Forum 2: Technologischer Fortschritt als Ausweg aus dem Umwelt-Wachstum Dilemma?

Die Welt hat sich in ein Dilemma manövriert: Auf der einen Seite steht die Entwicklungsagenda, auf der anderen der Anspruch auf Nachhaltigkeit. Hilft uns die Technologie da raus?
Um die globale Armut drastisch reduzieren zu können, scheint im Rahmen der dominierenden, kapitalistischen Akkumulationslogik ein beschleunigtes Wachstum in Entwicklungsländern dringend erforderlich. Gleichzeitig droht die Klimakrise und aus der Forderung nach Nachhaltigkeit wird immer wieder die Begrenzung des ökonomischen Wachstums abgeleitet. International sei die Politik folglich in der Zwickmühle: Einerseits tragen enorme Wachstumsraten in Ländern wie China und Indien zur Armutsreduktion bei, andererseits wird der Automobilbestand der Entwicklungsländer in naher Zukunft den weiterhin zunehmenden Bestand der OECD-Länder überholen. So skizzierte Andreas Stamm Geograph am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik und einer der beiden Referenten die Ausgangslage, auf deren Basis zu diskutieren sei, ob Technologie einen Ausweg aus diesem Dilemma bietet.

Suffizienz als Sackgasse.

Mit überraschender Eindeutigkeit beantwortete Stamm diese Frage mit JA. Die Suffizienzstrategie, also im Sinne der Nachhaltigkeit veränderte, konsumarme Lebensstile, hat seiner Ansicht nach nämlich nur beschränktes Potential. Die Krux mit den Lebensstilen, deren Veränderung zwar seit 40 Jahren immer wieder diskutiert, skizziert und eingefordert, jedoch nie umfassend umgesetzt werde, sieht Stamm zum einen darin begründet, dass aufgrund komplexer, globaler Zusammenhänge gar nicht klar sei, was nun wirklich nachhaltiger Konsum ist. Dass es nachhaltig ist, wenn wir in Europa keine Mangos mehr aus Costa Rica kaufen und dort keinen Urlaub mehr machen, kann in Zweifel gezogen werden, bedenkt man, dass das kleine Land es sich aufgrund seines erfolgreichen Agrar- und Tourismussektors leisten kann, eine Vorreiterrolle in Bezug auf CO2-Neutralität einzunehmen. Zum anderen liege das beschränkte Potential der Veränderung von Lebensstilen in der Logik kollektiven Handelns in einer freien Gesellschaft begründet. Dass diesbezüglich aber durchaus auch Machtverhältnisse wirksam seien, gab Ulrich Brand Politikwissenschafter an der Universität Wien in seinem Kommentar zu bedenken: Immerhin seien Lebensstile eng mit machtförmig besetzten Produktionsnormen verwoben und können nicht unabhängig von diesen verstanden werden.

Stamms Hypothese jedenfalls lautet: Um den globalen Herausforderungen entgegen treten zu können, braucht es vorrangig eine rasante Steigerung der Ressourcenproduktivität und den Übergang zu einer „Low carbon economy“ auf globalem Level. Ansätze für dementsprechende Lösungen seien im Entstehen, auch von Entwicklungsländern wie Südafrika und China kämen wertvolle Beiträge.

Technologie fair handeln?

Einen Schritt in Richtung einer erhöhten Ressourcenproduktivität kann neben der Entwicklung neuer Technologien auch der Transfer schon vorhandener Lösungen darstellen. Wie Anja Christanell, zweite Referentin und  Mitarbeiterin am Österreichischen Institut für Nachhaltige Entwicklung, hervor strich, handelt es sich dabei vor dem Hintergrund der Machtverhältnisse in den Nord-Südbeziehungen allerdings häufig um eine problematische Praxis. Allzu oft kontrollieren Unternehmen aus dem Norden Technologien, implementieren diese in Entwicklungsländern ohne dass sie in lokale Strukturen eingebettet werden und Know-How transferiert wird. Tatsächlich zu einer Übertragung von Know-How komme es allerdings, stellte Ulrich Brand fest, im Kontext des Süd-Nord-Transfers von Technologie – eine beschönigende Bezeichnung für die Aneignung von Jahrhunderte lang im Süden entwickeltem agrikulturellem und medizinischem Wissen durch Unternehmen aus dem Norden.

Weiters bezweifelte Christanell, dass die Interessen österreichischer Unternehmen am Technologietransfer mit den Zielen der österreichischen Entwicklungspolitik grundsätzlich kohärent seien. Braucht es also verstärkt Vorgaben von Seiten der Politik, die über das Prinzip der Freiwilligkeit der Unternehmen hinausgehen? Man war sich einig, dass es insgesamt verstärkt Maßnahmen von staatlicher Seite brauche, um das Marktversagen im Bereich Nachhaltigkeit auszugleichen. Ökosteuern sowie die Schaffung von bilateralen Abkommen zur fairen Gestaltung des Technologietransfers sind Beispiele für in diesem Kontext diskutierte Ansätze.

Wer forscht für wen?

Vor allem im Bereich der Forschung sei dringend staatliches Handeln von Nöten. Hier besteht laut Andreas Stamm vor allem die Problematik, dass für private Forschung aufgrund ihrer primären Orientierung an Profit die brennenden Themen keine Priorität haben die Marktlogik funktioniert auch hier nicht. Einerseits müsse also öffentliche Forschung verstärkt gefördert werden. Ohne die enormen Ressourcen und das Know-How privater Forschungsbetriebe werde man aber andererseits nicht auskommen, meinte Stamm. Letztlich stellte dieser in den Raum, dass es im Sinne von Global Governance womöglich globale Institutionen zur Stärkung der Wissenschaft brauche sozusagen ein „Global Research Council“. Ob es möglich und sinnvoll ist, private Forschung mit Hilfe von Anreizsystemen ins Boot zu holen oder deren Wettbewerbsorientiertheit ein grundsätzliches Problem darstelle, war schließlich einer der Brennpunkte der Diskussion.

Die Notwendigkeit auch den Begriff der Demokratie in diesem Kontext zu reflektieren, wurde letztlich von Ulrich Brand hervorgestrichen. Für viele v.a. in der Entwicklungsszene sei eine Sichtweise auf Technologie als die ultimative Lösung wohl gerade deshalb mit Skepsis zu betrachten, weil Technologien eng mit jenen Machtverhältnissen verwoben seien, die in der Grammatik des Kapitalismus  wurzeln. Die Suche nach Lösungsstrategien kann folglich nicht auf eine Steigerung der Ressourcenproduktivität beschränkt sein. Es stellt sich auch die Frage, wie Forschung organisiert sein muss, um Technologieentwicklung und Ressourcennutzung partizipativ und demokratisch zu gestalten, und wie gesellschaftliche Naturverhältnisse und ökonomische Entwicklung überhaupt demokratisiert werden können.

Die Autorin studiert Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien und ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

Veröffentlicht in Entwicklungstagung 2008.