgt Äthiopien die sogenannte ‚Climate Resilient Green Economy‘ (CRGE) Strategie (dt.: Klima-Resilienz und grüne Wirtschaft). Die Vision des Landes ist es, ein klimaresistentes, CO2-armes Wirtschaftsmodell zu etablieren und gleichzeitig Armut zu bekämpfen. Mahlet Eyassu Melkie, welche vom VIDC beauftragt wurde, eine Studie zu Äthiopiens „grüner“ Industrialisierung durchzuführen, gab einen tieferen Einblick in die Pläne des Landes. Die Grundpfeiler der CRGE-Strategie lauten: Umstieg auf nachhaltige Praktiken in der Landwirtschaft; Schutz und Wiederherstellung von Wäldern; Förderung erneuerbarer Energiequellen; Einbindung moderner, energieeffizienter Technologien. Für den Ausbau der Industrie sind besonders die letzten zwei Aspekte von Bedeutung.

Potentiale und Schwierigkeiten.

Als Motivation für die Entwicklung der CRGE-Strategie identifiziert Mahlet Eyassu Melkie drei zentrale Aspekte: Zum einen ist Äthiopien, wie viele Länder des Globalen Südens, zunehmend von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen. Langanhaltende Dürren, sowie der Verlust von Biodiversität und Bodenqualität, gefährden die Lebensgrundlage der Bevölkerung. Zum zweiten würde, den Prognosen zufolge, ein Beharren auf „business as usual“ (dt.: weitermachen wie bisher) zur einer weiteren Verschuldung führen. Eine „grüne“ Wirtschaft kann Äthiopiens Wettbewerbsfähigkeit verbessern, neue Märkte eröffnen und Investmentpotentiale mit sich bringen. Drittens ermöglicht es die CRGE-Strategie, auf finanzielle Mittel der sogenannten Klima- und Energiefonds zuzugreifen. Ein Beispiel dafür ist der ‚Green Climate Fund‘ (dt.: Grüner Klimafond) der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCC), welcher ¬die globalen Anstrengungen zur Bekämpfung des Klimawandels unterstützen soll.

Es sei allerdings keine leichte Aufgabe, so Mahlet Eyassu Melkie, diese Gelder auch wirklich zugesprochen zu bekommen. Die begrenzten Kapazitäten der Regierung, Anträge zu stellen, sowie die äußerst strengen Vorschriften, limitierten diese Möglichkeit der Klima-Finanzierung. Da nur etwa 20 Prozent der benötigten 360 Milliarden USD durch nationale Ressourcen abgedeckt werden können, ist finanzielle Unterstützung für die Umsetzung der CRGE-Strategie notwendig. Dies hat mitunter zur Folge, dass viele der geplanten Maßnahmen noch nicht realisiert werden konnten. Somit bleibt auch unklar, wie „effektiv“ die CRGE-Strategie tatsächlich ist, erläutert Mahlet Eyassu Melkie.

Afrika: Kontinent der „grünen Pionier*innen“.

Äthiopien ist dabei nicht das einzige afrikanische Land, das die Potenziale eines „grünen“ Wirtschaftsmodells erkannt hat. Viele afrikanische Nationen wollen nachhaltig, klimaresistent und CO2-arm werden, so auch Kenia. Wie Valentine Chukwu erklärt, stammt die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts (BIP) Kenias aus natürlichen Ressourcen. Umwelt- und klimatische Veränderungen bedrohen folglich die Lebensgrundlage der Bevölkerung. Als 2006 die Armutsrate einen Höhepunkt von 46,9 Prozent erreichte, beschloss die Regierung, die Wirtschaft zu transformieren – vor allem im emissionsintensiven Energiesektor. Mittlerweile stammen 90% des Stroms aus erneuerbaren Energien. Dies reduzierte den CO2-Ausstoß und senkte die Energiepreise, wodurch Strom für breitere Bevölkerungsschichten zugänglich wurde. Wie in Äthiopien, stellt auch hier die Finanzierung eine Herausforderung dar.

„Bei der Klimakrise geht es um Ungleichheit und Ungerechtigkeit“.

Im Zuge der Finanzierungsthematik wurde auch das Problem der Ungleichheit aufgegriffen. „Bei der Klimakrise geht es um Ungleichheit und Ungerechtigkeit.“, argumentierte Nafkote Dabi. Sie verwies auf das Ungleichgewicht bei den Emissionen: Das reichste Prozent ist für doppelt so viel CO2-Ausstoß verantwortlich wie die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung. Ähnlich erschreckend sind die Unterschiede betreffend der Folgen des Klimawandels. Nafkote Dabi verglich das Hochwasser in Deutschland 2021 mit dem Hurrikan auf dem Inselstaat Dominica 2017. Die Schäden für Deutschland werden auf 0,1 Prozent des deutschen BIP geschätzt. Der Hurrikan auf Dominica verursachte hingegen Verluste in Höhe von 225 Prozent des dominicanischen BIP. Nicht alle Länder verfügen über dieselben technologischen und finanziellen Kapazitäten, um sich an die durch den Klimawandel verursachten Veränderungen anzupassen. Ohne die Unterstützung des Globalen Nordens würden Ungleichheit und Armut weiter zunehmen, betonte Nafkote Dabi.

Wie ist Gerechtigkeit möglich?

Die anschließende Diskussion widmete sich primär der Frage, wie es weitergehen kann. Der globale Norden müsse seine Emissionen deutlich reduzieren, das verbleibende CO2-Budget solle dem globalen Süden zur Verfügung gestellt werden. Dies wäre die einzig gerechte Lösung, betonten die Diskutant*innen einstimmig. Zudem müssten die Länder des Globalen Nordens Verantwortung übernehmen und für die Schäden, die ihre emissionsintensive Lebens- und Wirtschaftsweise verursacht hat, aufkommen. Dabei sollte nicht nur die Anpassung an und die Minderung von Klimaveränderungen (wie etwa in Äthiopien und Kenia) finanziell unterstützt, sondern ebenso Verluste und Schäden kompensiert werden. Darüber waren sich alle Diskutant*innen einig.

Zum Abschluss wurde noch auf die ungleiche Machtdynamik bei Klimaverhandlungen verwiesen. Denn solange Forderungen des Globalen Südens nach finanzieller Unterstützung und Entschädigung nicht angemessen wahrgenommen werden, bleibt die Klimakrise eine Krise der Gerechtigkeit.

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