Workshop 12: Von Ernährungssicherheit zu Ernährungssouveränität.

„Wie kann Ernährungssouveränität erreicht werden?“, „Was hindert weltweite Ernährungssicherheit?“ und „Wie kann unser Beitrag zur Ernäherungssicherheit aussehen?“ – diese Fragen wurden im Workshop 12 der Entwicklungstagung beantwortet.

Die genannten Fragen diskutierten Elisabeth Hofer (Verein SEPI/Steirische Entwicklungspolitische Initiative), David Steinwender (Arbeitskreis Enährungssouveränität), Pamir Harvey (Afro-Asiatisches Insitut Graz) mit einer rund fünfzehn-köpfigen Gruppe das Konzept Ernährungssouveränität im Workshop 12 der Entwicklungstagung am 18. Nov. 2017.

Eine gemeinsame Sprache finden.

In erster Linie wurde geklärt, was unter Ernährungssouveränität (engl.: „food sovereignty“) verstanden werden kann und wie dies von den Begriffen Ernährungssicherheit (engl.: „food security“) sowie von Lebensmittelsicherheit (engl.: „food safety“) zu unterscheiden ist. Während es bei den zwei letzteren Definitionen auch darum gehe, allen Menschen einen Zugang zu sichern und ausreichend Lebensmitteln zu ermöglichen, stelle Ernährungssouveränität darüber hinaus einen politischen Begriff dar: Im Mittelpunkt steht die gerechte Umverteilung sowie die Analyse und Überwindung von Machtverhältnissen, die zu einer ungleichen Verteilung und Produktion von Nahrungsmitteln führen. Aber auch die eigene Mitbestimmung und Mitgestaltung, wie Nahrungsmittel angebaut werden ohne von der transnationalen Nahrungsmittelindustrie abhängig zu sein, sei Teil der Idee. David Steinwender (Arbeitskreis Ernährungssouveränität/Steiermark) schickte jedoch vorweg, dass absolute Ernährungssouveränität unerreichbar sei, denn nicht jede/jeder könne selbst produzieren.

Als politisches Konzept wurde Ernährungssouveränität im Laufe 1990er Jahre von der Kleinbauer und -bäuerinnen-Bewegung Via Campesina geprägt. Das Recht der Bevölkerung, ihre Ernährung und landwirtschaftliche Produktion selbst zu bestimmen, bildet die zentrale Forderung. Menschen sollen im Zentrum der Nahrungsmittelsysteme stehen und nicht die Interessen der Märkte oder transnationaler Konzerne. Ernährungssouveränität dürfe aber nicht als ein Einheitskonzept verstanden werden, sondern es brauche lokal angepasste Wege, die eine sozial-ökologische Komponente berücksichtigen, so Steinwender.

Unerreichbarkeit der Ernährungssouveränität?

Im Anschluss sammelten die Workshop-TeilnehmerInnen die Problemfelder des gegenwärtigen „Nahrungsmittel-Regimes“ (engl.: „food regime“): Zum einen liege ein Problem im Essverhalten, das Kindern anerzogen werde, vor. Durch die Präsenz von Markenfirmen (wie etwa Coca Cola) in Schulen, werden Kinder bereits auf ein bestimmtes Essverhalten hin trainiert. Exportorientierung und Überproduktion, wie etwa in der Fleischproduktion, bei der Überschüsse aus der europäischen Produktion in Länder des Globalen Südens verkauft werden, bilden weitere Gründe. Aber auch Auswirkungen von Freihandelsabkommen oder monopolistische Saatgutpolitiken wurden als Gründe genannt. Im Workshop wurde auch Landraub (engl.: „land grabbing“) als großes Problem im Erreichen von Ernährungssouveränität wahrgenommen und damit zusammenhängend auch das Fehlen von Solidarität in Europa mit anderen Regionen, die an den Auswirkungen der kapitalistischen Nahrungsmittelproduktion zu leiden haben.

Lösungen?

Daraufhin diskutierten die TeilnehmerInnen, welche Lösungsansätze sich für diese (globalen) Machtverhältnissen und Ungleichheiten finden lassen: Ein wesentlicher Schritt sei bereits damit getan, weniger Lebensmittel wegzuwerfen. Damit zusammen hänge, dass das Bewusstsein für den Wert von Lebensmitteln erhöht werden sollte. Dies funktioniere vor allem über Bildung: So könnten beispielsweise Gemeinschaftsbeete in Kindergärten dazu beitragen, dass Kinder schon früh für den Wert von Nahrungsmitteln sensibilisiert werden. Selbstständiges Kochen und Einkaufen nicht verarbeiteter Produkte führen dazu, dass Menschen wieder verstärkt eine Beziehung zum Essen herstellen und sich so (zum Teil) von der Abhängigkeit der Nahrungsmittelindustrie lösen könnten.

Der Bezug von Lebensmitteln könne auch ganz abseits von konventionellen Supermärkten stattfinden, indem KonsumentInnen sich einer sogenannten Food Kooperative anschließen oder Teil von Projekten werden, die „Community Supported Agriculture“ (CSA) verfolgen. Sowohl bei CSA als auch bei Food Kooperativen haben KonsumentInnen in Form einer Partnerschaft die Möglichkeit gemeinschaftlich ökologisch nachhaltige Produkte zu beziehen. Dadurch können sie die konventionellen Strukturen umgehen und regionale Landwirte und LandwirtInnen bei der Produktion unterstützen.

Auch der Kauf von Fairtrade-Produkten unterstütze Ernährungssouveränität. Hierbei müssten allerdings Embleme differenziert werden und es solle nicht vergessen werden, dass „Unfairtrade bekämpft gehört, anstatt Fairtrade zu pushen“, so Pamir Harvey. Ein Workshop-Teilnehmer brachte die Idee ein, Co2-Steuern auf bestimmte Lebensmittel, wie beispielsweise Fleisch, einzuführen und durch eine Negativsteuer einkommensschwächere Familien beim Kauf von qualitativ höherwertigen Produkten zu unterstützen.

Die TeilnehmerInnen kamen zum Schluss, dass all diese Alternativen hilfreich sein können, um Ernährungssouveränität individuell zu unterstützen, aber dass die Frage, wie eine strukturelle Veränderung der Nahrungsmittelindustrie herbeigeführt werden kann, sehr viel schwieriger zu beantworten sei – denn letztlich entscheide, wer sich mehr Gehör verschaffen kann.

 

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Fotos: Fabian Franta ©Paulo Freire Zentrum

Veröffentlicht in Entwicklungstagung 2017.