Im Rahmen der 6. Österreichischen Entwicklungstagung „umbruch.aufbruch“ an der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Salzburg, wurde am 15.11.2014 ein Workshop zum Umgang mit Komplexität, Widersprüchen und Dilemmata als Themen der Bildungsarbeit im Globalen Lernen gestaltet. Diesen Workshop leiteten Franz Halbartschlager und Téclaire Ngo Tam von der Südwind Agentur, die sich in ihrer Arbeit mit der Thematik des Globalen Lernens beschäftigen. Mithilfe verschiedener Spiele und Aufgaben wurden die TeilnehmerInnen dazu angeregt, eine Diskussion über die komplexen Aufgaben, Widersprüche und Dilemmata in der Bildungsarbeit zu führen.
Um die anderen Workshop-TeilnehmerInnen besser kennen zu lernen und die eigenen Erfahrungen mit Globalem Lernen zu teilen, wurde eine Art Vorstellungs-Bingo gespielt. Dabei versuchten die TeilnehmerInnen herauszufinden, wer zum Beispiel eine/n FriedensnobelpreisträgerIn kennt, wer Spanisch spricht, wer die Aufgabenbereiche der WTO benennen kann oder wer regelmäßig Produkte aus fairem Handel isst. Bei dieser Runde entwickelten sich bereits sehr interessante Gespräche, die weit über die vorgegebenen Fragen hinausgingen. Viele der 13 TeilnehmerInnen beschäftigten sich beruflich in verschiedensten Formen mit der Thematik des Globalen Lernens und konnten die Diskussionen mit ihren persönlichen Erfahrungen bereichern.
Perspektivenwechsel
In Zweiergruppen wurden die Anwesenden mit einer fiktiven Zeitungsmeldung vom Tod eines Asylwerbers konfrontiert und sollten anhand verschiedenster ZeugInnenaussagen Informationen sammeln und so viel wie möglich über das Opfer herausfinden, um schließlich die/den mögliche/n MörderIn zu finden. Das Ziel der Übung sei die Erkenntnis, dass hinter dem Begriff „Flüchtling“ oder „AsylwerberIn“ eine Person steht, die mit ihrer ganz eigenen Geschichte, mit Fähigkeiten und individuellen Motivationen handle, so Ngo Tam. Dieses Sich-Bewusst-Machen und Abstand nehmen von vorgefertigten Bildern und Annahmen sei ein notwendiger erster Schritt, um sich besser auf die Widersprüche und Dilemmata in der Entwicklungszusammenarbeit einzulassen.
Welt(ver-)entwicklung
Im „Diamantspiel“ sollten die TeilnehmerInnen eine Hierarchie bzw. Wertigkeit von bestimmten Maßnahmen erstellen. Die Maßnahmen „Menschenrechte fördern“, „Demokratie durchsetzen“, „Bildung gewährleisten“, „Gesundheit verbessern“, „Terrorismus stoppen“, „Welthandel regulieren“, „neue Energieformen entwickeln“ und „Klimawandel aufhalten“, sowie ein frei wählbares Thema, sollten nach subjektivem Empfinden in einer diamantförmigen Struktur gereiht werden. Das Thema mit der höchsten Priorität stand ganz oben, darunter zwei Maßnahmen an zweiter Stelle, drei an dritter, zwei an vierter und eine Maßnahme an letzter Stelle. Es entstand ein diskussionsintensiver Prozess, der bei allen drei Kleingruppen sehr ähnliche Ergebnisse ergab. Die Herausforderung war dabei, eine gemeinsame Definition der vorgegebenen Kategorien zu finden. Die TeilnehmerInnen kamen in der anschließenden Gruppendiskussion zum Schluss, dass alle anderen Maßnahmen erst möglich seien, wenn ein Bewusstsein dafür vorhanden sei. Dabei komme der Bildung eine prioritäre Rolle zu. Erst im zweiten Schritt könnten die Problematik des Klimawandels angegangen und Menschenrechte ermöglicht werden. Auf der dritten Prioritätsstufe standen die Entwicklung neuer Energieformen, die Durchsetzung der Demokratie und die Förderung von Gesundheit. An letzter Stelle in der Diamantstruktur wurde die Kategorie „Terrorismus stoppen“ gestellt.
Every 60 seconds in Africa, a minute passes
Um in diese Thematik einzusteigen, stellten sich die Anwesenden die Fragen: Was ist Entwicklung? Kann man sie messen und wenn ja, wie? Anhand eines Plakates, das spielende Kinder in einem afrikanischen Dorf zeigt und die Aufschrift „Every 60 seconds in Africa…“ trägt, wurde die europäische Auffassung von Entwicklung und bekannte Werbeplakate kritisiert. Denn dieser Satz könne auch mit einem humorvollem „…a minute passes.“ vervollständigt werden. Dass sich nicht einmal die TeilnehmerInnen in einer verhältnismäßig kleinen Gruppe auf eine Definition von Entwicklung einigen konnten, spiegelte die Komplexität der Thematik wider.
Im nächsten Schritt beschäftigte sich die Gruppe mit drei verschiedenen, häufig verwendeten Indices: dem Human Development Index (HDI), dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) und dem Happy Planet Index (HPI). Als Ergebnis des Karten- und Fallbeispiel-Spiels stellten die TeilnehmerInnen fest, dass das häufig gebrauchte BIP nicht ausreicht – durch den HDI, der andere Faktoren mit dem BIP kombiniert, werde die tatsächliche Lebensqualität repräsentiert.
Begrifflichkeiten
In der letzten Übung bekam jede Gruppe zwei Begriffe zugeteilt, die pantomimisch in Form eines Standbildes dargestellt und den anderen präsentiert werden sollten. Die Anderen hatten den Auftrag zu erraten, was gemeint war. Dabei galt es Wörter wie Herausforderung, Unsicherheit, Entwicklung und Umbruch zu erklären, die einiges an Überlegungen verlangten, um sie begreiflich zu machen. In der folgenden Diskussion wurde zudem deutlich, wie ausschlaggebend eine sorgsame Wahl der Ausdrücke ist, denn in Begriffen schwinge immer auch eine Konnotation mit und es werden gewisse Bilder transportiert.
Zum Abschluss präsentierten Franz Halbartschlager und Téclaire Ngo Tam noch verschiedene Definitionen von Globalem Lernen. Im Laufe des Workshops wurde den TeilnehmerInnen die Wichtigkeit des von- und miteinander Lernens bewusst und wie bedeutend Bildungsarbeit für die zukünftige Entwicklung sei. Im Resümee meinten viele TeilnehmerInnen, dass die Absicht dieses praxisorientierten Workshops erfüllt wurde, indem er neue Ansätze zum Umgang mit Komplexität, Widersprüchen und Dilemmata im Globalen Lernen, sowie Ideen und Methoden zur Umsetzung bot.
Die Autorin ist Studentin der Geographie an der Universität Salzburg. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at