Was ist globale Ungleichheit? Wie groß ist sie? Führt die Globalisierung zu einer Verstärkung oder Abschwächung globaler Ungleichheit? Die Ungleichheitsforscher*innen Karin Fischer (JKU Linz), Andreas Exenberger (Universität Innsbruck) und Andreas Obrecht (appear) erörterten im Forum 1 der Entwicklungstagung 2022 die Antworten auf diese wesentlichen Fragen. Anhand mehrerer Impulsvorträge und einer abschließenden Diskussion im Plenum zeigten die Organisator*innen des Forums auf, wie sich globale Ungleichheiten im Zeitverlauf entwickelten und sich deren Verhältnis zwischen Globalem Norden und Süden darstellt.
Eine Visualisierung globaler Ungleichheiten.
Im ersten Teil des Forums verdeutlichte Andreas Exenberger anhand eines interaktiven Rollenspiels globale Ungleichheiten auf praktische Art und Weise. Das Rollenspiel war angelehnt an das von ihm verfasste Buch „GLOBO – Eine neue Welt mit 100 Menschen“. Die Grundidee des Buches besteht darin, die Welt auf ein Dorf mit 100 Menschen zu schrumpfen und die Lebensverhältnisse dort proportional zur realen Welt darzustellen. Die Lebensrealitäten eines einzelnen Menschen im „Globo-Dorf“ stehen demnach repräsentativ für 75 Millionen Menschen der realen Welt. Dadurch sollen abstrakte statistische Größen und Proportionen, wie etwa der prozentuelle Anteil der Menschen mit Zugang zu Bildung, Sanitär- und medizinischen Einrichtungen, greifbarer gemacht werden. Die Teilnehmer*innen erhielten eine fiktive Persönlichkeit aus dem globalen Dorf. Anschließend wurden die Teilnehmenden eingeladen, sich entsprechend den Lebensumständen ihrer fiktiven Persönlichkeit im Raum zu verteilen. So konnten globale Ungleichheiten in den Bereichen Bildung, Einkommen und Lebenserwartung visualisiert und greifbarer gemacht werden. Insbesondere die Differenzen zwischen Industrienationen und Ländern des Globalen Südens wurden verdeutlicht. In der anschließenden Reflexion berichteten die Teilnehmer*innen, dass es ihnen durch das Rollenspiel gelang, abstrakte statistische Kennzahlen und Verhältnisse besser visualisieren zu können. Kritisch wurde angemerkt, dass das Arbeiten mit Kategorien und Durchschnittswerten extrem positive und negative Ausreißer verschleiern würde. Diesen Ausreißern käme aber eine besondere Bedeutung bei der Bekämpfung globaler Ungleichheiten zu.
Fortschritte bei der Reduktion globaler Ungleichheiten?
An das Rollenspiel anschließend folgte ein Impulsvortrag von Andreas Obrecht, Bereichsleiter bei appear. Er fokussierte sich auf eine positive Darstellung der globalen Fortschritte in den Bereichen Bildung, Kindersterblichkeit und Lebenserwartung der letzten Jahrzehnte. So verglich er beispielsweise im Zeitverlauf die Quote der Weltbevölkerung, die in extremer Armut lebt. Diese sei von 45% im Jahr 1990 auf 10% in 2022 gesunken. Als Gründe für den Rückgang nannte er Fortschritte in Medizin und Wissenschaft, eine verbesserte Grund- und Gesundheitsversorgung sowie bessere Basisinfrastruktur. Ähnliche Fortschritte seien in den Bereichen Kindersterblichkeit, Lebenserwartung und Alphabetisierungsgrad zu verzeichnen. Diese positiven Entwicklungen waren aber nur möglich, weil sie vollends auf Kosten unseres natürlichen Lebensraums gingen, so Andreas Obrecht. Die positive zivilisatorische Entwicklung habe dazu geführt, dass ein klimatischer Kollaps bevorsteht, wobei er insbesondere auch auf die Ungleichheiten bei CO2-Emmissionen und deren Folgeeffekte hinwies. Insgesamt zeichnete Andreas Obrecht ein optimistisches Bild der Fortschritte der Armutsbekämpfung der letzten Jahrzehnte, auch wenn die positiven und negativen Folgen dieser wachstumsabhängigen Entwicklung sehr ungleich verteilt sind.
Polanyi ist aktueller denn je.
Weniger optimistisch verlief die abschließende, lebhafte Diskussionsrunde unter den Teilnehmenden des Forums. Die Debatte begann mit einer kritischen Analyse globaler wirtschaftlicher Aktivitäten und deren Einfluss auf die Entstehung und Reproduktion globaler Ungleichheiten. Einerseits wurde die dem kapitalistischen Wirtschaftssystem inhärente Akkumulation von Macht und Kapital kritisiert. Die dadurch geschaffenen und fortgetragenen Ungleichheiten seien bislang zu wenig thematisiert worden, so die Rückmeldung der Teilnehmer*innen. Insbesondere jüngere Generationen seien einem Gefühl der Ohnmacht ausgesetzt, da sie sich aufgrund festgefahrener Strukturen nicht dazu imstande sähe, bestehende Gesellschaftsstrukturen nachhaltig zu transformieren.
Karin Fischer zog in Anbetracht der aktuellen protektionistischen Tendenzen einen Vergleich zu Karl Polanyi, einem österreichisch-ungarischen Wirtschaftshistoriker, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler. Dieser hatte in seinem Hauptwerk „The Great Transformation“ (dt. Die große Transformation) analysiert, wie mit der Herausbildung des Kapitalismus ganze Gesellschaften den Gesetzen des Marktes unterworfen wurden. Sie argumentierte, dass Schutzbewegungen gegen das Eindringen des Marktmechanismus in sämtliche Lebensbereiche stattfänden, die sich in einem zunehmenden Protektionismus äußerten.
Ein zentrales Problem: Die Vergesellschaftung nicht nachhaltiger Lebensformen.
Weitere Fragen der Teilnehmer*innen drehten sich insbesondere um die Auswirkungen wirtschaftlicher Aktivitäten auf globale Emissionen und die Ungleichheiten, die dadurch entstehen. Karin Fischer maß dem Thema Emmissionsungleichheit besondere Bedeutung zu. Um die von Andreas Obrecht ins Bewusstsein gerufene Klimakrise bewältigen zu können, müssten emmissionsintensive Lebensstile, die primär im globalen Norden vorherrschten, massiv eingeschränkt werden. Vergesellschaftungsmechanismen führten jedoch dazu, dass ein Ausstieg aus diesen Lebensstilen schwierig sei, da sich Menschen an einen bestimmten Lebensstil gewöhnen und Beharrungstendenzen aufweisen würden, anstatt diesen nachhaltig zu ändern. Bestehende Strukturen, die zu globalen Ungleichheiten führen seien vergesellschaftet, was eine Abkehr davon beziehungsweise das Aufzeigen von Alternativen umso schwieriger macht, so Karin Fischer. Dies wurde von den Teilnehmenden bestätigt, die das Gefühl teilten, es gäbe wenig Alternativen zum aktuellen Wirtschaftssystem. Umso entscheidender sei es, eine Transformation einzuleiten, die insbesondere nachhaltige Lebensstile positiv hervorhebt und diese gesellschaftlich verankert. Auch Andreas Exenberger bestätigte die Problematik, die in der Vergesellschaftung emmissionsintensiver Lebensmodelle besteht.
Das abschließende Resümee des Forum 1 bleibt ambivalent. Einerseits zeichnete Andreas Obrecht ein optimistisches Bild der positiven, globalen Fortschritte der Armutsbekämpfung der letzten Jahrzehnte. Demgegenüber steht allerdings die dadurch ausgelöste Zerstörung natürlicher Lebensräume, die durch bestehende, vergesellschaftete Lebensmodelle insbesondere in Industrieländern weiter verschärft wird. Offen blieb, welche konkreten Möglichkeiten bestehen, gesellschaftliche Strukturen zu transformieren, die Ungleichheiten schaffen und reproduzieren.
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Weiterführende Informationen:
TEAMGLOBO – Karikativer Forschungsverein für nachhaltige Entwicklung
Links zum Programm der Entwicklungstagung 2022:
Forum 1: Grundlagenforum: Was ist Globale Ungleichheit? Wächst sie, schrumpft sie?
Titelbild © Robert Diendorfer