Workshop 6: Was ist nur mit der Revolution passiert? Zur autoritären Wende in Nicaragua.

Trotz der geringen Größe Nicaraguas ist seine Geschichte vielen Menschen in Österreich, die sich für den Globalen Süden interessieren, ein Begriff – denn lange Zeit unterstützten Solidaritätsbewegungen aus Europa und Nordamerika die sandinistische Revolution. Eine zentrale Figur der revolutionären Kämpfe in den 1970er Jahren, die sich danach als Ministerin der ersten demokratischen Regierung für Menschen- und Frauenrechte einsetzte, ist Dora María Téllez. Mittlerweile wegen ihrer Kritik am autoritären Stil ihres ehemaligen Kampfgefährten Daniel Ortega exiliert und ihrer nicaraguanischen Staatsbürgerschaft beraubt, denkt sie dennoch nicht daran, zu schweigen. Ganz im Gegenteil gehörten jene Programmpunkte der 9. Österreichischen Entwicklungstagung, zu denen sie beitrug, zu den besonders inspirierenden Erfahrungen des Wochenendes. Dieser Artikel setzt sich mit ihrem persönlichen Lebensweg als Spiegel der politischen Verhältnisse in Nicaragua über mehrere Jahrzehnte auseinander. Den Raum für ihre Schilderungen, die die autoritäre Wende in Nicaragua und die Möglichkeiten des Widerstandes gegen einen global besorgniserregenden Trend beleuchteten, bot ein von Ulrike Lunacek moderierter Workshop.

Fehlende Entfaltungsmöglichkeiten, radikale Entscheidungen.

Dora María Téllez beschrieb ihre Entscheidung, sich als 19-jährige Medizinstudentin 1974 dem bewaffneten Kampf gegen die Diktatur anzuschließen, als alternativlos. Denn das Regime Somoza hatte alle Wege, sich für einen sozialen und ökonomischen Wandel einzusetzen, versperrt. Es gab keine legale Opposition, und insbesondere Frauen aus der aufstrebenden Mittelschicht sahen sich unüberwindbaren Grenzen gegenüber. Doch auch die Perspektive, die ihr die sandinistische Befreiungsfront zu Beginn bot, war kaum hoffnungsvoller: Die Bewegung verfügte über wenig Ressourcen und sah sich gezwungen, mit Guerillataktik aus den Bergen zu operieren. „Ich hatte das Glück, zu überleben“, betonte Téllez, als sie sich an die Zeit vor der Revolution 1979 erinnerte.

Als die Bewegung schließlich genügend Unterstützung fand, um aus den Bergen in die Städte gehen zu können und sich dem Regime offen entgegenzustellen, war Téllez Vizekommandantin der FSLN (Frente Sandinista de Liberación Nacional, dt. Sandinistische Front der nationalen Befreiung). Damals betrachtete sie das politische Programm der FSLN als stärker dem sozialen Engagement als der liberalen Demokratie verpflichtet, nach dem Ende des Bürgerkrieges wurden jedoch wegweisende Schritte für die Etablierung einer demokratischen Kultur gesetzt. Endlich kam es zu einer Ausweitung von Frauenrechten und unter Kulturminister Ernesto Cardenal wurde eine beispiellose Bildungskampagne ausgearbeitet, die zu Schulgründungen bis in die entlegensten Teile des Landes führte.

Das zentrale Kriterium für eine funktionierende Demokratie ist für Téllez jedoch eine friedliche Machtübergabe im Zuge freier Wahlen, die in Nicaragua im Jahre 1990 nach Verlusten der Sandinisten erfolgte. Dass dieser Schritt besonders schwer fällt, wenn die Macht im Staat durch die radikale Entscheidung zum bewaffneten Kampf errungen wurde, sollte sich am weiteren Werdegang von Daniel Ortega, dem ehemaligen Parteifreund von Téllez und nunmehr diktatorisch regierenden Präsidenten Nicaraguas, zeigen.

Der erneute Weg in die Diktatur.

Während Téllez den Verlust der Wahlen 1990 aufgrund der darauffolgenden, friedlichen Machtübergabe durchaus als Erfolg der Arbeit der FSLN interpretierte, konnte Ortega, der damals scheidende Präsident, dies nicht akzeptieren. Téllez wusste, dass Ortega während seiner Präsidentschaft in den 1980er Jahren die Demokratisierung der Institutionen verabsäumt hatte und besonders innerparteilich ein autoritäres Modell verfolgte. So kam es zu einer Ruptur innerhalb der sandinistischen Bewegung und 1995 spaltete sich eine Gruppe um Téllez von Ortega ab. Aufgrund der in Nicaragua vorherrschenden Autoritätshörigkeit, so Téllez, wurde aber dennoch Ortega der Kandidatenstatus der FSLN für die Präsidentschaftswahl 1996 verliehen, die er abermals verlor. 2001 wiederholte sich dieses Spiel noch einmal, bis Ortega im Vorfeld der Präsidentschaftswahl 2006 mit der katholischen Kirche paktierte und sich eine Aussöhnung mit dieser gegen die Zustimmung zu einem Totalverbot für Schwangerschaftsabbrüche sicherte. Aufgrund einer Wahlrechtsänderung reichten ihm damals 36 Prozent der Stimmen, um nach dem ersten Wahlgang zum Präsidenten ernannt zu werden.

Aus diesem Amt ließ er sich bis heute, unter Verwendung totalitärer Mittel, nicht mehr verdrängen. Téllez betonte, dass er mittlerweile nicht einmal mehr einen Anschein von Legalität und Legitimation in seinen Entscheidungen wahrt. So ließ er mittlerweile zahlreiche Oppositionspolitiker*innen, darunter Präsidentschaftskandidat*innen, verhaften, er verbot tausende NGOs und überwarf sich auch wieder mit der katholischen Kirche, indem er Geistlichen, ähnlich wie politischen Gegner*innen, die Staatsbürgerschaft entzog. Dieses Schicksal erlitt auch Dora María Téllez.

Nahe am Abgrund.

„Die demokratischen Institutionen in Nicaragua werden in Zeitlupe zerstört“, hatte sie noch vor den Wahlen 2021 die Europäische Kommission gewarnt. Im Vorfeld dieser Präsidentschaftswahl, die Ortega zu verlieren fürchtete, ging es dann aber ganz schnell: Ohne Rücksicht auf internationalen Druck verbot er viele Parteien, Medien und Religionsgemeinschaften. Téllez kam in Dunkel- und Einzelhaft, eine Form der Bestrafung, „die sie nicht einmal dem schlimmsten Verbrecher wünschen würde.“

Während ihres politischen Engagements hatte Téllez durch die Aufnahme des bewaffneten Kampfes gegen Somoza und durch zwei Hungerstreiks gegen Ortega klargemacht, dass sie sich aus tiefster Überzeugung gegen Unterdrückung stark machte. Mehrere Monate ohne Tageslicht und ohne Kontakt zu anderen Menschen verbringen zu müssen, sei aber eine beispiellose Herausforderung gewesen. Unter dieser Folter wurde die Stille zu einer Last, sie bekam Halluzinationen und verlor das Gleichgewicht und die Sprache. Auf der Entwicklungstagung schilderte sie auf sehr offene Weise die Vorgänge in ihrem Verstand während dieser Zeit. Sie zwang sich dazu, auch ohne Uhr und Licht einem Rhythmus zu folgen, und hielt sich durch sportliche Übungen und das Stellen von mathematischen und sprachlichen Aufgaben fit. Darüber hinaus malte sie sich etwa aus, dass ihr Hund bei ihr war, und sie gegen die Monster im Dunkeln, die sie bedrohten, verteidigte.

Wohin geht es mit dieser Welt?

Die Worte von Dora María Téllez, die wie nur wenige andere Menschen mit Leib und Seele für Demokratie und Menschenrechte einsteht, inspirierten viele Tagungsteilnehmer*innen. Denn trotz all der Rückschläge, die sie mittlerweile ins erzwungene Exil nach Spanien geführt haben und die ihr die Unterstützung demokratischer Bewegungen in dem Land, für das sie mehrmals ihr Leben riskiert hat, verunmöglichten, gibt sie nicht auf. Sie bleibt optimistisch, dass das Regime Ortega überwunden werden kann. Denn sie sieht den Kampf in Nicaragua als Teil einer globalen Herausforderung, angesichts derer die Menschen aufwachen müssen. Es geht um nichts weniger, als um die Verteidigung demokratischer und ziviler Rechte, deren Fortbestand von der weltweiten autoritären Wende bedroht wird. Wir dürfen uns diesen Fortschritt nicht nehmen lassen, machte sie klar.

 

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Titelbild © Maike Schönwolff

Die Veranstaltung war Teil der 9. Österreichischen Entwicklungstagung in Innsbruck. Alle Infos dazu gibt es hier.

 

Weiterführende Links:

Ein Interview des Standards mit Dora María Téllez.

 

Veröffentlicht in Aktuelles, Entwicklungstagung 2025.