Wem gehört das Wissen?

Franz Halbartschlager von der Südwind Agentur moderierte bei der Dritten Österreichischen Entwicklungstagung 2005 einen informativen, vielfältigen und gesprächsintensiven Workshop.

20 TeilnehmerInnen beteiligten sich am Workshop Wem gehört das Wissen? Mittels „Memory-Kärtchen“, auf denen Logos von Organisationen und Programmen des Bildungsbereiches dargestellt waren, kamen jeweils zwei TeilnehmerInnen ins Gespräch. Dem Austausch von Informationen zur Person und den diversen Motivationsgründen, folgte eine Auseinandersetzung mit dem erhaltenen Logo. Außerdem wurde den Partnern die Aufgabe übertragen, folgenden Satz zu vervollständigen: „Todays world is „.

Die Welt ist voller Widersprüche.

So vielfältig wie die beruflichen Hintergründe und Motivationen der einzelnen TeilnehmerInnen, waren auch die Interpretationen des Zustands unserer Welt. Der Bogen spannte sich von „unfair“, „ungleich“, „differenziert“, „voller Widersprüche“ bis hin zu (mit Fragezeichen versehenen) Statements wie „bunt und überschaubar“ und „grenzenlos“.

Mit all den persönlichen Einschätzungen vertraut, konnte nun ein wichtiger Teil des Programms starten. In Kleingruppen diskutierten und erarbeiteten die TeilnehmerInnen ein Konzept, das die gegenwärtig notwendigen Anforderungen an Bildung beinhaltete. Dabei stand die Frage nach den erforderlichen Kompetenzen und Werten im Mittelpunkt, die den Menschen das Zurechtfinden in unserer globalisierten Welt ermöglichen können.

Globalisierung und Bildung.

„Bildung soll an lokale Bedürfnisse angepasst sein“, so eine Kernaussage der ersten Gruppe. Darüber hinaus überlegte diese Kleingruppe auch, ob es universelle Bedürfnisse geben könnte. Auf dieser Ebene verorteten sie schlussendlich die Möglichkeit der Selbstbestimmung sowie die Vermittlung von ökologischem Bewusstsein und ethischen Grundwerten. Die zweite Gruppe stellte das Erlernen von Selbstständigkeit ins Zentrum ihrer Anforderungen. Bildung in Zeiten der Globalisierung müsse die Grundlage für eigenständiges Handeln und Entscheiden bieten. Weiters solle Bildung allen Menschen zugänglich sein und zu vielfältiger Kommunikation befähigen, wozu die Förderung von Teamarbeit sowie die Ausweitung außerschulischer Bildungsangebote beitragen könnten. Das Lernen lernen, verstanden als Prozess des kritischen Hinterfragens von gängigen Methoden der Aneignung von Wissen, stand im Vordergrund der dritten Gruppe. In der Gegenwart sei es notwendig, interkulturelle Vergleiche aufzustellen und dadurch Differenzen verstehen zu können. Hierarchische Strukturen im Bildungssystem sollen abgebaut und durch selbstbestimmtes, dialogisches Lernen ersetzt werden. Gruppe vier konzentrierte sich im Diskussionsprozess zuerst auf die globale Ebene. Zugang zu Alphabetisierungsprogrammen und informativen Medien sei anzustreben. Bildung für die Gesellschaft müsse das Erlernen von Kritikfähigkeit, Teamfähigkeit und Kommunikationsfähigkeit ermöglichen. Außerdem solle sich die Unterrichtspraxis dahingehend verändern, dass Nachhaltigkeit, Mitbestimmung, Lebens- und Altersbezogenheit einen größeren Stellenwert erlangen.

Ökonomisierung der Bildung.

Im zweiten Teil des Workshops wurde der Themenbereich „Wissen/Bildung“ mittels kurzer Inputreferate von mehreren Seiten beleuchtet. Den Anfang machte Franz Halbartschlager. Er thematisierte aktuelle Trends in der Bildungspolitik, die durch die Schlagworte Effizienz, Nutzen und Output pointiert dargestellt werden konnten. Die Entstaatlichung von Bildungsinstitutionen führe zu einer Art „Kriegskultur“, die neue soziale Klüfte innerhalb von „Nord“ „Süd“, aber auch innerhalb der eigenen Gesellschaft, legitimiere.

Um den Blick direkt auf den „Süden“ zu lenken, sprach Téclaire Ngo Tam, Bildungsreferentin der Südwind Agentur, über das Bildungswesen in Kamerun. Téclaire Ngo Tam hat in Kamerun maturiert und konnte so persönliche Eindrücke einbringen. Bildung sei in Kamerun untrennbar mit Schule verbunden. Wer sie nicht besucht habe, könne nicht gebildet sein. Dass Schulbesuch der einzige Weg zum Wohlstand sei, werde von der älteren Generation als Weisheit weitergeben. Doch Ausbildungsmöglichkeiten und Zugang zu Schulen seien für große Teile der Bevölkerung nicht gegeben. Weiters würden die indigenen Sprachen vernachlässigt, was neben anderen Faktoren zur Unterscheidung zwischen „weißer Weisheit“ und „traditioneller Weisheit“ beitrage.

Margarita Langthaler, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Österreichischen Forschungsstiftung für Entwicklungshilfe (ÖFSE), thematisierte die Bildungsökonomisierung in wirtschaftlich unterentwickelten Ländern. Die Liberalisierung der nationalen Bildungssysteme und das Anwachsen des weltweiten Handels mit Bildungsdienstleistungen verursachten die Einschränkung der Souveränität, die Verschiebung der Ressourcen von „Süd“ nach „Nord“ sowie die Verschärfung der sozialen Ungleichheit. Die Macht des „Nordens“ führe demnach zu Fragmentierung der Bildungsstrukturen, fehlender Kontrolle über Lehrinhalte und sozialer Segregation im Bildungssystem.

Medienkonzentration.

Barbara Waschmann, Veranstalterin des Filmfestivals „Die Normale“, präsentierte Informationen zur Medienlandschaft. Sie wies auf die hohe Konzentration der Medien im Eigentum von nur wenigen Konzernen hin. Das Ausblenden entwicklungspolitischer Fragestellungen gehöre in diesen Medien zum Alltag. Doch Gegenkonzepte existierten, argumentierte Waschmann, so zum Beispiel TeleSUR, ein lateinamerikanischer Sender, konzipiert als Pendant zu CNN.

Die Hauptaussagen der Vorträge, die die Übermacht des „Nordens“ und des neoliberalen Paradigmas offen legten, führte bei manchen TeilnehmerInnen dazu, sich kurzzeitig „erschlagen zu fühlen“. Doch die positiven Erfahrungen des Workshops, die tolle Atmosphäre, die informativen Inputs und das Arbeiten in Kleingruppen (das aufgrund der unterschiedlichen beruflichen und persönlichen Hintergründe der TeilnehmerInnen zum „Weiterdenken“ anregte), boten mehr als genug Ansporn für weiteres Engagement.

Die Autorin studiert Politikwissenschaft an der Universität Wien und war Praktikantin am Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

Veröffentlicht in Entwicklungstagung 2005.