Die Forumtheaterproduktion „Das Kuchenstück“, präsentiert von spectACT – Verein für politisches und soziales Theater unter der Leitung von Armin Staffler, schmückte den Samstagabend der Österreichischen Entwicklungstagung. Entstanden ist diese Produktion auf Initiative der Katholischen Frauenbewegung der Diözese Innsbruck.
Das KuchenStück.
Nach einem langen Tag voller Vorträge, Workshops und Diskussionen klang der Samstagabend der Tagung mit einem Forumtheaterstück zum Thema Verteilungsgerechtigkeit aus. Dieses ermöglicht die Partizipation der Zusehenden und bietet einen Raum, Auflehnung gegen Ungerechtigkeit praktisch zu erproben.
Denn anders als bei einem konventionellen Theaterformat wird das Publikum zu „Spect-Actors“, also Zuschau-Spieler*innen, die aktiv in das Geschehen eingreifen können, um Unterdrückungsszenarien zu verändern. „Das KuchenStück“ ist geprägt von alltäglichen Herausforderungen und Problemen innerhalb der Interaktionen der einzelnen Figuren. Die Zuschauer*innen sehen dabei zu, wie falsche Entscheidungen getroffen werden und sich die Figuren des Stücks das Leben schwer machen.
Im Gegensatz zum Improvisationstheater spielt das Ensemble zunächst einen fixierten, nicht improvisierten Teil, der einen Anfang, einen Verlauf und ein Ende hat. Die Zusehenden sind in einem zweiten Durchlauf gefragt, sich einzubringen. Bereits zu Beginn lädt Armin Staffler dazu ein, die Wand zwischen Szenerie und Publikum zu durchbrechen.
Der interaktive Teil.
In einem zweiten Durchlauf, in dem das Stück wieder von vorne beginnt, können Zusehende eingreifen. Wann auch immer sie möchten, können Menschen im Publikum laut Stopp rufen, eine Rolle übernehmen und versuchen, anstelle einer Figur alternative Handlungsmöglichkeiten zu finden und damit das Geschehen zu verändern. Armin Staffler präzisierte diese Möglichkeit der Teilhabe im Rahmen der Einführung zum Stück: „Wenn eine der Figuren für mehr Gerechtigkeit sorgen kann, bitte ich euch, für die Person mit einzusteigen, die gegen Ungerechtigkeit kämpft“.
Es geht darum, als interagierende*r Zuschauer*in einen Weg zu finden, sich anstelle einer Figur anders zu verhalten, um einen friedlicheren, erfüllenderen und respektvolleren Verlauf zu schaffen. Dieser Teil ist improvisiert, sowohl seitens der Zuschauer*innen als auch der Darsteller*innen. Letztere müssen spontan reagieren und gleichzeitig in ihrer Rolle bleiben. Dadurch nimmt das Stück szenenweise einen anderen Verlauf als im ersten Durchgang.
Freiwilligkeit ist dabei das oberste Prinzip: Keine Person wird dazu aufgefordert, zu spielen; es geht hauptsächlich darum, Raum für einen Dialog zu schaffen. Ersichtlich werden verschiedenste Problemlösungsstrategien und Perzeptionen von Diskriminierung seitens des Publikums. Armin Staffler griff einige Male ein, interagierend zwischen Szenerie und Zusehenden regte er dazu an, über Dialoge und Argumentationen für Problemlösungen zu diskutieren. So wird auf spielerische Art ein offener Diskussionsraum etabliert, der die Möglichkeit bietet, theoretische Grundlagen des Nachmittags praktisch umzusetzen.
Ursprung.
Armin Staffler orientiert sich bei der Anwendung von Forumtheater stark am vom Kanadier David Diamond entwickelten Theatre for Living (Theater zum Leben). Diamond betont den Wert des Theaters zur Schaffung eines Dialogs zwischen Gruppen und Gemeinschaften, zwischen Kunst und Wissenschaft. Diese Theaterform sucht nach immer neuen Wegen für ein gelungenes Zusammenleben und gilt weltweit als eines der besten Beispiele für Theaterarbeit für sozialen Wandel und Prozesse kollektiven Empowerments. Mit einer systemischen Sichtweise leistet sie themenorientierte und auf Gemeinwesen basierende Kulturarbeit.
Die Idee zur Kombination von Kunst und Selbsterfahrung, das Publikum eine Emanzipation vom passiven Objekt zum handelnden Subjekt durchlaufen zu lassen, die Möglichkeit der Entgegnung unterdrückerischer Alltagssituationen innerhalb spielerischer, theatraler Begegnung, liegt im Theater der Unterdrückten. Der Brasilianer Augusto Boal entwickelte in den 1970er- Jahren eine interaktive Theaterform, die unterschiedliche Formen von Unterdrückung sichtbar machen sollte. Diese Kunstform entsprang dem Widerstand gegen staatliche Repression und Gewalt der damaligen Militärdiktatur Brasiliens. Boal setzt die theoretische Arbeit Paulo Freires zu Unterdrückungsstrukturen und den Strategien zu deren Veränderung in die Theaterpraxis um. Die Erarbeitung von Lösungsszenarien erfordert keine durch Sozialisation erlangten Voraussetzungen, sondern kann von allen gesellschaftlichen Schichten jeden Alters angewandt werden. Das Theater der Unterdrückten entspricht außerdem Freires Verständnis von befreiender Bildung: der Fokus liegt auf dem Ermöglichen von Erkenntnis statt auf der Informationsvermittlung. Boal nennt diese Theaterform eine Probe von Revolution.
So wird das Forumtheater auch auf der Österreichischen Entwicklungstagung nicht nur zur Bühne, sondern zu einem praktischen Experimentierfeld gesellschaftlicher Veränderung.
Die Autorin ist Mitglied des Redaktionsteams. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Titelbild © Maike Schönwolff
Die Veranstaltung war Teil der 9. Österreichischen Entwicklungstagung in Innsbruck. Alle Infos dazu gibt es hier.
Weiterführende Links:
Theater zum Leben – Armin Staffler
Theater zum Leben – David Diamond
Verknüpfungen und Parallelen zwischen Freire und Boal im Theater der Unterdrückten