Workshop B: Frauen-Friede-Klimagerechtigkeit.

Wie hängt Geschlechtergerechtigkeit mit Umweltrechten zusammen? Jennifer Pitter-Lopez (Licht für die Welt) Grettel Navas (Universidad de Chile), Julia Scharinger und Birgit Mayerhofer (beide trans:verse) gestalteten einen Workshop für die Entwicklungstagung in Innsbruck. Die Einheit wurde dreigeteilt und umfasste die themenübergreifende, intersektionelle Thematik von Gender, Friede und Klimagerechtigkeit.

Ein Entscheidungsspiel.

Eine spielerische Einleitung eröffnete den Workshop: Jennifer Pitter-Lopez leitete ein Entscheidungsspiel an, das die Teilnehmenden für Ungerechtigkeiten sensibilisieren sollte: Marginalisierte Gruppierungen im Globalen Süden sind besonders von klimabedingten Veränderungen wie Dürre oder Überflutung betroffen. Alle Anwesenden erhielten bestimmte Rollenzuweisungen – jede Person ist im landwirtschaftlichen Bereich tätig und von gelungenen Ernten abhängig. Einige davon sind mit Benachteiligungen konfrontiert, darunter Frauen, Menschen mit Behinderung oder Queere Personen. Soziale Diskriminierung führt zu zusätzlichen negativen Auswirkungen, etwa auf den Zugang zu bestimmten Produkten. Dies verschlimmert den ohnehin bereits lebenseinschränkenden Einfluss der Klimakrise auf Menschen, die von gelungenen Ernteerträgen abhängig sind. Das Spiel demonstriert, inwiefern die Zugehörigkeit zu einer marginalisierten Gruppe neue Formen der Betroffenheit schafft.  Als die Teilnehmenden ihre Empfindungen in der Reflexion am Ende des Entscheidungsspiels teilten, wurde eine Diskussionsrunde eröffnet, welche auf die Thematik der Überschneidung und Akkumulation von Ungerechtigkeiten unter dem Einfluss des Klimawandels hinführte.

Einordnung von Gewalt an Klimaaktivist*innen.

Mit Bezug auf diese Diskussion folgte ein Vortrag von Grettel Navas zur tiefergehenden Analyse. Sie berichtete aus ihrer Forschung an der School of Government der Universität Chile. Dort arbeitet sie an einer theoretischen Einordnung von Gewalt gegenüber Klimaschützer*innen.

Navas zeigt auf, dass Klimaaktivist*innen in vielen Teilen der Welt von Bedrohungen und Gewalt betroffen sind. Die Statistik der NGO Global Wittness unterstreicht ihr Aussage – im Jahre 2024 wurden weltweit 146 Umweltschützer*innen verschleppt und/oder getötet. Besonders viele Fälle sind aus Südamerika, Russland und Indien bekannt. Dabei dürfte die Gesamtzahl noch viel höher sein, als die Statistik zeigt, so Navas.

Als Klimaaktivis*innen werden von Global Witness Personen definiert, welche Umwelt- und Menschenrechte und damit verfassungsmäßige Rechte auf eine saubere, gesunde Umwelt verteidigen, insbesondere wenn die Ausübung dieser Rechte bedroht wird. Klimaaktivst*innen definieren sich dabei oft nicht selbst als solche, sondern handeln aus der Notwendigkeit heraus, ihr Leben und ihre Lebensgrundlagen, welche durch Umweltzerstörung bedroht sind, zu schützen. Gewalt an Umweltschützer*innen beschreibt Narvas als Symptom des kapitalistischen Systems, das auf Wirtschaftswachstum, neoliberalen Machtstrukturen und kolonialgeschichtlicher Dominanz beruht.  Im Falle Lateinamerikas wird eine Dimension der Ausübung dieser Dominanz als Extraktivismus definiert.

Basierend auf dieser Definition kann Gewalt strukturell betrachtet werden, als kontinuierlich stattfindender Prozess. Navas kritisiert, dass bisherige Studien Gewaltformen wie Mord, Vertreibung oder geschlechtsspezifische Gewalt meist als voneinander isoliert betrachten würden. Dabei ist Gewalt vielschichtig, und unterschiedliche Gewaltformen sind miteinander verwoben. Aus diesem Verständnis heraus stellt Navas das Konzept der Atmosphären von Gewalt vor, die ein Gefüge aus Akteur*innen, Institutionen, Prozessen und materiellen Bedingungen beschreiben, die zusammen anhaltende und allgegenwärtige Gewalt hervorbringen. Gewalt ist somit ein Ergebnis von historischen Entwicklungen, Machtverhältnissen und Ressourcennutzung. Dieser Ansatz erweitert das eindimensionale Konzept von Gewalt um eine mehrdimensionale, räumliche und zeitliche Perspektive, und setzt den Fokus auf sich kumulierende und überschneidende Gewaltformen. Koloniale Gewalt wirkt sich dabei sowohl auf Individuen als auch Gemeinschaften, Regionen und Ökosysteme aus. Beispielhaft nannte sie die Auswirkungen des Mordes an einem männlichen Umweltschützer auf dessen Familie, welche durch den Verlust und die dadurch veränderten Lebensbedingungen ebenfalls Opfer von Gewalt wurde. Das verdeutlicht die Kollektivität der Atmosphären von Gewalt, welche über die Betroffenheit einzelner Individuen hinaus geht.

Inwieweit ist diese Perspektive auf Gewalt nützlich, um Begriffe wie „Entwicklung“ und demokratische Umweltpolitik zu definieren oder zu reinterpretieren? Navas zeigte auf, dass Lösungen in der Transformation des extraktivistischen Systems liegen. Das bedeutet konkret eine Transformation von Institutionen und den Ausbau von Demokratie, die Gewährleistung von Sicherheit, Menschenwürde, kollektiven Rechten und Umweltgerechtigkeit. Entwicklung sollte gendersensibler und nach kulturell angemessenen Schutzprotokollen erfolgen. Strenge politische Maßnahmen, um Gewalt aus einer multidimensionalen Perspektive wirksam zu begegnen, sind notwendig, so Navas.

Als Positivbeispiel nannte sie das Escazú Agreement als ersten weltweit rechtsverbindlichen Vertrag zum Schutz von Umweltverteidiger*innen . Dieser wurde bereits von zahlreichen Ländern in Lateinamerika und der Karibik unterzeichnet und ratifiziert. Die zentrale Herausforderung liege nun in der Umsetzung, so Navas.

Feministischer Widerstand am Beispiel Timor-Leste.

Julia Scharinger schloss an diese Lösungsvorschläge an, als sie verdeutlichte, wie die Zusammenarbeit marginalisierter Gruppierungen als Widerstand fungieren kann. Dabei stellte sie die Ergebnisse einer von trans:verse durchgeführten Forschung im südostasiatischen Land Timor-Leste vor.

Trans:verse ist eine Beratungs- und Forschungsorganisation für geschlechtergerechte Entwicklungszusammenarbeit. Die präsentierte Studie wurde dabei basierend auf FPAR (Feministische Partizipative Aktionsforschung) gestaltet – einer Forschungsmethode, die Dekolonisierung, Konfliktsensitivität, Intersektionalität und Traumabewältigung beinhaltet.

Im südostasiatischen Staat Timor-Leste intensivieren sich unregelmäßige Niederschläge sowie Überschwemmungen, Zyklone und Erdrutsche. 2021 wurde die Hauptstad Hera durch den Zyklon Seroja überflutet, Häuser und Lebensgrundlagen gingen verloren, Menschen mussten umgesiedelt werden. Das UNDP (Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen) startete deshalb eine Initiative, um den Wiederaufbau zu unterstützen und Aufräumarbeiten nach den Überschwemmungen zu ermöglichen. Hierbei sei angemerkt, dass Eigentumstitel für Land in Timor-Leste darüber entscheiden, welche Personen Zugang zu Wiederaufbauprogrammen und finanzieller Unterstützung bekommen. Diese Titel sind jedoch vermehrt männlichen Personen vorbehalten. Nachdem derartige Wiederaufbauprogramme an Besitznachweise gebunden sind, werden Frauen vermehrt von Subventionen, Krediten und landwirtschaftlichen Betriebsmittelhilfen ausgeschlossen. Aufgrund des sexistischen Geschlechterbilds, wurden Frauen außerdem durch Projektverantwortliche als ungeeignet für die notwendige körperlich anspruchsvolle Arbeit eingeschätzt und aus Wiederaufbauaktivitäten ausgeschlossen.

Dilva Emeliana R. Filipe, eine Einwohnerin der Hauptstadt Hera, verhandelte als Reaktion darauf mit den Projektorganisator*innen die Inklusion nicht-männlicher Bevölkerungsmitglieder im Rahmen von Wiederaufbauprojekten. Sie vereinbarte erfolgreich eine Beteiligung von Frauen, sowie einen Mindestlohn von 150 USD für die Mitarbeit. Scharinger beschrieb diesen Prozess als Ausgangspunkt eines transformativen Wandels, der soziale Vorurteile innerhalb Dilvas Gemeinschaft herausforderte. Zusätzlich konnten im Zuge der Aushandlungen Erkenntnisse für die Gestaltung geschlechtergerechterer und flexiblerer Wiederaufbauprogramme an Programmverantwortliche vermittelt werden.

Die Handlungsmacht von Frauen hängt oftmals von kollektiven Strukturen ab, so Scharinger. Das könne sowohl eine Herausforderung, als auch eine Chance sein. Es wird deutlich: Intersektionelle Allianzen werden vor allem in repressiven Kontexten wichtig. Derartige Netzwerke aufzubauen, verlangt Vertrauen, einen kontinuierlichen Dialog und Engagement.

Zusammenfassend betonte Scharinger, dass Geschlechts- und Konfliktsensitivität auch mit Blick auf verschiedene Atmosphären von Gewalt, essentiell für intersektionelle Klimagerechtigkeit sind. Entwicklungspolitische Organisationen haben die Verantwortung, zu beobachten, wie derartige Programme organisiert sind und welche Rollen marginalisierte Gruppierungen dabei spielen. Die Frage, die Scharinger hier als Vertreterin von trans:verse stellt, ist außerdem, inwiefern Organisationen diesen Ansatz zur Friedensförderung nutzen können.  Sie beendet den Vortrag mit einem Aufruf zum Handeln: „Seid intentional, schaut genau hin wo ihr steht und für wen ihr arbeitet“.

 

Die Autorin ist Mitglied des Redaktionsteams. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Titelbild © Maike Schönwolff

Die Veranstaltung war Teil der 9. Österreichischen Entwicklungstagung in Innsbruck. Alle Infos dazu gibt es hier.

Literaturhinweis:

Buch zum Thema Gewalt an Umweltschützer*innen: Menton, M. & Le Billon, P. (eds.) (2021) Environmental Defenders: Deadly Struggles for Life and Territory. London and New York: Taylor & Francis Group.

 

Veröffentlicht in Entwicklungstagung 2025.