Die Perspektive wechseln, die eigene Rolle hinterfragen, den Blick auf andere Menschen öffnen: Der Workshop 4 auf der Entwicklungstagung 2025 führte die Teilnehmenden mitten hinein in die Welt des „Theaters der Unterdrückten“ nach Augusto Boal. Unter der Leitung des Theaterpädagogen Armin Staffler wurde der Raum zu einer Bühne gemeinsamer Erkundung: Wie begegnen wir dem „Anderen“? Welche Bilder und Vorstellungen prägen unser Denken und wie beeinflussen sie gelingende, respektvolle Begegnungen?
Ausgangspunkt war Boals Idee des „Durchbrechens der vierten Wand“: Theater nicht als abgeschlossene Bühne, sondern als dialogischen Raum zu begreifen, in dem die Grenze zwischen Zuschauenden und Spielenden verschwindet. „Theater ist die Fähigkeit, sich selbst zu beobachten, während man spielt“, zitierte Staffler und damit war der Ton gesetzt: Es ging weniger um Schauspiel, sondern darum, sich neugierig und unvoreingenommen den eigenen Wahrnehmungen und Reaktionen zu stellen.
Wir und die Imaginationen des Anderen.
Zentral im Workshop war die These: „Die Anderen gibt es nicht.“ Das „Andere“ entsteht erst in Relation, im Blick aufeinander, in Zuschreibungen, in sozialen Konstruktionen. Was uns trennt, sagte Staffler, sei häufig eine Imagination: Vorstellungen, die real wirken, aber nicht naturgegeben sind. Theater könne helfen, diese imaginären Grenzen sichtbar zu machen und sie vielleicht ein Stück weit zu überschreiten.
Gemeinsam wurde reflektiert, wie kollektive Identitäten entstehen. Auch das „Wir“ sei immer konstruiert: gruppenbezogene Selbstbilder, Normen und Abgrenzungen, die Stabilität geben, aber auch Konflikte nähren. Die Vorstellung darüber, wer „die Anderen“ sind, könne der größte Stolperstein für friedvolle Begegnungen sein.
Die Irritation des Offensichtlichen.
In der ersten Übung erhielt jede Person einen beliebigen Gegenstand und stellte sich vor, allerdings mit einem falschen Begriff, bei mir etwa: „Mein Name ist Janina und das hier ist mein Kaffee“, obwohl ein Bleistift in meiner Hand war. Die Wirkung: irritierend und überraschend einfach zugleich. Anschließend sollten alle Anwesenden im Raum durcheinander gehen, den Gegenstand in ihrer Hand weitergeben und dabei immer dazu sagen, welcher vorzustellende Gegenstand sich in ihren Händen befindet und von wem dieser sei.
Die Teilnehmenden berichteten, wie stark diese Irritation die Aufmerksamkeit veränderte. Aktives Zuhören wurde plötzlich herausfordernd. Die Übung öffnete Fragen: Was passiert, wenn etwas offensichtlich „nicht stimmt“? Wie reagieren wir, wenn Vorstellungen, Gerüchte oder Vorurteile über uns im Raum stehen? Welche Strategien nutzen wir aus Höflichkeit und was sagen diese Muster über Machtverhältnisse und gesellschaftliche Erwartungen? Ein wichtiger Impuls betraf den Umgang mit gesellschaftlichen Brüchen und sprachlichen Zuschreibungen. Begriffe können neu gerahmt, zurückerobert oder umbenannt werden. Als Beispiel diente die Diskussion aus der Plenarsitzung über den Begriff „Entwicklungszusammenarbeit“ und die Überlegung, ob „Nachhaltigkeitszusammenarbeit“ passender sei. Sprache formt Realität und Theater kann diese Prozesse sichtbar machen.
Szenisches Arbeiten: Emotionen als Erfahrungsschlüssel.
Im zweiten Teil des Workshops entwickelten die Teilnehmenden kleine Szenen aus eigenen biografischen Momenten: Erlebnisse, in denen sie sich „ver-andert“ fühlten, also als eine Person, die aus einer Gruppe fällt, irritiert, missverstanden oder anders markiert wird. Drei dieser kurzen Erzählungen wurden der Gruppe vorgestellt, anschließend entschied der Workshop demokratisch, welche Szene gemeinsam angeschaut werden sollte.
Die Person, deren Geschichte gewählt wurde, beschrieb zunächst ihre Emotionen in der Situation und zeigte eine dazu passende Geste, die eine Person aus dem Publikum einnehmen sollte. Danach wurde die Szene nachgespielt und erweitert: Wie sieht die Situation aus der Perspektive anderer Beteiligter aus?
Wie hätte man im Idealfall reagieren wollen? Welche Gefühle und Reaktionen entstehen? Hilflosigkeit, Ärger, Rückzug, Mut? Diese körperliche Auseinandersetzung eröffnete einen Zugang, der über die Sprache hinausging. Das Spielen der Szene machte spürbar, wie jede Person ihr eigenes „Päckchen“ mit sich trägt, oftmals unsichtbar, aber wirkungsmächtig.
Begegnung als gemeinsames Suchen.
Nach dem Workshop bleiben Fragen: Was verbindet uns? Was trennt uns wirklich und was nur in unserer Vorstellung? Durch das szenische Arbeiten entstand ein gemeinsamer Suchprozess. Nicht das Urteil über „richtig“ oder „falsch“ stand im Vordergrund, sondern die Erfahrung, wie komplex Wahrnehmung ist und wie viel Sensibilität in Begegnungen vonnöten ist. Armin Staffler zeigte, dass Theater nicht nur eine Kunstform ist, sondern eine Sprache: eine Methode, gesellschaftliche Muster zu erkennen, Beziehungen zu reflektieren und neue Handlungsmöglichkeiten zu erproben. Der Workshop bot damit nicht nur theatrale Übungen, sondern ein tiefes Nachdenken über Identität, über Imagination und über das Potenzial respektvoller Begegnungen.
Später am Tag wurden die Ideen des Workshops noch zur Bühne gebracht, bei der „Dernière“ des Forumtheaters „Das KuchenStück – Theater für Verteilungsgerechtigkeit“.
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Titelbild © Maike Schönwolff
Die Veranstaltung war Teil der 9. Österreichischen Entwicklungstagung in Innsbruck. Alle Infos dazu gibt es hier.