Wie könnte ein gerechtes und friedliches Zusammenleben in Zukunft aussehen? Wer trägt Verantwortung für globale Ungleichheiten, und welche Rolle spielen dabei individuelle Lebensstile, politische Entscheidungen oder wirtschaftliche Strukturen? Und wie malen wir uns unsere Zukunft aus – hoffnungsvoll, konfliktreich oder ein Mix aus beidem? Diese und weitere Fragen standen im Zentrum eines Workshops auf der Entwicklungstagung 2025 in Innsbruck.
Unter dem Titel „Gerechtigkeit denken – Frieden schaffen: Szenarien für eine lebenswerte Zukunft“ luden Helga Mayr (über:morgen), Barbara Siebert (Friedensbüro Salzburg) und Susanne Polacek (SuM-RG Salzburg sowie Pädagogische Hochschule Salzburg) die Teilnehmenden zu einem Workshop im Rahmen der Entwicklungstagung ein, um mögliche Zukunftsentwürfe für ein gerechtes und friedliches Zusammenleben zu erkunden. Ziel des Workshops war es, gemeinsam darüber nachzudenken, wie Frieden, Gerechtigkeit und globale Kooperation in einer komplexen und von Krisen geprägten Welt gestaltet werden können. Mithilfe der „Zukunftsbox Zusammenleben in der Welt“ entwickelten die Teilnehmenden mögliche Zukunftsszenarien. Dabei ging es sowohl um realistische Entwicklungen als auch um utopische oder dystopische Perspektiven.
Einstieg: Positionen zur Zukunft.
Zu Beginn standen interaktive Übungen im Mittelpunkt, die die unterschiedlichen Perspektiven der Teilnehmenden sichtbar machen sollten. Auf dem Boden markierte Pfeile bildeten ein Kreuz, entlang dessen sich die Teilnehmenden zu den Einstiegsfragen positionieren konnten. Bei den Einstiegsfragen ging es unter anderem um die persönliche Haltung zur Zukunft: Sind die Erwartungen der Teilnehmenden eher optimistisch oder pessimistisch?
Ein weiteres Positionsfeld thematisierte die Frage nach Handlungsmacht. Entlang der Pfeile konnten sich die Teilnehmenden zwischen Aussagen wie „Ich blicke mit Zuversicht in die Zukunft“ und „Ich bin der Zukunft hilflos ausgeliefert“ oder „Ich kann die Zukunft (nicht) aktiv mitgestalten“ positionieren. In der Diskussion zeigte sich eine interessante Dynamik: Ältere Teilnehmende positionierten sich häufiger auf der Seite der Zuversicht. Jüngere beschrieben dagegen öfter ein Gefühl von Ohnmacht angesichts globaler Entwicklungen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass beides nebeneinander existiert: wachsende Sorge über politische und ökologische Entwicklungen, aber auch ein starkes Bedürfnis, gesellschaftliche Prozesse mitzugestalten.
Kontroverse Fragen zu globalen Trends diskutieren.
Anschließend arbeiteten die Teilnehmenden an drei Tischen in Kleingruppen weiter. Jede Person erhielt ein Plättchen und sollte sich zu einer Frage positionieren, indem dieses auf einem vorbereiteten Blatt im Bereich „Ja“ oder „Nein“ abgelegt wurde.
Die erste Frage lautete:
Sollten Menschen in wohlhabenden Ländern dauerhaft auf Wohlstand verzichten, damit global mehr Gerechtigkeit möglich wird?
An dem Tisch der Autorin sprachen sich alle sechs Teilnehmenden grundsätzlich für ein „Ja“ aus – wenn auch mit unterschiedlichen Nuancen. Die Diskussion, die sich daraufhin entwickelte, ging um die grundlegende Frage, wie Wohlstand überhaupt definiert werden kann. Für einige bedeutete Wohlstand vor allem einen bestimmten Lebensstil, für andere ging es eher um gesellschaftliche Teilhabe oder ein gesichertes Existenzminimum. Diskutiert wurden auch Privilegien, etwa der Zugang zu Bildung, sowie der Unterschied zwischen Bedürfnissen und Wünschen. Gleichzeitig wurde diskutiert, welche Auswirkungen der eigene Lebensstil auf globale Zusammenhänge hat.
Die zweite Frage lautete:
Ist Krieg manchmal unvermeidlich?
Auch hier fiel die Antwort der Gruppe eindeutig aus: Alle Teilnehmenden positionierten sich auf der Seite „Nein“. In der Diskussion wurde jedoch deutlich, dass der Begriff Krieg unterschiedlich verstanden werden kann. Unterschieden wurde zwischen Angriffskriegen, Bürgerkriegen oder revolutionären Umbrüchen. Dadurch verschob sich die Diskussion auf die Frage, welche Formen von Gewalt tatsächlich vermeidbar sind und welche strukturellen Ursachen hinter Konflikten stehen.
Zukunftsszenarien entwickeln.
Den Kern des Workshops bildete schließlich die Beschäftigung mit Zukunftsszenarien. Die Teilnehmenden nutzten dafür Trendkarten aus sechs Themenbereichen: Ressourcen und Lebensgrundlagen, Verantwortung, Entscheidungsstrukturen, gesellschaftliche Leitmotive, emotionale Dynamiken sowie Formen des globalen Zusammenlebens.
In jeder Kategorie standen mehrere mögliche Zukunftsentwicklungen (Trendkarten) zur Auswahl, die von dystopisch, zu realistisch bis utopisch reichten. Darunter etwa Kreislaufwirtschaft, planetare Treuhandschaft, algorithmische Herrschaft oder eine globale Friedensorganisation. Die Gruppen wählten zufällig einzelne Trendkarten aus und entwickelten daraus mögliche Zukunftsbilder.
Die Tischgruppe, an deren Diskussion die Autorin teilnahm, zog folgende zufällig ausgewählte Zukunftsszenarien: der emotionale Zustand eines „kollektiven Zorns“, eine „regenerative Bioökonomie“ im Bereich der Ressourcen, eine politische Ordnung, in der „wenige Mächtige“ zentrale Entscheidungen treffen, sowie das Leitmotiv „Zukünfte ausprobieren“. Ergänzt wurde dieses Szenario durch die Idee einer globalen „Friedenslogik“, in der Konflikte möglichst frühzeitig und gewaltfrei bearbeitet werden.
Ausgehend von diesen Karten diskutierten die Teilnehmenden, wie unterschiedliche Entwicklungen miteinander zusammenwirken könnten. Welche Rolle spielen Emotionen in gesellschaftlichen Veränderungen? Welche Ressourcen stehen künftig zur Verfügung und wer entscheidet über ihre Nutzung? Und welche politischen Strukturen sind notwendig, um gerechte Lösungen zu ermöglichen?
In einem weiteren Schritt sollten die Gruppen schließlich die verschiedenen Szenarien bewerten: Welche Entwicklungen erscheinen realistisch? Welche Zukunft wäre wünschenswert – und welche enthält dystopische Szenarien? Und wie lassen sich diese vermeiden? Es zeigte sich hierbei schnell, dass viele Fragen eng miteinander verbunden sind: Wer über Ressourcen entscheidet, beeinflusst auch globale Machtverhältnisse und damit die Möglichkeiten für Frieden oder Konflikt.
Reflexion und Ausblick.
In der aktuellen Zeit dominieren oft dystopische Zukunftsbilder. Der Workshop zeigte jedoch, dass neben jenen dystopischen Zukunftsbildern auch andere Perspektiven möglich sind, und dass es verschiedene Handlungsspielräume gibt, die solche Zukunftsbilder beeinflussen können. Insbesondere die Arbeit mit den Trendkarten halft dabei, diese komplexen Zusammenhänge greifbarer zu machen und die Diskussionen zu strukturieren. Dies spiegelte sich auch in der anschließenden Reflexionsrunde wieder. Viele Teilnehmende beschrieben die Kategorien- und Trendkarten als hilfreiche Denkanregung, da sie komplexe globale Entwicklungen greifbarer machten und neue Blickwinkel eröffneten. Gleichzeitig wurde aber auch angemerkt, dass die Vielzahl an großen Themen in der verfügbaren Zeit nur angerissen werden konnte.
Dennoch wurde deutlich, wie wichtig solche Formate für das gemeinsame Nachdenken über Zukunft sind. Indem unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven aufeinandertreffen, entstehen neue Ideen und Fragen. Gerade im Kontext von Frieden und globaler Gerechtigkeit kann die gemeinsame Entwicklung von Zukunftsszenarien dazu beitragen, Handlungsspielräume sichtbar zu machen und neue Wege des Zusammenlebens zu imaginieren.
Die Autorin ist Mitglied des Redaktionsteams. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Titelbild © Rositha Arull
Die Veranstaltung war Teil der 9. Österreichischen Entwicklungstagung in Innsbruck. Alle Infos dazu gibt es hier.