Workshop 7: Sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte in die Entwicklungszusammenarbeit integrieren.

Es ist die Stelle, an der sich entscheidet, ob frau ihr Ziel erreicht oder nicht. An der frau entweder umdrehen muss, oder aber weiterkommt und die Route bewältigt. Es ist der Moment der größten Gefahr, zu stürzen. Die Rede ist von der Schlüsselstelle oder Crux. Der Begriff kommt aus dem Alpinismus und insbesondere aus dem Klettern, wo die restliche Route noch so einfach sein mag – die Schlüsselstelle entscheidet den Schwierigkeitsgrad, entscheidet damit, wer weiterkommt und wer nicht.

Beim von WIDE – Entwicklungspolitisches Netzwerk für Frauenrechte und feministische Perspektiven gehosteten Workshop auf der Entwicklungstagung 2022 in Linz ging es zwar nichts ums Klettern, sondern darum, sexuelle und reproduktive Rechte in die Entwicklungszusammenarbeit zu integrieren. Der Begriff der Schlüsselstelle lässt sich aber auch gut auf persönliche Lebenswege anwenden. Die geneigte Leserin ist an dieser Stelle eingeladen, sich wie die Teilnehmer*innen des Workshops die Reflexionsfrage zu stellen: Was waren die Schlüsselstellen in meinem Leben?

Ein breites Themenfeld von Sexualerziehung bis Selbstbestimmung.

Für viele Frauen* überall auf dem Planeten ist eine der wichtigsten Schlüsselstellen im Leben, ob, wann und unter welchen Umständen sie schwanger werden. Der Themenbereich sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte (SRGR) will aber keinesfalls auf das Thema Schwangerschaft beschränkt sein: Sexuelle Bildung, Selbstbestimmung, Schutz vor genderspezifischer Gewalt, sexuelle Orientierung und Verfügbarkeit von Menstruationsprodukten sind darin ebenso enthalten wie das Recht auf sicheren Schwangerschaftsabbruch, Verhütung und Familienplanung. In der Deklaration der sexuellen und reproduktiven Rechte der International Planned Parenthood Federation (IPPF – dt. Internationale Föderation für geplante Elternschaft) ist etwa festgehalten, dass Sexualität ein essentieller und fundamtentaler Teil unserer Menschlichkeit ist.

Die beiden Referentinnen des Workshops, Beatrix Buecher-Aniyamuzaala und Janine Wurzer, konnten sich über die rege Beteiligung eines großen Publikums aus den unterschiedlichsten Arbeitsbereichen freuen: Neben Studentinnen aus Wien, Linz und Klagenfurt nahmen unter anderem Mitarbeiter*innen von NGOs aus dem Bereich Streetwork, Inklusion von Menschen mit Behinderungen, Theatertherapie und Hilfe für Geflüchtete, sowie Vertreter*innen aus der Gewerkschaftsbewegung und dem Nationalrat am Workshop teil. Obwohl das Thema für die meisten Teilnehmenden beruflich eine wichtige Rolle spielte, beklagten dennoch alle zu Beginn ihr zu geringes Vorwissen.

Herausforderungen und Lösungsansätze.

Der großen Breite des Themas SRGR wurde im Workshop in thematisch unterschiedlich ausgerichteten Kleingruppen Rechnung getragen. So ging es zum Beispiel um Männlichkeiten im Kontext der Arbeit mit geflüchteten Menschen und dabei um die Herausforderungen, die mit Tabuisierung und Scham einhergehen. Menstruation und die Aufgabe, passende und leistbare Menstruationshygieneartikel auch abseits der Metropolen im Globalen Norden verfügbar zu machen, war Thema eines weiteren Diskussionskreises. Und zur Aufgabe, SRGR von Menschen mit Behinderungen sicherzustellen wurde unter anderem das Problem vermischter Diskurse thematisiert: Konkret gäbe es Abtreibungsgegner*innen, die das Thema Behinderung und Interessensvertretungen für Menschen mit Behinderungen für ihre Zwecke instrumentalisierten. Außerdem wurde kontrovers diskutiert, ob kommerzielle sexuelle Dienstleistungen wie Sexualassistenz oder Sexualbegleitung je einen Kontakt auf Augenhöhe ermöglichen können.

Die beiden Vortragenden befassten sich insbesondere auch intensiver mit der Präsenz von SRGR in der humanitären Hilfe und in Krisen. Wie etwa kann eine Unterkunft für geflüchtete Menschen partizipativ geplant und umgesetzt werden? Aus dem Gesichtspunkt der SRGR ergeben sich jedenfalls gewisse Grundanforderungen an die Sicherheit aller Bewohner*innen, die von Anfang an mitbedacht werden sollten. Denn wo sich die Sanitäreinrichtungen befinden und wie deren Beleuchtung sei, könne einen großen Unterschied machen.

Kontroversen und Interessenskonflikte.

Beatrix Buecher-Aniyamuzaala und Janine Wurzer gingen auch auf einen Aufruf der Migrationsforscherin und Aktivistin Paula Banerjee vom Eröffnungspolylog des Vorabends ein: Die Wissenschaftlerin aus Indien hatte gefordert,  zivilgesellschaftliche Organisationen (CSOs) ohne Konditionen und umfassend in die humanitäre Hilfe miteinzubeziehen. Obwohl die beiden Workshop-Leiterinnen dieser Forderung  grundsätzlich zustimmten, warnten sie gleichzeitig davor, genderpolitische EZA-Zielsetzungen durch unkritische Unterstützung von konservativen CSOs zu unterminieren. Der Themenbereich Sexualität und Fortpflanzung sei in vielen Ländern durch starke Interessenkonflikte zwischen verschiedenen Gesellschaftsgruppen gekennzeichnet. Das zeige auch ein Fall aus Dänemark, der bis zum Europäischen Gerichtshof gelangte. Das Gericht entschied schließlich, dass das Recht von Kindern auf faktenbasierte sexuelle Aufklärung schwerer wiege als das Recht der religiösen Freiheit ihrer Eltern.

An Schlüsselstellen Veränderungen bewirken.

Zuletzt lieferten die Vortragenden einige Best-Practice-Beispiele für gute EZA-Arbeit im Kontext von SRGR. Aus dem Bereich der weiblichen Genitalverstümmelung gäbe es zum Beispiel positive Entwicklungen zu berichten, was nicht zuletzt auf gute EZA-Arbeit beteiligter Organisationen zurückzuführen sei. Dabei habe es sich als zielführend herausgestellt, die verschiedenen kulturell geprägten Übergangsrituale, deren Sinn es etwa sei, das Kindsein vom Frausein abzugrenzen, durch andere Formen und Adaptionen zu ersetzen, statt sie einfach zu verbieten. Das Minimum Initial Service Package des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen wurde ebenfalls als Best-Practice präsentiert. Das Paket könne als Orientierung bzw. als Mindeststandard für Organisationen dienen, die in akuten Krisen humanitäre Hilfe liefern  – in Situationen, in denen auf SRGR oft vergessen werde.

Die angenommenen Schlüsselstellen eines Lebens könnten jedenfalls nie in einen linearen Kausalzusammenhang mit negativen oder positiven Ereignissen im weiteren Leben gesetzt werden. Fehlende Menstruationshygieneartikel etwa seien wohl meist nicht der (alleinige) Grund für einen Schulabbruch. Dennoch bestünde ein Zusammenhang, und für in der EZA und der humanitären Hilfe aktive Menschen könne es hilfreich sein, Schlüsselstellen als solche zu identifizieren, so Buecher-Aniyamuzaala und Wurzer. Denn an diesem Punkt können auch kleine Handlungen auf lange Sicht oft viel bewegen.

 

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Links zum Programm der Entwicklungstagung 2022:

Gesamtprogramm

Infos zu den Referent*innen

Workshop 7: Sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte in die Entwicklungszusammenarbeit integrieren

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Veröffentlicht in Thema Globale Ungleichheiten, Genderungerechtigkeit, Migration, Entwicklungstagung 2022.