Wie kann internationale Entwicklungszusammenarbeit solidarisch sein, ohne koloniale Machtverhältnisse zu reproduzieren? Feministische und dekoloniale Perspektiven machen deutlich, dass gut gemeinte politische Leitlinien und institutionelle Reformen häufig in Spannungsfelder geraten. Der Workshop 3 der Entwicklungstagung in Innsbruck eröffnete einen kritischen Reflexionsraum über Ambivalenzen, Dilemmata und mögliche Wege transnationaler Solidarität.
Zwischen Anspruch und Struktur: Warum Solidarität nicht neutral ist.
Solidarität gilt in der Entwicklungszusammenarbeit (EZA) als zentrale normative Orientierung. Gleichzeitig ist sie kein neutraler Begriff. Gerade in einem Feld, das historisch aus kolonialen Machtverhältnissen hervorgegangen ist, stellt sich die Frage, wie solidarisches Handeln gestaltet werden kann, ohne ein System zu stabilisieren, das auf struktureller Ungleichheit und Ausbeutung beruht. Wer definiert Solidarität? Wer profitiert von ihr – und wer nicht? Der Workshop setzte bewusst auf ein dialogisches Format, das diese Fragen nicht beantwortete, sondern offenlegte. Entwicklungspraktiker*innen, Studierende und Vertreter*innen zivilgesellschaftlicher Organisationen brachten ihre Perspektiven ein und verstanden den Austausch als kollektiven Reflexionsprozess über eigene Verstrickungen, Handlungsspielräume und politische Verantwortung.
Feministische Außen- und Entwicklungspolitik: Fortschritt mit Bruchlinien.
Ausgangspunkt der Diskussion war feministische Außen- und Entwicklungspolitik als menschenrechtsbasierter, macht- und herrschaftskritischer Ansatz. Im Zentrum steht ein erweiterter Sicherheitsbegriff, der menschliche Sicherheit über staatliche Logiken stellt und Geschlechtergerechtigkeit sowie marginalisierte Perspektiven priorisiert. Feministische Politik zielt damit auf die Transformation militarisierter und (post)kolonialer Strukturen. Auf dem Papier klingt das eindeutig. In der Praxis zeigen sich jedoch Bruchlinien. Zwischen normativen Leitlinien und institutioneller Umsetzung entstehen Spannungen, die feministische Ansprüche abschwächen oder entpolitisieren. Feministische Politik droht dort zur Rhetorik zu werden, wo sie nicht mit strukturellen Verschiebungen einhergeht.
Gender als Hauptziel: Transformation oder Technokratisierung?
Ein zentrales Thema war das verpflichtende Gender-Marker-System in der österreichischen EZA. Die Vorgabe, Geschlechtergleichstellung als Hauptziel zu verfolgen, markiert einen deutlichen Paradigmenwechsel. Für viele Nichtregierungsorganisationen bedeutete dies umfassende institutionelle Anpassungen, neue Kompetenzen und intensivere Auseinandersetzungen mit eigenen Projektlogiken. Diese Umstellung eröffnete Möglichkeiten, etwa durch vertiefte Gender-Analysen und dialogische Prozesse mit Partnerorganisationen im Globalen Süden. Gleichzeitig birgt der Ansatz Risiken. Wird Gender primär als formales Kriterium behandelt, welches durch administrative Pflichten festgehalten werden muss, droht die Gefahr der Technokratisierung. Top-down-Vorgaben können Veränderung ermöglichen, aber auch neue Abhängigkeiten schaffen und Handlungsspielräume verengen.
Koloniale Kontinuitäten und die Frage nach dem Subjekt der Entwicklung.
Vor diesem Hintergrund rückte die grundlegende Kritik an der Entwicklungszusammenarbeit in den Fokus. Historisch ist EZA eng mit kolonialen Kontinuitäten, westlich dominierten Wissensordnungen und modernisierungsorientierten Weltbildern verbunden. Diese Strukturen prägen bis heute, wessen Wissen zählt, wer Entscheidungen trifft und welche Lösungsansätze als legitim gelten. Aus feministischer und dekolonialer Perspektive stellt sich daher die Frage nach dem Subjekt der Entwicklung. Wer handelt, wer wird adressiert und wer bleibt Objekt von Interventionen? Internationale Kooperation folgt häufig impliziten Vorstellungen davon, wie eine „entwickelte“ Welt auszusehen hat. Solche vorgedachten Modelle reproduzieren Machtverhältnisse, selbst wenn sie unter dem Label von Partnerschaft und Gleichstellung auftreten.
Die „Frauenfrage“ in der EZA: Von Einbindung zu Entpolitisierung.
Diese Ambivalenzen der „gut gemeinten“ Strategien spiegeln sich in der historischen Entwicklung feministischer Ansätze in der EZA. Das Paradigma „Women in Development“ zielte darauf ab, Frauen in bestehende Strukturen einzubinden, ohne diese grundlegend zu hinterfragen. Spätere Empowerment-Ansätze adressierten Frauen als Akteurinnen gesellschaftlicher Veränderung, banden sie jedoch häufig in neoliberale Marktlogiken ein. Mit dem Gendermainstreaming sollte Gleichstellung auf allen politischen Ebenen verankert werden. Ob damit ein feministischer Politikansatz erreicht wurde oder eher eine entpolitisierte Verwaltungslogik, blieb umstritten. Deutlich wurde, dass Gleichstellungspolitik nicht automatisch feministisch wirkt, wenn Machtverhältnisse unangetastet bleiben.
Backlash, Shrinking Spaces und neue Machtverschiebungen.
Die Diskussionen machten deutlich, dass feministische und dekoloniale Ansätze derzeit unter starkem Druck stehen. Budgetkürzungen, institutionelle Umstrukturierungen und ein politischer Rechtsruck verengen die Handlungsspielräume zivilgesellschaftlicher Akteur*innen. Autoritäre Tendenzen und Angriffe auf Frauen- und LGBTQIA+-Rechte nehmen in vielen Kontexten zu. Zugleich verschärfen Militarisierung, nationale Abschottung und antifeministische Diskurse globale Ungleichheiten. Feminismen erweisen sich dabei als konflikthafte Verhandlungsräume, in denen unterschiedliche Positionen aufeinandertreffen. Diese Auseinandersetzungen sind notwendig, werden jedoch zunehmend schwieriger, da Räume für Kritik und Austausch schrumpfen.
Ambivalenzen aushalten: Strategien feministischer und dekolonialer Praxis.
Der Blick nach vorne richtete sich auf mögliche Handlungsperspektiven. Ein zentrales Plädoyer lautete, die EZA stärker zu politisieren. Strukturelle Ursachen globaler Ungleichheit dürfen nicht hinter technischer Sprache verschwinden. Solidarität wurde nicht als harmonischer Zustand verstanden, sondern als konfliktreicher Prozess, der Widersprüche aushält. Kollektive Strategien, bewusste Schwerpunktsetzung und der Aufbau von Allianzen wurden als entscheidend benannt. Feministische Praxis erfordert Ambiguitätstoleranz – die Fähigkeit, innerhalb widersprüchlicher Strukturen handlungsfähig zu bleiben, ohne den emanzipatorischen Horizont zu verlieren.
Solidarität als Lernprozess.
Am Ende des Workshops stand keine einfache Lösung. Solidarität ist keine Einbahnstraße. Feministische und dekoloniale Zusammenarbeit bewegt sich zwischen lokalen Kämpfen und globalen Dynamiken. In einer multipolaren Welt ist Europa nicht länger Maßstab, sondern Teil eines Gefüges vielfältiger Perspektiven. Feministische und dekoloniale Solidarität bedeutet daher, Macht neu zu verhandeln, Wissen anders zu verorten und internationale Zusammenarbeit als Prozess gegenseitigen Lernens zu begreifen. Gerade in Zeiten globaler Krisen bleibt dieser Anspruch ambivalent – und unverzichtbar.
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Titelbild © Maike Schönwolff
Die Veranstaltung war Teil der 9. Österreichischen Entwicklungstagung in Innsbruck. Alle Infos dazu gibt es hier.