Forum 3: Buen vivir versus Neoextraktivismus.

Die Ausbeutung von Bodenschätzen wird in Ländern Lateinamerikas forciert. Auch progressive Regierungen treiben dies an, um die Finanzierung von Staat und Sozialprogrammen zu sichern. Welche Alternativen gibt es und was können wir dagegen tun? Im Forum 3 am 18. Nov. 2017 wurde darüber diskutiert.

Lateinamerika: Aktuelle Debatten und Konzepte.

Progressive Regierungen in Lateinamerika folgten in den letzten Jahrzehnten dem Pfad des Extraktivismus. Der Unterschied zu neoliberalen Politiken war lediglich, dass sie die dadurch entstandenen Gelder auch ärmeren Bevölkerungsschichten zugutekommen ließen. Für die betroffenen Gemeinschaften macht es jedoch kaum einen Unterschied, unter welcher Politik ihre Umwelt zerstört und alle Proteste dagegen unterdrückt werden.

Im Lateinamerika-Forum am 18. Nov. 2017 diskutierten vier Vortragende mit den ca. 30 TeilnehmerInnen über Alternativen zum extraktivistischen Status quo. Karin Küblböck (ÖFSE) moderierte das Forum.

Ist die „Green Economy“ eine solidarische Ökonomie?

Bevor diese Frage gestellt werden kann, so Küblböck, müsse man einen Schritt zurückgehen und fragen: Woher kommen Rohstoffe, die Basis der weltweit gehandelten Waren, überhaupt? Und wohin werden sie zu welchem Preis (monetär, sozial, ökologisch) verkauft? „Im Gegensatz zu Finanzflüssen, über die man leicht an Daten kommt, sind weltweite Rohstoffflüsse sehr intransparent“, erklärte Karin Küblböck. Nicht einmal als HändlerIn, geschweige denn als KonsumentIn, könne man bei jedem Rohstoff nachvollziehen, aus welcher Miene oder von welchem/welcher HerstellerIn zum Beispiel die Metalle für ein Handy stammen. Meistens komme man nur bis zu einem/einer ZwischenhändlerIn und könne nur ungefähr das Gebiet festmachen, aus dem die Rohstoffe stammen.

Stephan Lutter (WU, Department für Sozioökonomie), der erste Vortragende des Forums, arbeitet aktuell an einem wissenschaftlichen Projekt, das Rohstoffflüsse sichtbar machen soll. Die meisten Rohstoffe weltweit werden in Asien entnommen, so Lutter. In Lateinamerika würden vor allem Metalle, zum Beispiel für Autos, Dosen, Handys und Photovoltaik, entnommen. Am Beispiel Lithium, das für Batterien verwendet wird, zeigte Lutter die großen Umweltschäden auf, die durch diese Art des Extraktivismus entstehen: Lithium werde in sehr trockenen Gegenden aus dem bereits knappen Grundwasser extrahiert. Dies gefährde die Lebensgrundlage der ansässigen Bevölkerung. Das Projekt sei ein wichtiger Schritt hin zu mehr Transparenz, so Lutter.

An Lutters Beispielen könne man laut Küblböck den Unterschied zwischen Transition und Transformation aufzeigen: Transition störe Interessen der Mächtigen nicht. In Lateinamerika habe zwar eine Transition stattgefunden, aber für eine Transformation hätten die progressiven Regierungen den Pfad des Extraktivismus verlassen müssen.

Ende des progressiven Zyklus in Lateinamerika?

Ulrich Brand (Uni Wien, Politikwissenschaft) ist Teil der Gruppe „Alternativas al desarrollo“ (dt.: Alternativen zur Entwicklung). Die Gruppe, bestehend aus 40 Personen aus Lateinamerika und der EU, traf sich kürzlich in Venezuela, um sich unter anderem über die Potenziale des Konzepts „buen vivir“ als Alternative zum extraktivistischen Entwicklungskonzept auszutauschen. Im Forum 3 berichtete Brand über deren jüngste Diskussionen: Es herrsche ein globaler Rohstoffausbeutungskonsens, der das ölabhängige Gesellschaftsmodell und dessen Verständnis von Fortschritt stütze. Alle Gesellschaftsschichten seien direkt vom Extraktivismus abhängig, weshalb es schwierig sei, Alternativen wie das „buen vivir“ zu etablieren. Speziell in Lateinamerika hätten progressive Regierungen die Oligarchien zwar politisch, aber nicht ökonomisch geschwächt. „Viele progressive Regierungen in Lateinamerika haben Armut durch Profite der steigenden Ölpreise reduziert und das ist ein Problem“, so Brand.

Die imperiale Lebensweise (mehr Autos, mehr Elektrogeräte, Wachstum,…) mit gleichzeitiger regionaler Integration habe nicht funktioniert. Der heutige Konflikt in Venezuela sei in dieser Extraktivismus-Kultur verankert. Der venezolanische Präsident Nicolás Maduro setze zudem auf Neo-Extraktivismus, der die Krise des Extraktivismus durch mehr Extraktivismus lösen wolle. 2016 habe er zum Beispiel ausländische Firmen eingeladen, in den venezolanischen Bergbau zu investieren.

Ein großes Problem dieser Regierungen sei außerdem das Schwarz-Weiß-Denken. „Wenn wir Alternativen denken wollen, brauchen wir Kritik und einen lebhaften Diskurs“, so Brand.

Extraktivismus in Brasilien.

Ähnliches berichtete Moema Miranda (People´s Dialogue) aus Brasilien: Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva sei mit der Oligarchie zu viele Kompromisse eingegangen. Für „die Armen“ habe es Verbesserungen gegeben, aber strukturell sei alles beim Alten geblieben. Dass es einen kritischen Diskurs brauche, unterstrich Miranda ebenso. Derzeit gebe es kaum Kritik am extraktivistischen Modell in der brasilianischen Linken.

Die wichtigsten Fragen seien also: Wie können wir eine aufgeschlossene (engl.: „open-minded“) Linke bilden? Wie kann sich die Linke ökologischen Themen öffnen? Soziale Gerechtigkeit sei nicht gleich europäischer Lebensstil, betonte Miranda. Und weiter: „Wenn wir die Spielregeln nicht brechen, werden wir das Spiel verlieren“. Buen vivir sehe sie als offenes Konzept „under construction“ (dt.: im Aufbau), das die ökologischen Grenzen anerkennt, eine sozioökologische Harmonie anstrebt und die Co-Existenz des Menschen und seiner Umwelt fördert. Dafür brauche es jedoch ein tieferes Verständnis von sozial-ökologischen Zusammenhängen als derzeit in der Linken vorherrsche.

Zivilgesellschaftliches Engagement in Europa.

Herbert Wasserbauer (Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar) schloss an diesen Diskurs an. In seinem Vortrag ging es darum, was NGOs im Norden tun können, um schädliche Extraktivismen zu überwinden. Social Media und Workshops könnten zum Beispiel genutzt werden, um ein Problembewusstsein zu schaffen. Als konkrete Schritte nannte er: 1. Solidarität mit Betroffenen, 2. Fälle von Schäden bekannt machen, 3. Politisches Momentum nutzen, 4. Alternativen stärken, 5. Bildungs- und Bewusstseinsarbeit leisten, 6. Allianzen für grundlegende Reform von europäischen und östlichen Rohstoffpolitiken bilden und 7. Internationale zivilgesellschaftlich Ansätze und Dialoge stärken. „Wir gewinnen viele Einzelschlachten, aber wir verlieren den Planeten, wenn wir nicht etwas dagegen tun. Wir brauchen einen Kulturwandel“, schloss Wasserbauer seinen Vortrag und fasste damit den Grundtenor der vier Vorträge zusammen.

Im Anschluss diskutierten die TeilnehmerInnen in Kleingruppen mit den Vortragenden.

 

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 


 

Weiterführende Links:

–    Zur Seite der Entwicklungstagung: www.entwicklungstagung.at

–    Zu weiteren Artikeln über die Tagung: https://www.pfz.at/list193.htm

–    Radiosendung über das Forum 3 bei Radio AGEZ: https://cba.fro.at/357278

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Foto: Nadine Mittempergher (c) Paulo Freire Zenturm

 

Veröffentlicht in Entwicklungstagung 2017.