Forum 1 Europa: Gutes Leben für alle?

Was bedeutet gutes Leben für alle? Welche Chancen verbergen sich hinter dem Konzept und welche politischen Strategien braucht es in Europa? Das Forum 1 „Europa: Gutes Leben für alle als roadmap für die europäische Transformation“ widmete sich bei der 7. Österreichischen Entwicklungstagung am 18. Nov. 2017 diesen Fragen.

Das Konzept des Guten Lebens für alle und die Frage nach Handlungsmöglichkeiten, besonders im Hinblick auf sozial-ökologische Transformationen, standen im Fokus des vierstündigen Forums, das von Andreas Novy (Wirtschaftsuniversität), Karin Fischer (Mattersburger Kreis für Entwicklungspolitik) und Jakob Hafele (Institut für zukunftsfähige Ökonomien) im Rahmen der 7. Entwicklungstagung in Graz vom 17.-19. November 2017 angeleitet wurde. Auf Grundlage des 2013 herausgegebenen Journals für Entwicklungspolitik (JEP): „Gutes Leben für alle. Ein europäisches Entwicklungsmodell“ lag der Schwerpunkt der Veranstaltung auf Europa und alternativen Entwicklungsstrategien.

Zentrum und Peripherie in Europa.

Hierfür zeigte Jakob Hafele anhand des Bruttoinlandprodukts (BIP) die ungleichen Entwicklungen sowohl zwischen europäischen Ländern als auch innerhalb dieser auf und gab am Beispiel Griechenlands einen historischen Abriss über Gründe und Zusammenhänge. Als Griechenland 1981 als ungleicher Partner Mitglied der Europäischen Gemeinschaft wurde, zeichnete sich das Land durch einen schwachen Kapitalgütersektor und Abhängigkeit zu den Zentren aus. In den 1970er Jahren setzte eine Finanzialisierungstendenz der Zentrumsökonomien ein, in die zunehmend Peripherien integriert wurden. Defizite in der Handels- und Leistungsbilanz wurden durch Kapitalflüsse durch die Zentren ausgeglichen, ohne dass Griechenland seinen eigenen materiellen Wohlstand erzeugen konnte. Jedoch wurden die divergenten Entwicklungsmuster mit der Weltwirtschaftskrise 2008 wieder offensichtlich.

Mit einer Überleitung zum Verhältnis von ökonomischem Wohlstand und dem ökologischen Fußabdruck verschiedener Regionen beziehungsweise Länder verwies er auf die doppelte Herausforderung und der damit einhergehenden Notwendigkeit neuer Entwicklungsstrategien, die den Peripherien mehr Handlungsmöglichkeiten bieten und dabei einer sozial-ökologischen Transformation gerecht werden können, so Hafele.

Neue Wege.

Für eine alternative Strategie könne die Dependenztheorie, auf der das Konzept des Guten Lebens für alle aufbaut, eine wichtige Rolle spielen, so Karin Fischer anschließend. Sie betonte die drei wesentlichen Maßnahmen der Dependenztheorie: Eine Zurücksetzung der Exportabhängigkeit und damit die Stärkung des Binnenmarkts und der Süd-Süd-Kooperationen. Dabei müsse beachtet werden, dass es nicht Ziel sei, sich gänzlich zu isolieren, sondern dass es sich um eine zeitweilige selektive Maßnahme handle, um die eigene Wirtschaft zu stärken und bessere Verhandlungschancen auf dem globalen Markt zu erreichen. Als weitere Punkte wurden die Nutzung endogener Ressourcen im eigenen Land/ Region genannt und die Entwicklung sowohl der Industrie als auch der Landwirtschaft, die meist vernachlässigt wird.

Lateinamerikanische Versuche einer wirtschaftlichen Deglobalisierung und der „Entwicklungsansätze von unten“ können zudem als Inspirationen für eine progressive Strategie in europäischen Peripherien dienen. Aber auch Länder des Zentrums, wie beispielsweise die USA oder Deutschland bis zum 1. Weltkrieg, seien Handlungsweisen der Dependenztheorie gefolgt und dienen als Beispiele für ein mehr oder weniger positives Ergebnis. Einige asiatische Länder würden heutzutage nicht bewusst dieser Politik folgen, sich jedoch einige Strategien durch gezielte selektive Öffnung und eingeschränkte Finanzmärkte zunutze machen.

Was ist gutes Leben für alle?

Was kann/sollte gutes Leben für alle dann sein? Nach einer kurzen Gruppenarbeit wurden die Antworten im Plenum lebhaft diskutiert. Die Diskussion warf zahlreiche Vorschläge auf, darunter auch die kollektive und individuelle Rückbesinnung auf die Grundbedürfnisse und die Hinterfragung möglicher Konsequenzen für Andere. Ausgehend davon, dass Entwicklung die Deckung der Grundbedürfnisse sei, stelle sich die Frage, wie weit diese Grundbedürfnisse abgedeckt werden können, ohne dass dies auf Kosten Anderer geschieht? In diesem Zusammenhang wurde mehrmals auf die negative Beeinflussung des Konsumverhaltens durch Werbung hingewiesen. Außerdem könne ein gutes Leben für alle nur gewährleistet werden, wenn dies mit gutem Handeln durch alle einherginge.

Wie kann eine Transformation stattfinden?

Der zweite Teil des Forums widmete sich konkreten Handlungsmöglichkeiten und der Verringerung von Ungleichheit. So beschäftigten sich die Teilnehmenden in Gruppen mit der Frage danach, welche sozialen, technischen, etc. Infrastrukturen es für ein gutes Leben für alle braucht oder inwiefern das Konzept zur Verminderung von Ungleichheit und zur Entwicklung europäischer Peripherien beitragen kann. In beiden Fällen wurde ein Blick auf mögliche politische Strategien geworfen. Besonders die öffentliche Mobilität müsse in den peripheren Räumen gewährleistet und ein Bewusstsein für ökologische Lebensweisen geschaffen werden.

Es sei wichtig, mehr Demokratie zu schaffen, um die Interessen der Peripherien zu stärken, sowohl auf europäischer als auch lokaler Ebene. Hier stellte sich die Frage danach, inwiefern direkte Volksabstimmungen eine sinnvolle Strategie darstellen können. In diesem Zusammenhang wurde argumentiert, dass soziale Ungleichheit nicht zwangsläufig für Jede/n ein Problem darstelle, sondern durchaus von Teilen der Bevölkerung akzeptiert und gewollt sein kann, um die eigene Stellung zu sichern.

In den Dialog treten.

In der anschließenden Abschlussrunde wurde von Teilnehmenden angemerkt, dass es wichtig sei, in einen Dialog außerhalb der „eigenen Blase“ und vor allem mit Nicht-AkademikerInnen zu treten, um die Debatte produktiv voranzutreiben und neue Perspektiven zu entdecken. Dabei müsse man auch die eigene Bereitschaft zu einem Dialog hinterfragen. Gleichzeitig sei es dennoch wichtig, bei bestimmten Themen Stellung zu beziehen und Widerstand zu leisten.

 

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 


 

Weiterführende Links: 

– Zur Seite der Entwicklungstagung: www.entwicklungstagung.at

– Zu weiteren Artikeln über die Tagung: https://www.pfz.at/list193.htm



Fotos: Fabian Franta © Paulo Freire Zentrum 

Veröffentlicht in Entwicklungstagung 2017.