Die COP26 Klimakonferenz in Glasgow ist in vollem Gange. Für zwei Wochen diskutieren Vertreter*innen aus rund 200 Ländern über eine zukünftige, globale Klimapolitik. Neben einer Eindämmung der Erderwärmung, zählen auch Entwaldung und Artenvielfalt zu den zentralen Themen. Passend dazu fand am 3. November 2021 ein Webinar der Volkshochschule Landstraße unter dem Titel „Regenwald-Zerstörung durch unser Konsumverhalten“ statt. Daniel Gusenbauer, welcher sich im Rahmen seiner Maserarbeit an der Wirtschaftsuniversität Wien mit diesem Thema beschäftigte, wurde eingeladen, darüber zu sprechen. Neben der Betonung der zentralen Funktion des Waldes als Ökosystem, zeigte er kritische Perspektiven zur Rolle des Globalen Nordens im Zusammenhang mit Entwaldung auf.
Das Konzept der ökologischen Belastungsgrenzen.
Während die Klimakrise in der öffentlichen Debatte aktuell eine prominente Rolle einnimmt, werden andere ökologische Belastungsgrenzen kaum wahrgenommen. Vor allem das Artensterben, die vorschreitende Ozeanversauerung und die chemische Veränderung von Böden durch die in der Landwirtschaft eingesetzten Düngemittel, haben mittlerweile kritische Ausmaße erreicht. Eine Überschreitung jener Belastungsgrenzen kann jedoch abrupte und unumkehrbare Veränderungen hervorrufen. Daniel Gusenbauer betont dabei, dass die Erde als zusammenhängendes System gesehen werden muss, wobei sich die einzelnen Teilbereiche und Ökosysteme gegenseitig beeinflussen. So hat auch die Entwaldung einen direkten Effekt auf die Klimakrise, den Süßwasserverbrauch, die Landnutzungsänderung und die Biodiversität. Dabei sind insbesondere tropische Regenwälder von entscheidender Bedeutung für den gesamten Planeten.
Keine Zukunft ohne Wald.
Warum ist die Erhaltung von Wäldern, wie jenen des Amazonasgebietes, so zentral? Daniel Gusenbauer nennt dafür mehrere Gründe. Zum einen dienen Wälder vielen Menschen als Lebensgrundlage, sei es als Einkommensquelle oder Subsistenzgrundlage. Zum anderen sind vier Fünftel der am Land lebenden Tier- und Pflanzenarten im tropischen Regenwald beheimatet. Außerdem haben Wälder einen kühlenden Effekt und ihre Böden dienen als CO₂ Speicher. Folglich zieht die Abholzung fatale Folgen nach sich. Pro Jahr werden zirka 6 Gigatonnen CO₂ durch das Roden von Wäldern ausgestoßen – die Entwaldung gilt, nach den USA und China, somit als drittgrößter Klimasünder. Dem fügt Daniel Gusenbauer hinzu: „Wenn der Amazonasregenwald weiter abgeholzt wird, […] dann kann es einen Kippeffekt haben, dass der ganze Regenwald sich sukzessive in eine Savanne verwandelt. Dies könnte nicht nur regionale Auswirkungen haben, sondern das Klimasystem in ganz Südamerika verändern, sowie den für Europa wichtigen Golfstrom beeinflussen.“ Auch der Weltklimarat betont die zentrale Rolle der Wälder, und sieht die Reduzierung der Entwaldung als eine der wirksamsten und einfachsten Methoden im Kampf gegen den Klimawandel.
Direkte und indirekte Treiber.
In den letzten 15 Jahren wurde eine Fläche etwa fünfmal so groß wie Österreich entwaldet. Die meiste Abholzung findet dabei in Brasilien, der demokratischen Republik Kongo, Indonesien und Bolivien statt. Studien zu Folge sind 80% der gesamten Rodung auf die Ausweitung der Landwirtschaft zurückzuführen. Die abgeholzten Flächen werden primär als Weideland und für den Anbau von Soja, Palmöl, Kaffee, Tee und Kakao genützt. Die restlichen 20% sind dem Bau von Infrastruktur wie Straßen, Minen oder Wasserkraftwerken geschuldet. Spannender als die Betrachtung der direkten Treiber der Entwaldung ist, laut Daniel Gusenbauer, die Analyse der indirekten Einflüsse. Dazu zählen etwa Wirtschaftswachstum, Konsummuster, Bevölkerungswachstum und der internationale Handel. Es sind diese Bereiche, an denen angesetzt und Veränderung initiiert werden soll. In seiner Masterarbeit beschäftigte sich Daniel Gusenbauer vor allem mit dem Aspekt des internationalen Handels, welcher, Studien zu Folge, 20-39 Prozent der globalen Entwaldung bedingt. Entgegen den Erwartungen ist nicht die USA oder China, sondern Europa mit 35,6 Prozent Spitzenreiter im Import von entwaldungsintensiven Produkten.
Doppelte Ausbeutung.
Eine Möglichkeit der Analyse internationalen Handels ist die Theorie des ökologisch ungleichen Tausches, welche als Kritik an klassischen Freihandelstheorien entstand. Daniel Gusenbauer erklärt sie anhand eines Beispiels: Region A exportiert Soja an Region B und erhält im Gegenzug Geld. Welche Energie und Ressourcen für den Anbau von Soja nötig sind, wird dabei nicht berechnet. Die Produktion geht meist mit einer irreversiblen Umweltbeeinflussung, etwa durch Abholzung und die Verwendung von Düngemitteln, einher. Auch die Vertreibung indigener Gruppen im Zuge der Erweiterung von Anbauflächen spielt eine entscheidende Rolle. Durch den internationalen Handel findet also eine Externalisierung der sozio-ökologischen Auswirkungen, welche die Produktion unserer Konsumgüter bedingt, statt. In diesem Kontext betont Daniel Gusenbauer auch die regional ungleiche Be- und Entwaldung. Während Wälder in Europa und Asien wachsen, wird in Lateinamerika und Afrika Schritt für Schritt abgeholzt. Die doppelte Ausbeutung von Mensch und Natur ist dabei kein Nebeneffekt, sondern Grundvoraussetzung für den Wohlstand reicher Nationen. In anderen Worten: Der ressourcenintensive, imperiale Lebensstil wäre ohne die Ausbeutung anderer Regionen nicht möglich. Außerdem werden diese Strukturen meist von Eliten im Globalen Süden unterstützt, da deren Gewinninteressen meist vor Umweltschutz und Forderungen der lokalen Bevölkerung stehen. Daniel Gusenbauer erwähnt als Beispiel den brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro, welcher trotz mehrerer Versprechen, den Regenwald im Amazonas zu schützen, nach wie vor zur illegalen Abholzung beiträgt. Besonders problematisch ist zudem, dass der internationale Handel diese Bedingungen verschleiert und Konsument*innen unwissentlich zu Kompliz*innen macht.
Was die Politik tun kann.
Die Verantwortung, sich Informationen zu Herstellungsbedingungen zu beschaffen und sozial wie ökologisch bedenkliche Produkte zu meiden, sollte nicht auf die Konsument*innen abgewälzt werden, argumentiert Daniel Gusenbauer. Vielmehr sei die Politik gefragt, die Produktion und den Import entwaldungsintensiver Güter zu unterbinden. Aktuelle Verhandlungen, wie etwa zu einem Lieferkettengesetz auf der Ebene der EU wie auch auf jener der Nationalstaaten, können als Hoffnungsträger gesehen werden. Ein solches Gesetz würde internationale Konzerne verpflichten, Umwelt- und Menschenrechtsstandards innerhalb ihrer Produktionsnetzwerke einzuhalten, und damit Verantwortung zu übernehmen. Zudem gilt es abzuwarten, welche Entwicklungen die COP26 mit sich bringt und ob es den teilnehmenden Vertreter*innen gelingt, internationale Rahmenbedingungen zur Unterbindung der doppelten Ausbeutung von Mensch und Natur zu schaffen.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
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