Seinen Vortrag beendete Marcio Pochmann mit der Benennung der zwei größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Kommentiert wurden seine Worte aus Perspektive der politischen Bildung und der Entwicklungspolitik.
Neue Herausforderungen neue Chancen?
In einem letzten Teil ging Pochmann auf die großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts ein. Diese sah er vor allem in der Ungleichheit zwischen der Macht der großen transnationalen Unternehmen und den Nationalstaaten. 47% der Weltproduktion hinge von den 500 größten Konzernen ab, dementsprechend enorm sei ihr Einfluss. Breche ein solches Unternehmen zusammen, könne dies extreme Folgen auf die gesamte Weltwirtschaft haben, wie sich auch in der derzeitigen Krise zeige. Die große Herausforderung bestünde heute also darin, ein Gleichgewicht zwischen der Macht der großen Konzerne und einer demokratischen Regierung zu schaffen. Um dies zu erreichen, brauche es eine Rekonstruktion und Stärkung des Staates.
Die zweite große Herausforderung mit der man heute zu kämpfen habe, sei der Übergang von materieller zu immaterieller Arbeit. Während früher der materielle Sektor (Landwirtschaft, Viehzucht, Industrie, Bauindustrie) dominierte, sei heute der tertiäre Sektor am zentralsten. Es handle sich dabei um immaterielle Arbeit, die dank neuer Kommunikations- und Informationstechnologien immer und überall ausgeführt werden könne und nicht mehr an gewisse Orte gebunden sei, so wie die materielle Arbeit. Dies führe zu einer Ausweitung der Arbeitszeit, mit der ein gewisses Wachstum von Reichtum einherginge. Dieses Wachstum könne es ermöglichen, eine Wissensgesellschaft zu finanzieren, die Bildung favorisieren und ein lebenslanges Lernen ermöglichen würde. Dazu brauche es eine Reorganisation öffentlicher Mittel, des Staates und der Gesellschaft. Die technischen Voraussetzungen dafür seien gegeben, so Pochmann. Was uns daran hindere, diese neue Gesellschaft zu gründen, sei lediglich die Angst. Die Angst davor, etwas zu wagen und gemeinsam eine Alternative zu schaffen.
Kommentare und Diskussion
Im Anschluss an den Vortrag folgte eine Kommentar- und Diskussionsrunde mit Christian Kloyber, pädagogisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bundesinstitut für Erwachsenenbildung in Strobl und Petra Navara-Unterluggauer, Geschäftsführerin der AG Globale Verantwortung, moderiert von Andrea-Puschl-Schliefnig, Redakteurin der ORF Sendung Thema.

Marcio Pochmann, Petra Navara-Unterluggauer, Andrea Puschl-Schliefnig, Christian Kloyber;
Partizipative Demokratie ist das, was in Österreich fehlt und was auch im Aussterben begriffen ist startete Petra Navara-Unterluggauer ihren Kommentar. In Brasilien glaubt sie eine Wiederbelebung dieses Begriffs zu finden. Viele Problematiken beträfen heute Nord und Süd und seien zunehmend als global zu verstehen: Die Prekarisierung der Arbeit, das Aufgehen der Einkommensschere, das Auseinandertriften von sozialen Schichten und die daraus resultierenden sozialen Ausgrenzungen, um nur einige zu nennen. Diese universellen Problematiken müssten universelle Lösungsansätze nach sich ziehen. Hierzu brauche es verschiedene Voraussetzungen, von denen viele, die heute in Brasilien eingesetzt würden (Unterstützungen für Mikro- und Kleinunternehmen), auch für Österreich relevant wären. Besonders wichtig sei es dabei, nicht zu vergessen, dass die Wirtschaft im Dienste der Gesellschaft stehen müsse und nicht umgekehrt. Wirtschaft brauche Regeln, die die Ausbeutung von Menschen und Ressourcen unterbinde und sie müsse Teil einer kohärenten Politik sein, die Entwicklung, Gemeinwohl, ein gutes Leben zum Ziel habe. Um das zu erreichen sei ein pluralistischer Ansatz mit einer starken zivilgesellschaftlichen Basis und einem starken Staat wichtig.
Kein Grund zur Euphorie
Auch Christian Kloyber erinnerte an die Herausforderungen, die es noch zu meistern gilt. In Europa sähen wir oft auf Lateinamerika, um uns von dort Inputs zu holen, wie z. B. die Gedanken Paulo Freires und anderer. Allerdings vergesse man dabei schnell, dass Brasilien noch einen Weg zu gehen habe, der nicht einfach zu beschreiten sei und der gewiss noch Rückschläge bereithalte. Deshalb, so Kloyber, sei das Leitmotiv Herausforderung und nicht Euphorie. Politische Bildung und Erwachsenenbildung sei sehr wichtig wenn es darum ginge, an der Demokratie zu arbeiten. Dies gelte für Europa ebenso, wie für Brasilien. Auch hier würden Anstrengungen unternommen, mehr für die Bildung zu tun, diese Bemühungen blieben aber noch zu gering. Dennoch gäbe es bereits Schritte in die richtige Richtung.
Stimmen aus dem Publikum
Abschließend hatte nun auch das Publikum die Möglichkeit, sich mit Fragen und Kommentaren einzubringen. Die aufkommenden Fragen waren vielfältig und nicht immer ganz unkritischer Natur. So wurde z. B. bei den Thematiken der ökologischen Nachhaltigkeit und der Partizipation nachgehakt. Sei es tatsächlich möglich Wachstum zu generieren, ohne die Umweltzerstörung weiter voranzutreiben, so wie Pochmann dies als eine Besonderheit des brasilianischen Modells bezeichnete? Und wie partizipativ seien die demokratischen Erfahrungen vor dem Hintergrund bestehender Benachteiligungen indigener Menschen de facto?
Auf diese Punkte angesprochen, wies Pochmann darauf hin, dass auch der heutige Norden sein Wachstum und seine Entwicklung nicht erreicht habe, ohne natürliche Ressourcen auszubeuten. Im Gegensatz zu anderen, heute stark wachsenden Nationen sei für Brasilien aber die nationale und internationale Diskussion wichtig. Hier komme es auch durchaus vor, dass die ursprünglichen Pläne für ein Projekt abgeändert und angepasst würden, wie es das Beispiel des Wasserkraftwerks Belo Monte zeige. Dass dieser weltweit drittgrößte Staudamm aufgrund befürchteter starker Auswirkungen auf den Regenwald und die dort lebende indigene Bevölkerung aber Ziel scharfer Kritik aus dem In- und Ausland war, trübte das positive Bild ein wenig. Darauf angesprochen konterte Pochmann, dass es natürlich einen gewissen Einfluss auf die Umwelt gebe. Von Außen komme dazu immer viel Kritik, aber wenn es um die Findung tatsächlicher Alternativen ginge, kämen wenige Vorschläge. Wenn die Alternative sei, dass Brasilien nicht wachse und den Menschen in der Region Entwicklung dadurch nicht ermöglichen könne, sei dies keine Option. Denn, und so schloss Pochmann die Runde, wenn es zwischen Leben und Umwelt zu entscheiden gelte, bevorzuge Brasilien das Leben.
Offene Fragen konnten abschließend bei Kremser Wein und biologischem Buffet in gemütlicher Atmosphäre weiterdiskutiert werden.
Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums.
Fotos: Marcel Kneuer