Die Vierte Österreichische Entwicklungstagung mit dem Thema „Wachstum-Umwelt-Entwicklung“ ist vorbei. Was waren ihre zentralen Inhalte und Reflexionen?
Unter dem Titel „Wachstum Umwelt Entwicklung“ luden das Paulo Freire Zentrum, die Arbeitsgemeinschaft Globale Verantwortung, ÖKOBÜRO, Umweltdachverband und die Universität Innsbruck zur 4. Österreichischen Entwicklungstagung. Rund 400 TeilnehmerInnen haben sich schließlich Mitte November 2008 in Innsbruck getroffen, um sich mit diesem brisanten und komplexen Themenfeld auseinander zu setzen.
Drei Begriffe vereint der Titel der Entwicklungstagung, die eng miteinander verknüpft sind, in der politischen Praxis dennoch meist in fragmentierter Weise angegangen werden. Dass vorhandene Lösungsstrategien häufig von Inkohärenz und Widersprüchen geprägt sind, verwundert folglich nicht. Ziel der Entwicklungstagung war es im Sinne eines integrierten Entwicklungsbegriffes diese Fragmentierung zu erkennen, in Frage zu stellen und somit einen Schritt in Richtung ihrer Überwindung zu gehen.
Entwicklung zwischen Wachsen und Begrenzen.
Im Eröffnungsdialog, der darauf abzielte unterschiedliche Perspektiven und Herangehensweisen greifbar zu machen, wurde schnell deutlich, dass sich vor allem hinsichtlich des Wachstumsbegriffes und seiner Beurteilung die Geister scheiden. Dass vor dem Hintergrund von Klimawandel und begrenzten Ressourcen eine kritische Revision des Wachstumsbegriffes von Nöten ist, kristallisierte sich aus den gegensätzlichen Perspektiven jedenfalls klar heraus. Während aus der Sicht von Helga Kromp-Kolb (Klimatologin, BOKU Wien) klar die Notwendigkeit von Suffizienz und der Begrenzung von Wachstum besteht, betonte Heinz Leuenberger (UNIDO), dass Wirtschaftswachstum zum Zwecke der Armutsbekämpfung unumgänglich sei. Um dieses nachhaltig gestalten zu können, sei neben der Veränderung von Lebensstilen eine Effizienzsteigerung von zentraler Wichtigkeit. Sowohl Fred Kabuye (Africa2000Network, Uganda), als auch Beckie Malay (Vizepräsidentin der Freedom of Debt Coalition, Philippinen) wiederum forderten dazu auf, Wirtschaftswachstum differenziert zu betrachten: Wem nützen konkrete Wachstumsprozesse, wie sind diese gestaltet und wer bestimmt darüber?
Wer gibt den Ton an?
Dass Entwicklung allzu oft eben nicht im Sinne der breiten Bevölkerung gestaltet sei, sondern entsprechend der Interessen weniger, wurde konkret in Bezug auf landwirtschaftliche Entwicklung festgestellt. Dementsprechend auch die Conclusio von Fred Kabuyes Vortrag über Landwirtschaft in Ostafrika: Das Herzstück einer nachhaltigen Gestaltung sei nicht eine neue „grüne Revolution“ oder ein Rückzug auf die Subsistenz, sondern die Demokratisierung von Entwicklungsprozessen sowie die Schaffung von Rahmenbedingungen zur Förderung lokal angepasster Produktionsweisen. Jedenfalls sei es nötig, die Landwirtschaft wieder stärker in den Fokus zu nehmen.
Auch in Bezug auf Energie, den zweiten, auf der Tagung reflektierten Kernbereich des problematischen Zusammenhangs von Wachstum und Umwelt, waren globale Machtverhältnisse ein wichtiges Thema. Christoph Bals (Germanwatch) strich bezüglich Energie die globale Schieflage hervor: Die Industrieländer verbrauchen einen Löwenanteil der fossilen Ressourcen und tragen dementsprechend massiv zum Klimawandel bei. Wirksame klimapolitische Maßnahmen seien hier dringend nötig, um einen entsprechenden Paradigmenwechsel zu erreichen.
Auch Elmar Altvater (ehem. Professor an der FU-Berlin) problematisierte die Ausbeutung fossiler Energieträger als Grundlage für den kapitalistischen Wachstumszwang, der natürliche Grenzen übertritt. Nicht die Veränderung von Lebensstilen auf der Mikroebene oder eine erhöhte Effizienz seien der Weg aus der Krise. Vielmehr brauche es eine grundlegende gesellschaftliche Umorientierung, die die Nutzung von Solarenergie ins Zentrum rückt.
Politik herausfordern und mitgestalten!
Wie solche Prozesse gesellschaftlicher Veränderung politisch zu gestalten sind, war eines der zentralen Themen auf der Tagung. Einerseits wurde wiederholt auf die Notwendigkeit hingewiesen, globale Probleme auf internationaler Ebene anzugehen und Institutionen der Global Governance zu stärken. Andererseits betonten Diskutierende wie auch Vortragende, dass zivilgesellschaftlicher Druck von unten eine grundlegende Voraussetzung für entsprechende politische Veränderungen darstellt. Einen klaren Appell hat Beckie Malay an die TeilnehmerInnen der Entwicklungstagung gerichtet: „Demokratisiert Wohlstand, nicht Armut!“ forderte sie und rief zur Solidarität auf, um eine sozial gerechte Gestaltung von Entwicklungsprozessen einzufordern und Umweltzerstörung zu verhindern.
Darum, Reflexion mit Aktion zu verknüpfen, ging es schließlich auch im theatralischen Teil der Tagung. Im „Regenbogen der Wünsche“ einer Methode nach Augusto Boal wurden die TeilnehmerInnen zu GestalterInnen, die sich selbst und ihre Zugänge zum Tagungsthema zueinander in Beziehung stellten.
Den einen Ausweg aus dem Dilemma von „Wachstum-Umwelt-Entwicklung“ konnte auch diese Tagung nicht bieten. Aber einfache, schnelle Lösungen gebe es in einem so komplexen Problemfeld eben keine, stellten auch die beiden RapporteurInnen, Andreas Exenberger (Universität Innsbruck) und Birgit Habermann (Österreichische Akademie der Wissenschaften), die die Erkenntnisse aus den Foren zusammenfassten, fest. Gelungen ist allerdings, die kritischen Momente eines integrierten Entwicklungskonzeptes, das gleichermaßen an sozialer und ökologischer Gerechtigkeit orientiert ist, auszumachen: von der Energiewende bis zur Demokratisierung.
Anna Ellmer studiert Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien und ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at