Optimismus des Willens trotz Pessimismus des Intellekts.

Hat die Dritte Österreichische Entwicklungstagung Antworten auf die Fragen nach Entwicklung und Eigentum gebracht? Wurden die richtigen Fragen diskutiert und tragfähige Antworten hervorgebracht? Eine Resümee der Entwicklungstagung.

Die VeranstalterInnen der Entwicklungstagung baten vier Personen um ein Resümee der drei Tage. Franz Nuscheler (Gastprofessor an der Universität Linz), Marietta Schneider (feministische Erwachsenenbildnerin), Christoph Gleirscher (Geschäftsführer der Dreikönigsaktion) und Johannes Jäger (Mattersburger Kreis) beteiligten sich als RapporteurInnen an den vier Foren, die sich auf der Tagung den Themen „Was ist Eigentum?“, „Was ist Öffentlichkeit?“, Solidarökonomie und „Ownership und Partnership“ widmeten.

Die vier Rapporte.

Franz Nuscheler brachte auf dem Abschlusspodium ohne Umschweife seine Kritik auf den Punkt: Die Auseinandersetzung mit Solidarökonomie sei die Romantisierung einer Nischenthematik, von geringer Relevanz für die Weltverhältnisse. Worum es gehe, sei vielmehr, den globalen Turbokapitalismus unter Kontrolle zu bringen. Dazu benötige die Weltgemeinschaft ein System der global governance. Als Beispiel nannte Nuscheler die Initiative des Generalsekretärs der Vereinten Nationen, Kofi Annan, zum global compact, bei der sich führende transnationale Unternehmen auf freiwilliger Basis soziale und ökologische Mindeststandards setzen.

Dieser Sichtweise widersprach Johannes Jäger. Aus seiner Sicht sei Solidarökonomie keinesfalls eine vernachlässigenswerte Größe, vielmehr stelle dieser Versuch, alternativ zu wirtschaften, für gut zwei Millionen Menschen in Brasilien die sehr konkrete Basis für deren Existenz dar. Jegliches System benötige auch Experimentierfelder, um Innovationen entwickeln zu können, und diese seien zunächst naturgemäß nur einer Minderheit zugänglich.


Auch Marietta Schneider unterstrich die Bedeutung der Initiativen von unten. Gerade die Berichte von Mama Darlina Tyawana hätten deutlich gemacht, dass von der Basis Kraft zur Veränderung ausgehen könne. „You must raise lots of voice, then you can change things“, habe Mama Darlina den TeilnehmerInnen der Tagung als Denkanstoß mitgegeben. Wesentlich für die Veränderung des Systems sei in jedem Fall aber das Aufbrechen der Geschlechterhierarchie: Erst wenn Frauen nicht mehr in die Reproduktionssphäre verbannt werden, könne eine tiefgreifende Entwicklung in Gang kommen, denn dann werde die Eigentumsfrage ernsthaft gestellt.

Christoph Gleirscher machte auf die soziale Hypothek aufmerksam, die auf dem Eigentum lastet. Entscheidend sei nicht die Frage, ob es privates Eigentum gebe oder nicht, sondern jene, wie damit umgegangen werde. NGOs spielten eine wichtige Rolle im Aufgreifen sozialer Fragen. Dabei sei aber darauf zu achten, dass es nicht zu einer Entfremdung zwischen Basisbewegungen, wie sie Mama Darlina repräsentiere, und NGOs komme. Letztere stünden in Gefahr, innerhalb einer eigenen Welt zu agieren und eine exklusive Sprache zu sprechen.

Keine schnelle Lösungen – nicht nur eine Antwort.

Das Schlusspodium machte deutlich, dass es keine schnellen Lösungen für die großen Fragen der Welt gibt. Konsens war aber, dass das aktuelle System der verschärften Ausbeutung und Ungerechtigkeit zu kritisieren ist. Gegenmacht lautete hier das gemeinsame Stichwort. Die Frage, auf welcher Ebene Gegenmacht ansetzen solle, um wirksam zu werden, wurde vom Podium aber nicht einhellig beantwortet, hier gingen die Meinungen breit auseinander. Von oben oder von unten, lauteten die Pole. Oder beides zugleich, wie Paul Singer abschließend meinte, der Franz Nuschelers Kritik an der Solidarökonomie gar nicht so abwegig fand. Solidarökonomie sei nicht die eine Antwort auf die Fragen der Welt, es sei ein Weg neben anderen, und es bräuchte ohnehin noch mehr Versuche und Experimente. Singer wies aber auch darauf hin, dass der Nationalstaat als Ebene des politischen Agieren immer unbeständiger werde und die Europäische Union bereits ein sehr klares Programm vertrete, das das Auseinanderdriften von arm und reich sicher bestärken werde. Es gelte, hier wachsam und aufmerksam zu sein, wie man den Kurs der Europäischen Union steuern könne.

„Don’t put yourself down!“

Darlina Tyawana gab den TeilnehmerInnen noch eine Ermutigung auf den Weg: „Don’t put yourself down!“ Für sie war es wichtig, in Linz zu sehen, dass sich auch akademisch gebildete Menschen für ihre Geschichte interessieren. Hier könne ein sehr bereichernder gegenseitiger Lernprozess stattfinden.

In seinem Abschlussstatement stellte der Koordinator der Tagung, Gerald Faschingeder, die sehr klare und oft deprimierende Analyse der herrschenden Verhältnisse neben die oft schwachen Versuche, konkrete Alternativen zu verwirklichen. Vernetzung sei nötig, ebenso gemeinsames Nachdenken über den Weg, den man beschreiten möchte. Auch wenn der Intellekt oft klar mache, dass es kaum Wege gibt, sei es wichtig, den Optimismus des Willens zu bewahren. Nur dann könne eine politische Bewegung auch politische Veränderungen durchsetzen.

Veröffentlicht in Entwicklungstagung 2005.