Die Welt im Umbruch – Bewegungen in der neuen Geographie der Macht

Susanne Scholl, österreichische Journalistin und Schriftstellerin, hielt die Eröffnungsrede bei der 6. Österreichischen Entwicklungstagung in Salzburg. Unter dem Titel „Die Welt im Umbruch – Bewegungen in der neuen Geographie der Macht“ skizzierte Scholl aus ihrer Perspektive das aktuelle Weltgeschehen.“Wir leben in Umbruchzeiten. Das bietet viele Möglichkeiten aber auch viele Gefahren“. Mit diesen Worten eröffnete Susanne Scholl die 6. Österreichische Entwicklungstagung. Die ehemalige ORF Osteuropa Korrespondentin sollte einen Überblick geben, was „die Welt“ momentan bewegt und in welche Richtung sie sich entwickelt. „Ich bin keine Expertin für die ganze Welt, möchte aber meine Überlegungen mit Ihnen teilen“, erklärte Scholl dem Publikum und begann ihre Ausführungen mit einem Wendepunkt der Weltgeschichte, der bereits mehr als 20 Jahre zurückliegt.

Damals und Heute

Mit dem Fall der Berliner Mauer und dem Zerfall der Sowjetunion hätten sich Aufbruchsstimmung und Euphorie in Westeuropa breit gemacht, so Scholl. Im Vergleich zu damals herrsche heute in Europa eine Art „kollektiver Kater“. Mit dem „Sieg über den Kommunismus“ schien eine Zeit des Friedens angebrochen zu sein, allerdings nur, wenn man die Welt durch den „europäischen Tunnelblick“ betrachtete. „Was wir damals nicht sehen, hören und fühlen wollten, erleben wir heute in voller Größe.“ Scholl bezog sich dabei auf Hungersnöte und zunehmende Armut auf dem afrikanischen Kontinent und den Ausbruch des zweiten Golfkriegs bzw. des Irakkriegs. Sie erklärte das verstärkte Aufkommen von nationalistischen und religiös-fanatischen Bewegungen als direkte Folge dieser eurozentrierten Euphorie. Daraufhin versuchte sich Scholl an einer überblicksartigen Darstellung aktueller globaler Konflikte.

Staatsfeind Nummer Eins: Russland

Ihrem Spezialgebiet treu bleibend ging sie auf die Ursachen des Ukraine Konflikts ein. Diese Gefahr habe sie bereits Anfang der 1990er Jahre gesehen: „Die Ukraine strebte ab 1991 weg aus der russischen Umarmung. Nach 20 Jahren sogenannter Unabhängigkeit war aber trotzdem kein Problem im Land gelöst und die Menschen rebellierten“. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion habe es zwischen der Ukraine und Russland eine Abmachung gegeben: Die russische Schwarzmeerflotte könne auf der Krim stationiert bleiben, im Gegenzug dazu erhalte die Ukraine Sonderkonditionen beim Gaspreis. Dieses Abkommen sei im Frühling des vergangenen Jahres einseitig von Russland gebrochen worden. Abgesehen davon sei Wiktor Janukowitschs Rechnung, einerseits mit der EU über ein Assozierungsabkommen zu verhandeln und andererseits Russland treu zu bleiben, nicht aufgegangen. Die Hauptverantwortlichkeit der Krise in der Ukraine sah Scholl dennoch bei Russland unter Putin, denn dieser denke immer noch ausschließlich in Kategorien des kalten Krieges. Eine Frage aus dem Publikum, ob das nicht teilweise auf die USA und Europa ebenso zutreffe, verneinte Scholl vehement. Nach einer eingehenden Analyse der Lage der russischen Wirtschaft widmete sie sich schließlich dem Rest der Welt.

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Foto: Susanne Scholl; von Michael Straub

Der Kampf gegen den Terrorismus

Das nächste Kapitel, das Scholl in ihrem Vortrag aufschlug, war der Kampf gegen den internationalen Terrorismus seit 9/11. Eine gefährliche Tendenz lasse sich erkennen – man sei bereits dazu übergegangen, das Wort international durch islamisch zu ersetzen.

Und wieder richtete die ehemalige ORF-Korrespondentin ihren Blick auf Moskau: Der Generalverdacht, unter dem viele MuslimInnen nach dem 11. September standen, habe den Tschetschenien Krieg als „Kampf gegen den internationalen Terrorismus“ legitimieren können. Gleichzeitig sei ein deutliches Signal an MuslimInnen in Russland gesendet worden, und zwar „sie mögen sich ruhig verhalten“. Scholl verglich diese Dynamik mit Entwicklungen in den USA und Europa.

Weiters widmete Scholl ihre Ausführungen den Protesten der letzten Jahre im arabischen Raum. Dort, wo Europa einst Kolonialmacht war, würden nun jene Konflikte aufbrechen, die unter dem Sammelbegriff „arabischer Frühling“ bekannt wurden. Mit der Absetzung alter Machthaber durch neue soziale Bewegungen sei wieder große Euphorie aufgekommen. Eigentlich seien aber nur alte Regeln gesprengt worden, ohne zu wissen, welche neuen Regeln man etablieren solle. In solchen Zeiten der Unsicherheit würde sich ein Machtvakuum auftun, das erfahrungsgemäß von denen besetzt würde, „die nicht auf Wissen, sondern auf Glauben setzen“. So seien wir im wiederauferstandenen Mittelalter im Sinne der Menschenfresserzeiten angekommen, verkündete Scholl.

Schwellenländer, die eigentlich keine sind

Auch auf die sogenannten Schwellenländer oder BRICS Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) nahm Scholl Bezug, gab aber zu verstehen, dass sie die Zusammenfassung dieser Staaten unter einem Begriff willkürlich finde. In ihren Augen könne Russland sowieso nicht als Schwellenland bezeichnet werden, da es nach wie vor stark vom Rohstoffexport abhängig sei, was viel eher zu einem Entwicklungsland passe. China sei zwar wirtschaftlich weiter entwickelt als manche Industriestaaten, liege aber gesellschaftspolitisch und im sozialen Bereich hinter Russland. Brasilien habe große soziale Probleme und stehe wirtschaftlich nur sehr begrenzt auf sicheren Beinen; Südafrika kämpfe nach wie vor mit der eigenen Vergangenheit (vgl. Apartheid). Indien erwähnte Scholl nur in einem Nebensatz. Auch die Beziehungen zwischen den fünf Staaten kritisiert sie: „Zwischen Russland und China herrscht deutliches Misstrauen, während die anderen drei Staaten von den beiden selbsternannten Großmächten wohl kaum anders wahrgenommen werden, als eine Art Kolonialländer, deren Ressourcen man ausnützen möchte.“

Scholl schloss ihren Vortrag mit der Bestätigung ihrer Eingangsphrase: „Ja, wir leben in sehr interessanten Zeiten. Das Beste, was man in solchen Zeiten tun kann, ist die Ohren und Augen weit aufzumachen, und so oft als möglich auch den Mund.“

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum.  Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

Hier gehts zum Youtube-Film der Rede von Susanne Scholl!

Veröffentlicht in Entwicklungstagung 2014.