Workshop 6: Energiewende – Falsche Strategien & echte Chancen?

Warum führt Agrotreibstoff in die Klimakrise? Was steckt hinter „green economy“ und „smarter Landwirtschaft“? Welche Alternativen gibt es? Im Workshop 6 der Entwicklungstagung 2017 am 18. Nov. 2017 wurden falsche Strategien und echte Chancen aufgedeckt.

Der Workshop gliederte sich in zwei Teile: Zu Beginn gaben Carla Weinzierl (Attac Österreich) und Markus Meister (Welthaus Graz) Einblicke in die Auswirkungen des Klimawandels und stellten diverse sogenannte Gegenstrategien der Agrarindustrie zur Diskussion. Im nächsten Schritt widmeten sich drei TeilnehmerInnen-Teams alternativen Lösungsansätzen für die Energiewende: „Ernährungssouveränität“, „Energieautarker Bauernhof“ und „Energiedemokratie“.

Transport in die Klimakrise?

In seinem Vortrag legte Markus Meister einige Ursachen der europaweiten Klimaprobleme dar, wobei er Transport als einen Hauptverursacher bezeichnete (rund 27% Anteil an den europaweiten Treibhausgasemissionen), aber auch auf die viel größere Bedeutung der Agrarindustrie hindeutete. Mithilfe des Onlinetools „gapminder“ zeigte er den klaren Zusammenhang zwischen CO2-Emissionen und Pro-Kopf-Einkommen weltweit: Tendenziell steigen die CO2-Emissionen bei erhöhtem Pro-Kopf-Einkommen. Aus den präsentierten Fakten und Entwicklungen schloss Meister, dass das von der EU definierte CO2-Budget für eine maximale Temperaturerhöhung von 2°C in 20 Jahren aufgebraucht sei, wenn nicht sofort enorme gesellschaftliche Umwälzungen für eine drastische Reduzierung der Treibhausgase eingeleitet werden.

Agrotreibstoff – keine ökologische Alternative.

Anhand von Legotürmen verdeutlichte er anschließend das Verhältnis von importierten Rohstoffen für die Agrotreibstoffproduktion und Agrotreibstoffgemischen aus österreichischen Rohstoffen. Dabei stellte sich heraus, dass in Österreich mehr Agrodiesel aus importiertem Palmöl (über 100.000 Tonnen) in den Verkehr gebracht wird, als Agrodiesel aus österreichischen Rohstoffen. Dieses Beispiel sollte illustrieren, wie wenig nachhaltig diese scheinbar „ökologische“ Strategie für die Energiewende ist. Markus Meister bezeichnete die sozial-ökologischen Auswirkungen von Agrotreibstoffen im Individualverkehr sogar als noch schädlicher, als die Auswirkungen fossiler Treibstoffen.

Von wegen „smarte Landwirtschaft“.

Daraufhin erörterte Carla Weinzierl die Tücken der Lösungsansätze „green economy“ und „Klima-smarte Landwirtschaft“. Das Versprechen der sogenannten „green economy“, Wirtschaftswachstum zu stärken, Arbeitsplätze zu sichern, Armut zu reduzieren und ökologisch nachhaltig zu sein, stelle sich bei näherer Betrachtung als unwahr heraus: Die Märkte und nicht der Klimaschutz stehen im Mittelpunkt, Konzernmacht werde gestärkt, Konfliktursachen ausgeblendet, so Weinzierl.

Fragliche Ansätze im Zeichen der „green economy“ inkludieren unter anderem die „Klima-smarte Landwirtschaft (CSA)“. Dieses unklar definierte Landwirtschaftsmodell propagiere eine Steigerung der Agrarproduktion basierend auf technischer Innovation, höherer Resilienz und der Reduktion von Treibhausgasen. Das Problem: Die „Global Alliance for Climate Smart Agriculture (GASCA)“ orientiere sich an keinen ökologischen oder sozialen Kriterien. Die Mitglieder bestehen Weinzierl zufolge aus großen Agrarkonzernen, kleinbäuerliche Organisationen seien kaum vertreten. Den Ansatz „klima-smarte Landwirtschaft“ bezeichnete sie als Landgrabbing unter dem Deckmantel des Klimaschutzes. Außerdem wies Weinzierl darauf hin, dass Hunger kein Problem von Unterproduktion sei, sondern ein Verteilungsproblem.

In den anschließenden Gruppenarbeiten wurden vielversprechendere Ansätze zur Energiewende von den TeilnehmerInnen diskutiert:

Ernährungssouveränität als Alternative.

Das Konzept Ernährungssouveränität beschreibe das Recht auf gesunde und kulturell angepasste Nahrung, bei deren Herstellung Rücksicht auf die Umwelt genommen wird. Sie stelle eine Alternative zur industriellen Landwirtschaft dar, bei der Menschen selbst über ihre Ernährung und Landwirtschaft bestimmen sollen. Statt Cash Crops und internationaler Märkte, stehe die lokale Bevölkerung im Mittelpunkt. Lokale Märkte sollen gestärkt werden und Handel nicht als Zweck, sondern Mittel für Ernährungssouveränität dienen. Freier Zugang zu und Kontrolle von Land, Wasser und Saatgut für die Menschen vor Ort, die die Nahrung erzeugen, sind dafür essentiell. Als positive Folgen identifizierten die TeilnehmerInnen unter anderem den positiven Effekt auf das Klima sowie soziale und gesundheitliche Verbesserungen für die lokale Bevölkerung. Allerdings bleibe unklar, ob sich das Konzept entgegen der enormen Konzernmacht in der Agrarindustrie durchsetzen ließe.

Energieautarker Bauernhof?

Auch das Konzept des energieautarken Bauernhofs wurde anhand eines konkreten Beispiels in Österreich kritisch diskutiert. Es wurde in Frage gestellt, wie autark der Bauernhof tatsächlich sei und auf die hohen Investitionskosten und den hohen Landverbrauch für die Anpflanzung von Ressourcen zur Energieherstellung hingewiesen. Außerdem bemerkten die TeilnehmerInnen, dass ein derartiges Projekt mit ressourcenschonendem Handeln verbunden sein sollte. Der erste Schritt sollte weniger Energiebedarf sein, was weniger Rohstoffverbrauch für Heizung, Strom und Kraftstoff bedeuten würde.

Energiedemokratie?

Die dritte Gruppe beschäftigte sich mit der Dezentralisierung und Demokratisierung des Energiesystems anhand verschiedener Beispiele, wie kommunale Energieversorgung. Es stellte sich heraus, dass es politisch und gesellschaftlich nicht leicht wäre, Energiedemokratie in die Praxis umzusetzen, da Energie ein komplexes und schwer fassbares Thema sei.

Die Diskussion der unterschiedlichen Strategien für die Energiewende im Rahmen dieses Workshops stelle jedoch schon mal einen kleinen ersten Schritt dar, da sie einen konkreten Einblick in die Herausforderungen der sozial-ökologischen Transformation bot. Nun heißt es, die im Workshop angerissenen Erkenntnisse in der Praxis anzuwenden.

 

Die Autorin absolvierte den Master-Studiengang Global Studies an der Karl-Franzens-Universität Graz. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at  

 


 

Weiterführende Links:

– Zur Seite der Entwicklungstagung: www.entwicklungstagung.at

– Zu weiteren Artikeln über die Tagung: https://www.pfz.at/list193.htm

   


 

Fotos: Markus Meister ©Paulo Freire Zentrum

Veröffentlicht in Entwicklungstagung 2017.