Die Ausbreitung von COVID-19 zeigt, dass jede*r betroffen sein kann. Wohlhabende Länder und Personen haben mehr Mittel, der Krise zu begegnen, als weniger Privilegierte. Dies betrifft den Zugang zu medizinischer Behandlung, Möglichkeit zur Selbstisolation und Gewährleistung hygienischer Mindeststandards. Anderen droht der Hungertod.
„Wir sitzen alle im selben Boot.“
So beschrieb Papst Franziskus die Lage bei seiner Ansprache zum Sondersegen am 27. März. Die Zahl der mit COVID-19 infizierten Menschen weltweit steigt. Darunter der britische Premierminister Boris Johnson, Thronerbe Prinz Charles und Hollywoodstar Tom Hanks. Auch der Vatikan meldet Ende März fünf bestätigte Fälle. Ist das Virus also demokratisch, wie der iranische Vizepräsident Massoumeh Ebtekar es nach seiner Diagnose im Februar es formulierte? Nicht ganz. Um bei der Metapher des Papstes zu bleiben: Der Sturm tobt, aber einige Fahrgäste des Schiffs besitzen Rettungsboote mit Spitzentechnologie und andere nicht mal eine Schwimmweste.
USA: Ungleich verteiltes Vermögen erhöht die Sterblichkeitsrate.
Die USA ist gemessen am BIP das reichste Land der Welt. Das Vermögen ist verglichen mit anderen reichen Ländern besonders ungerecht verteilt. 2018 nahmen laut U.S. Census Bureau (dt. Volkszählungsamt) die reichsten 20 Prozent der Einwohner*innen in etwa soviel ein, wie die restlichen 80 Prozent. COVID-19 verdeutlicht, dass ungleiches Einkommen sich auf die Lebenserwartung auswirkt. Die Sterblichkeitsrate ist für Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status doppelt so hoch wie für Vielverdienende. Geringverdienende haben ein 10 Prozent höheres Risiko an chronischen Krankheiten wie Diabetes und Bluthochdruck zu leiden. Diese Vorerkrankungen können den Statistiken der Chinese Centers for Disease Control and Prevention zufolge das Virus bis zu zehnmal tödlicher machen. Laut WHO ist das Risiko an COVID-19 zu sterben ab einem Alter von 70 Jahren hoch. Ärmere Menschen gehören schon ab 55 Jahren zur Risikogruppe.
Dunkelhäutige US-Amerikaner*innen sind stärker von dem Virus betroffen.
Das durchschnittliche Einkommen eines afro-amerikanischen Haushalts beträgt nur 61 Prozent des durchschnittlichen Einkommens weißer Haushalte. Die USA ist das einzige Land mit hohem Einkommen, in dem es kein System gibt, das alle Bürger*innen gleichermaßen gesetzlich krankenversichert. Schwarzen mangelt es doppelt so oft an einer Versicherung wie Weißen. Ihre Infektions- und Sterberaten sind besonders hoch. In Chicago ist ein Drittel der Einwohner*innen afro-amerikanischen Ursprungs. Doch 70 Prozent der Corona-Infektionen und etwa die Hälfte der Todesfälle betreffen Schwarze.
Indien: Massive Ausbreitung befürchtet.
In einer Ansprache Ende März warnte der indische Premierminister Narendra Modi „Wenn wir das Virus in den nächsten 21 Tagen nicht unter Kontrolle bekommen, wird unser Land 21 Jahre zurückgeworfen“. Seit dem 24. März 2020 sind 1,3 Milliarden Inder*innen gesetzlich dazu verpflichtet, zuhause zu bleiben. Büros, Unternehmen, Fabriken, Restaurants und Geschäfte bleiben geschlossen. Die offizielle nationale Infektionsrate war im Vorfeld der staatlichen Erlasse mit 600 bestätigten Fällen vergleichsweise gering angesichts der immensen Einwohner*innenzahl. Ohne eindämmende Maßnahmen rechnen Experten*innen aber mit bis zu 500 Millionen Fällen bis Juli. 78 Millionen Inder*innen leben in Slums, auf engstem Raum und ohne fließendes Wasser. Das indische Gesundheitssystem ist nicht bereit, eine Masseninfektion aufzufangen. Im gesamten Land gibt es derzeit weniger als 50 000 Beatmungsgeräte. Auf 1000 Menschen kommen 0,7 Krankenhausbetten. Zum Vergleich: In Italien sind es 3,4 – und schon hier stößt man an Kapazitätsgrenzen.
Informell Beschäftigte in Indien stark betroffen.
Indien zählt derzeit 465 Millionen arbeitende Menschen. Arbeitslosigkeit infolge der Corona-Krise trifft vor allem jene 217 Millionen, die im informellen Sektor tätig sind. Sie besitzen keinen Arbeitsvertrag, keine soziale Absicherung und werden bei Krankheit oder Arbeitsausfall nicht bezahlt. Die staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus treffen diese Personen daher besonders hart. Die Regierung verspricht Nothilfe, theoretisch zwei warme Malzeiten am Tag. Praktisch jedoch, müssen ganze Familien mit einer einzigen Mahlzeit auskommen. Bevor die Maßnahmen greifen, leben viele tagelang ohne Nahrung. Die einzige Möglichkeit, nicht zu verhungern, ist für die meisten Arbeiter*innen und ihre Angehörigen eine Rückkehr aufs Land. Doch öffentliche Verkehrsmittel stehen still. Menschen nehmen hunderte Kilometer Fußweg auf sich, um von der Stadt, wo sie arbeiten, in ländliche Gegenden zu gelangen, wo ihre Verwandtschaft lebt. Reiche Familien buchen Luxusjets, um ihre Kinder, die im Ausland studieren, nachhause zu fliegen.
Netflix und Amazon: Wer von Corona profitiert.
Seit die Pandemie ausgebrochen ist, haben Superreiche wie Mark Zuckerberg (Facebook) und Bill Gates (Microsoft) zwar Milliarden eingebüßt, doch langfristig wird die globale Wirtschaftselite von der aktuellen Notlage profitieren. Das lässt sich mit Blick auf die Finanzkrise 2008 sagen. Seitdem hat sich das Vermögen der Superreichen mehr als verdoppelt. Aktuell können Marktriesen wie Netflix und Amazon, die „stay-at-home“ Services anbieten, immense Gewinne aus Geschäftsschließungen und Ausgangsbeschränkungen ziehen.
Eine halbe Milliarde Menschen ist durch COVID-19 von Armut bedroht.
Derzeit lebt, der Weltbank zufolge, etwa die Hälfte der Menschheit von weniger als 5,5 Dollar pro Tag. Das entspricht der Armutsgrenze in Ländern mit mittlerem bis höherem Einkommen. Eine Studie des King’s College London und der Australian National University prognostiziert, dass die Corona-Krise weitere 500 Millionen Menschen unter diese Armutsgrenze drängen wird.
Eine globale Krise hat das Potenzial, Weichen zu stellen. Aber wenn sich an den aktuellen wirtschaftlichen Prinzipien nichts verändert, werden sich soziale Ungleichheiten nach der Pandemie verschärft haben.
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Weiterführende Links
Quellen:
Brandon Tensley “How coronavirus is deepening American inequality”, 06.04.2020, CNN
Goutam Das: “136 million jobs at risk in post-corona India”, 31.03.2020, livemint.com
Katherine Schaefer: „6 Facts About Economic Inequality in the US”, 07.02.2020
World Population Review, Richest Countries in the World 2020