Plenarvortrag: Gerechtigkeit und environmental justice.

Weltweit sind indigene Völker von mehr als einem Drittel aller dokumentierten Umweltkonflikte betroffen. Die meisten davon hängen mit Bergbau, fossilen Energieträgern, großen Staudammprojekten oder der Landwirtschaft zusammen. Am häufigsten berichten betroffene Gemeinschaften über Landenteignungen und den damit einhergehenden Verlust ihrer Lebensgrundlagen. Eine wesentliche Ursache dieser Entwicklungen ist die Energiewende im Globalen Norden: Sie erhöht den Bedarf an Schlüsselrohstoffen wie Lithium, Kupfer oder seltenen Erden und verstärkt damit den Extraktivismus in peripheren Regionen. Die Folgen, im Namen des sogenannten „grünen Wachstums“, bedrohen nicht nur lokale Ökosysteme, sondern auch die Rechte indigener Gruppen, wie auch die globale Umweltgerechtigkeit insgesamt.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Warum tragen ausgerechnet jene die Hauptlast von Umweltschäden, die am wenigsten dazu beigetragen haben? Und was lässt sich dagegen tun? Diese Aspekte standen im Zentrum des abschließenden Plenarvortrags der Entwicklungstagung 2025 am 23. November, gehalten von Grettel Navas, Assistenzprofessorin für politische Studien an der School of Government der Universität Chile.

Zum Einstieg in ihren Vortrag zeigte Grettel Navas dem Publikum ein eindrückliches Video, das die gravierenden ökologischen und sozialen Folgen der weltweiten Rohstoffförderung festhält. Es machte deutlich, dass indigene Gemeinschaften überall auf der Welt für ihr Land, ihr Wasser und ihre Luft meist gegen mächtige transnationale Konzerne kämpfen. Entstanden ist das Video im Rahmen eines Forschungsprojekts, das Umweltkonflikte sichtbar macht: dem EJAtlas (Environmental Justice Atlas, dt.: Umweltgerechtigkeit Atlas). Dieses internationale Projekt sammelt die Geschichten von Gemeinschaften, die für Umweltgerechtigkeit einstehen. Grettel Navas und Kolleg*innen möchten damit ihre Mobilisierung sichtbarer machen, ihre Forderungen hervorheben und Unternehmen sowie Staaten für verursachte Schäden zur Rechenschaft ziehen. Gleichzeitig dient der Atlas als virtueller Raum für alle, die sich mit Fragen der Umweltgerechtigkeit befassen, indem er Zugang zu Informationen bietet und die Vernetzung mit verbündeten Gruppen erleichtert.

Doch was bedeutet Umweltgerechtigkeit eigentlich?

Umweltgerechtigkeit bedeutet die faire Behandlung und echte Beteiligung aller Menschen an Umweltgesetzen und -politiken, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Einkommen oder anderer sozialer Faktoren. Der Begriff entstand in den 1980er-Jahren in den USA und wurde stark von der Bürgerrechtsbewegung beeinflusst. Ein zentraler Moment war der Protest in Warren County (North Carolina), wo eine überwiegend afroamerikanische Gemeinde gegen eine giftige Deponie in ihren Wohngebieten kämpfte. Der Aktivist Benjamin Chavis prägte hierfür den Begriff „environmental racism“ (dt. Umweltrassismus), um die systematische Benachteiligung marginalisierter Gruppen in Umweltfragen zu beschreiben.

In den folgenden Jahrzehnten weitete sich der Blick der Bewegung. Neben rassistischen Ungleichheiten rückten etwa Fragen von Geschlechtergerechtigkeit oder LGBTQI+-Perspektiven in den Fokus. Parallel dazu veränderte sich die globale politische Ökonomie: Während im Globalen Norden einige umweltpolitische Mindeststandards durchgesetzt werden konnten, verlagerte sich ein großer Teil der Umweltbelastungen in den Globalen Süden. Umweltgerechtigkeit wurde damit zu einem internationalen Anliegen, das sich heute mit indigenen Landrechtsbewegungen und dem Recht auf eine gesunde Umwelt überschneidet und in UN-Dokumenten aufgegriffen wird.

Die Prinzipien der Umweltgerechtigkeit lassen sich laut Grettel Navas in drei Kernpunkte fassen: Echte Partizipation, Wertschätzung von Vielfalt und faire Verteilung. Partizipation bedeutet, dass Betroffene über geplante Vorhaben nicht nur informiert, sondern in Entscheidungen aktiv einbezogen werden müssen. Wie unzureichend dies bislang oft gelingt, zeigte sich etwa bei der COP30 in Brasilien, als indigene Protestierende das Konferenzgelände stürmten, um ihre Mitsprache einzufordern. Zweitens meint Anerkennung die Wertschätzung der Vielfalt an Perspektiven und Erfahrungen – insbesondere derjenigen, die historisch übergangen wurden. Gerechtigkeit schließlich verlangt eine faire Verteilung von Umweltlasten und -risiken, ebenso wie von Nutzen und Chancen.

Die Entstehung von Umweltkonflikten verstehen.

„Umweltkonflikte entstehen dort, wo diese Lasten ungleich verteilt werden und bestimmte Gruppen systematisch stärker belastet sind als andere“, so Navas. Ein wesentlicher Bestandteil vieler Konflikte sei die Frage, wie Natur überhaupt bewertet wird. Während Unternehmen und Regierungen meist mit monetären Bewertungslogiken arbeiten, wie Kosten-Nutzen-Abwägungen, kompensatorische Maßnahmen oder Berechnungen externer Kosten, stützen sich viele indigene und lokale Gemeinschaften auf nicht-monetäre, oft spirituelle oder kulturell eingebettete Wertvorstellungen. Für sie ist Natur nicht ersetzbar und kein Geld der Welt kann die Zerstörung eines heiligen Ortes, eines Flusses oder eines Waldes aufwiegen. Derartige Unterschiede in den „valuation languages“, wie Grettel Navas sie nennt, machen Dialoge schwierig und führen zu Konflikten, wenn nur die wirtschaftliche Sprache als legitim gilt.

Fazit.

Zum Abschluss ihres Vortrags betonte Grettel Navas, dass die Umweltgerechtigkeitsbewegung starke horizontale Allianzen braucht – gerade weil sie nicht zentral organisiert ist. Besonders fruchtbar sei eine enge Zusammenarbeit zwischen zivilgesellschaftlichen Initiativen vor Ort und der akademischen Forschung, die lokale Erfahrungen sichtbar machen und politisch einordnen kann.

Auch das Publikum griff diesen Punkt in der anschließenden Diskussion auf und unterstrich die Bedeutung solcher Kooperationen für erfolgreiche Umweltpolitiken. Gleichzeitig wurde gefragt, wie Forschung überhaupt entsteht und wessen Interessen sie dient: Geht es darum, Gemeinschaften zu unterstützen, oder werden ihre Erfahrungen akademisch vereinnahmt? Welche Beziehungen entwickeln sich zwischen Forschenden und lokalen Akteur*innen und welche Machtverhältnisse wirken dabei fort? Diese Fragen zeigen, dass neben den politischen Dimensionen der Umweltgerechtigkeit auch die Bedingungen der Wissensproduktion stärker in den Blick rücken sollten – ein Ausblick, der zusätzliche Debatten und vertiefende Gespräche nach der Entwicklungstagung anregen dürfte.

 

Die Autorin ist Mitglied des Redaktionsteams. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Titelbild © Maike Schönwolff

Die Veranstaltung war Teil der 9. Österreichischen Entwicklungstagung in Innsbruck. Alle Infos dazu gibt es hier.

 

Weiterführende Links:

Das erwähnte Video zum Nachschauen.

Der Environmental Justice Atlas.

 

Veröffentlicht in Aktuelles, Entwicklungstagung 2025.