Die Eröffnung der Entwicklungstagung am Freitag, 14. November 2008 bot eine interessante Einführung in das Thema „Wachstum Umwelt Entwicklung“ in Form einer Podiumsdiskussion. So komplex wie das Thema ist, so vielseitig waren die Sichtweisen und Positionen.
Andreas Exenberger (Uni Innsbruck) und Gerald Faschingeder (Paulo Freire Zentrum, Koordinator der Tagung) eröffneten die Vierte Österreichische Entwicklungstagung und boten eine kurze inhaltliche Einführung in den Themenkomplex „Wachstum Umwelt Entwicklung“. Ziel der Tagung ist, einen Raum für Reflexion und Vernetzung zu öffnen. Wesentliche aktuelle Fragen könnten nicht mit fragmentiertem Denken beantworten werden, sondern Transdisziplinariät sei hier gefragt, so Gerald Faschingeder. Es gilt einerseits, NGOs und engagierte Menschen mit verschiedenen Zugängen, sei es Umwelt- oder Entwicklungspolitik, zu vernetzen. Andererseits soll auch ein Voneinanderlernen zwischen der Welt der Wissenschaft und der NGOs ermöglicht werden.
Der Eröffnungsdialog: „Entwicklung zwischen Wachsen und Begrenzen“
Im Eröffnungsdialog wurde bereits die Vielzahl an Perspektiven deutlich, mit denen das Thema „Wachstum Umwelt Entwicklung“ betrachtet werden kann. Die Diskussion verdeutlichte den Widerspruch zwischen den ökologischen Grenzen und dem Wachstumsdogma im herrschenden Entwicklungsdiskurs. Karin Küblböck (ÖFSE) moderierte das Gespräch mit den vier Podiumsgästen Fred Kabuye (Africa2000Network, Uganda), Beckie Malay (Vizepräsidentin der Freedom of Debt Coalition, Philippinen), Helga Kromp-Kolb (Klimatologin an der BOKU) und Heinz Leuenberger (Direktor der Abteilung Energie und umweltgerechte Produktion der UNIDO).
Nachhaltige Entwicklung.
Fred.jpg Fred Kabuye sah als Weg aus dem Dilemma das Konzept der nachhaltigen Entwicklung. Dieses impliziere Wirtschaftswachstum und Entwicklung, von der die breite Bevölkerung profitieren könne.
Gleichzeitig müsse aber die Umwelt berücksichtigt werden, in der die wirtschaftlichen Aktivitäten eingebettet sind. Wachstum müsse differenziert betrachtet werden, je nachdem wem es nützt und welche Folgen es verursacht. Der Landwirtschaftsexperte hinterfragte die Annahme der Allgemeingültigkeit des Entwicklungskonzepts für alle Regionen. Nachdem jedes Land spezifische Eigenschaften, Probleme und Vorteile aufweise, sollte eine Vielfalt an Entwicklungspfaden ermöglicht werden.
Demokratisierung der Entwicklung.
Der zweite Gast aus dem Süden, Beckie Malay, teilte Kabuyes Position in Bezug auf nachhaltige Entwicklung, welche zur Armutsreduktion beiträgt. Sie betonte dabei die Notwendigkeit von Demokratisierung für eine gerechte Entwicklung. Beckie.jpg
Die Wirtschaftspolitik auf den Philippinen spiegle nicht die Interessen der breiten Bevölkerung wider. Die Regierung treibe Privatisierungen voran, die negative soziale und ökologische Konsequenzen haben. Aber die Verschuldung zwinge die Regierung dazu, Einkommen zu generieren, ohne Rücksicht auf Verluste. Da auf den Philippinen eine Deindustrialisierung vonstatten gegangen ist, sei eine erneute Industrialisierung unerlässlich. Mindestens ebenso wichtig wäre die Herstellung einer gerechteren Vermögensverteilung angesichts der enormen Kapitalkonzentration auf den Philippinen.
Erhöhter Energieverbrauch verlangt Effizienzsteigerung.
Leuenberger.jpg Heinz Leuenberger pflichtete Fred Kabuye und Beckie Malay bei, dass Industrialisierung und Wachstum die zentralen Punkte in der Entwicklung seien. Es habe nie ein Land gegeben, das ohne Industrie die Armutsfalle durchbrochen hätte.
Aktuelle Beispiele seien China und Indien, wo durch das Wirtschaftswachstum die Armut halbiert worden sei. Um die Millenium Development Goals, die UN-Entwicklungsziele, zu erreichen, müsste der Energieverbrauch verdoppelt werden. Natürlich habe der steigende Energie- und Rohstoffverbrauch auch negative Folgen. Deshalb sei eine Effizienzsteigerung dringend nötig. Diese ersetze nicht eine Änderung unserer Konsumgewohnheiten, merkte der UNIDO-Mitarbeiter an.
Natürliche Grenzen anerkennen.
Helga Kromp-Kolb eröffnete eine gänzlich andere Perspektive auf das Verhältnis von Wachstum, Umwelt und Entwicklung. Die naturwissenschaftliche Logik und selbst der gesunde Menschenverstand würden uns klar vermitteln, dass ewiges Wirtschaftswachstum in einem begrenzten System nicht möglich sei, meinte die Klimatologin. Der schon seit vielen Jahrzehnten prognostizierte Kollaps, dem wir uns nähern, könne vermieden werden, wenn an den richtigen Stellen gehandelt werde. Derzeit herrsche der Fortschrittsglaube, der Technologie als die Antwort auf alle Probleme sehe. Aber die Möglichkeiten der Technologie werden überschätzt. Stattdessen solle die Frage nach dem Lebensstil in den Mittelpunkt gerückt werden. Die Wissenschafterin identifizierte Technik sowie Ökonomie und das Geldsystem als Machtinstrumente. Es gelte, sich dessen bewusst zu werden und „allgemein gültige“ Entwicklungsziele, die diesem Machtkomplex entsprechen, zu hinterfragen. Die Grundfrage, die Entwicklung leiten sollte, sei, was die Menschen glücklich mache.
„Reichtumsbekämpfung“ als Entwicklungsziel?
Helga Kromp-Kolb relativierte folglich die Begriffe Armut und Reichtum. Materieller Reichtum sei kein Garant dafür, dass es uns gut gehe und kann auch nicht als Maß für andere Gesellschaften gelten. Somit plädierte sie für ein Voneinanderlernen von „Entwicklungsländern“ und „Industrieländern“. Eine Entmaterialisierung sei in „reichen“ Ländern dringend nötig. Eine Meldung aus dem Publikum formulierte ihr Anliegen überspitzt: Statt von „Armutsbekämpfung“ müsse man von „Reichtumsbekämpfung“ in der entwicklungspolitischen Debatte sprechen. Die Industrieländer müssten ihre wirtschaftlichen Aktivitäten an den ihnen gerechterweise zustehenden natürlichen Ressourcen anpassen. Kromp-Kolb plädierte zuletzt dafür, die gegenwärtige Krise als Chance für einen Umbau der Wirtschaft wahrzunehmen.
Die Diskussion zeigte, dass die unterschiedlichen Positionen zu der Thematik „Wachstum Umwelt Entwicklung“ Ausdruck der verschiedenen fragmentierten Betrachtungsweisen sind. Um das komplexe Ganze verstehen zu können, braucht es wohl noch viele transdisziplinäre Dialoge dieser Art, die es ermöglichen, Widersprüche aufzuzeigen und gemeinsam zu bearbeiten.
Die Autorin ist Studentin der Internationalen Entwicklung und Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at