Wie kann eine nachhaltige landwirtschaftliche Entwicklung aussehen und wer soll darüber entscheiden? Ausgehend vom komplexen Spannungsfeld zwischen Ernährungssicherheit und souveränität in Uganda standen diese Fragen im Mittelpunkt einer facettenreichen Diskussion.
Fast die Hälfte der Bevölkerung Ostafrikas ist von einer kleinräumigen, vorwiegend an Subsistenz orientierten Landwirtschaft abhängig. Zugleich sind immer mehr Menschen in der Region von Mangel- und Fehlernährung betroffen. Mit dieser Charakterisierung der Ausgangslage in Ostafrika hat Frederick Musisi Kabuye Direktor des Africa2000Network die Dringlichkeit von nachhaltigen Lösungsansätzen für den landwirtschaftlichen Sektor in der Region zu Beginn des von Petra C. Gruber (IUFE) moderierten Plenums eindrücklich untermauert. Dass es sich dabei nicht nur um ein ostafrikanisches Problem handelt, sondern um Handlungsbedarf auf globaler Ebene, hat Michael Hauser Forscher an der BOKU in Wien in seinem Kommentar betont: Global sind 80-85% der Menschen von der Landwirtschaft abhängig; gleichzeitig sind wir mit einer globalen Nahrungsmittelkrise konfrontiert.
Die Landwirtschaft kommt zu kurz!
Wenn vor diesem Hintergrund lediglich drei Prozent der globalen EZA landwirtschaftliche Entwicklung zum Ziel hat, sei dies höchst fahrlässig und die derzeitige Krisensituation keine Überraschung, betonte Hauser. Aber welche Form der Landwirtschaft soll im Sinne nachhaltiger Entwicklung verstärkt gefördert werden? Einerseits Ernährungssicherheit, als garantierter Zugang zu qualitativ hochwertigen Nahrungsmitteln in adäquater Menge, und andererseits Ernährungssouveränität im Sinne der Möglichkeit von Bauern und Bäuerinnen zur selbst bestimmten Produktion und Ernährung ihrer Familien, waren die Grundpfeiler in der Diskussion um mögliche Wege einer nachhaltigen landwirtschaftlichen Entwicklung in Ostafrika sowie wie auf globaler Ebene.
Welchen Weg einschlagen?
Drei unterschiedliche Typen landwirtschaftlicher Produktion können in Ostafrika so Kabuye identifiziert werden: Die traditionelle, konventionelle Landwirtschaft ist kleinräumig strukturiert, erfordert wenige externale Inputs, basiert auf vorhandenem, indigenem Wissen und sichert ein hohes Ausmaß an Ernährungssouveränität. Zugleich allerdings gerät sie aufgrund der fallenden Erträge als Garant für Ernährungssicherheit zunehmend ins Wanken.
Seit Mitte der 1990er werden auch Modelle einer nachhaltigen Landwirtschaft praktiziert, die ermöglichen sollen, langfristig genügend Nahrung zu erzeugen, ohne dem Ökosystem irreversiblen Schaden zuzufügen. Umweltfreundlichkeit und Leistbarkeit können als ihre wichtigsten Vorteile betrachtet werden. Durch die Integration von Viehhaltung und die Diversität der angebauten Nutzpflanzen werde das Produktionsrisiko gestreut und Ernährungssicherheit hergestellt. KritikerInnen bemängeln aber, dass letzteres zwar in Bezug auf die Mikroebene der Haushalte der Fall sei, jedoch nicht unbedingt die Gesamtgesellschaft betreffend.
Als dritte Produktionsform verspreche eine hochgradig technisierte Landwirtschaft einen signifikanten Beitrag zur Ernährungssicherheit auf nationaler Ebene sowie zur industriellen Entwicklung im Allgemeinen zu leisten. Andererseits relativiere eine Reihe problematischer Aspekte diese Vorteile: Die Ernährungssouveränität wird in diesem Kontext massiv geschwächt und die Kontrolle über die Produktionsmittel wird den Bauern und Bäuerinnen, die das Land bestellen, zunehmend aus der Hand genommen. So kann geeignetes Saatgut dann nicht mehr selbstständig vermehrt werden, sondern muss im Kombipack mit Dünger, Herbiziden und Pestiziden eingekauft werden; zu Preisen, die für die Bauern und Bäuerinnen häufig nicht erschwinglich sind. Den deutlichen Verlust an Biodiversität hat Kabuye als weitere Gefahr in diesem Zusammenhang herausgestrichen.
Vor dem Hintergrund dieser negativen Effekte stellte Fred Kabuye schließlich in den Raum, dass naturnahe Ansätze wie die biologische Landwirtschaft womöglich nicht nur ökologisch sondern auch ökonomisch vorteilhafter wären. Ganz einfach ist die Einschätzung des Potentials des Ökolandbau für Ostafrika allerdings nicht: Uganda ist zwar bekannt für seinen großen Biosektor, ein Großteil der biologischen Produkte wird allerdings nach Europa ausgeflogen. Die Umweltkosten für Transport sind dementsprechend hoch und die Wettbewerbsfähigkeit am Weltmarkt durch die zunehmende Konkurrenz durch China auf längere Sicht durchaus gefährdet, betonte Michael Hauser. Gleichzeitig sei der lokale Markt für Bioprodukte nach wie vor sehr beschränkt und rigorose Zertifizierungsregeln eine große Herausforderung für viele ostafrikanische Bauern und Bäuerinnen, gab Kabuye zu bedenken. Markus Schermer Soziologe an der Universität Innsbruck strich in diesem Zusammenhang aber auch hervor, dass nicht nur eine zertifizierte Bioproduktion als gangbares, nachhaltiges Modell zu sehen sei. Angepasste und naturnahe Ansätze zur Produktion für lokale und regionale Märkte bräuchten eben nicht unbedingt ein Bio-Label, um ökologisch und ökonomisch sinnvoll zu sein.
Wer entscheidet?
Als zentraler Punkt hat sich im Zuge der Diskussion aber zunehmend herauskristallisiert, dass gar nicht so sehr die Frage, welcher Weg der richtige sei, im Mittelpunkt zu stehen habe, sondern vielmehr danach, wer darüber entscheidet. Man war sich einig: Allzu oft werde die Entscheidung darüber von urbanen Eliten oder AkteurInnen des internationalen Agrobusiness gefällt und damit einseitig von deren unternehmerischem Interesse geprägt. Aus eigener Erfahrung wisse Schermer, dass die Möglichkeiten afrikanischer Bauern und Bäuerinnen eingeschränkt sind hinsichtlich der Artikulation ihrer eigenen Bedürfnisse sowie der Umsetzung jener Veränderungen, die sie aus ihrem traditionellen Wissenssystem heraus anstreben. Den Bauern und Bäuerinnen die Autonomie in Bezug darauf, was sie anbauen, was sie selbst konsumieren und wie sie ihre Produkte vermarkten, zurückzugeben, sieht auch Michael Hauser als das Herzstück einer zukunftsfähigen landwirtschaftlichen Entwicklung, im Rahmen derer sich die ProduzentInnen selbstständig für oder gegen alternative Formen der agrarischen Produktion entscheiden. Das erfordere einerseits Möglichkeiten transformativen Lernens für Bauern und Bäuerinnen, andererseits aber auch entsprechende Rahmenbedingungen, die politisch durchgesetzt werden müssen. Die Frage nach Landrechten ist diesbezüglich nur eines von vielen Beispielen, die in der Diskussion angesprochen wurden: Wie Fred Kabuye darlegte, ist die Unsicherheit in Bezug auf die Nutzungsrechte vieler Kleinbauern und bäuerinnen ein großes Hindernis für die landwirtschaftliche Entwicklung in Uganda. Denn wenn nicht klar ist, ob jemand ein Feld nächstes Jahr noch einmal bebauen darf, macht der- oder diejenige auch keine langfristigen Investitionen.
Letztendlich kann damit auch ein Auftrag an die TeilnehmerInnen der Tagung in Innsbruck abgeleitet werden: Nämlich im Kontext der Entwicklungspolitik Druck auszuüben, damit entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen werden und das Thema Landwirtschaft nicht nur in der derzeitigen Krise, sondern auch langfristig wieder jene Beachtung erfährt, die sie als Lebensgrundlage einer Mehrheit der Menschen verdient.
Die Autorin studiert Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien und ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at