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WS 6: Was ist nur mit der Revolution passiert? Zur autoritären Wende in Nicaragua. Dora María Téllez im Gespräch mit Ulrike Lunacek

Workshopsprache: mit Dolmetsch Spanisch – Deutsch / Workshop language: interpretation Spanish-German

Referentin: Dora María Téllez
Moderation: Ulrike Lunacek

Die sandinistische Revolution von 1979 war insofern sehr speziell, als ihre Protagonist*innen, die den vormaligen Diktator Somoza nach einem Guerrilla-Krieg und breitem Aufstand aus dem Amt vertreiben konnten, ein sehr humanistisches und demokratisches sozialistisches Projekt vorantrieben. Schon während der Phase der Revolution, insbesondere aber danach, gab es eine breite internationale Solidaritätsbewegung. Der dem sandinistischen Nicaragua von den USA aufgezwungene Contra-Krieg war jedoch eine schwere Belastung mit hohen menschlichen und wirtschaftlichen Kosten. Die Sandinist*innen wurden 1990 abgewählt; es folgten rechts-konservative Regierungen, bis die sandinistische Partei unter Daniel Ortega 2007 wieder gewählt wurde und seither – unter der gleichen Führung – die Regierung stellt. 2018 kam es zu breiten sozialen Protesten, die brutal niedergeschlagen wurden. Neben vielen jungen Menschen, die an den Protesten beteiligt waren und von der Repression besonders betroffen waren, traf es auch kritische frühere Weggefährt*innen hart.

Eine von ihnen ist Dora María Téllez. 1955 in Matagalpa (Nicaragua) geboren, hat sie als junge Frau am bewaffneten Aufstand gegen Somoza teilgenommen und wurde eine hochrangige sandinistische Kommandantin. In den 1980er Jahren war sie in der ersten Phase der sandinistischen Regierung unter anderem Gesundheitsministerin; später wurde sie Historikerin. Sie gehörte zu einer Gruppe von sandinistischen Intellektuellen, die früh mehr Transparenz und parteiinterne Demokratie eingefordert hatten. Sie hat sich auch zeitlebens für Frauenrechte eingesetzt. In den 90er Jahren trat sie aus der Partei aus und gründete eine sandinistische Reformpartei. Diese wurde 2008 – unter der neuerlichen Regierung Ortega – verboten. Im Juni 2021 wurde Dora María Téllez willkürlich inhaftiert; im Februar 2023 nach mehr als eineinhalb Jahren Haft in die USA zwangsexiliert. Sie lebt heute in Spanien. Ihre Stelle als „Visiting Fellow“ an der Universität Harvard konnte sie wegen der restriktiven US-Migrationspolitik im Sommersemester 2025 nicht mehr antreten.

 

 © Dora María Téllez (privat)

Dora María Téllez kann uns Auskunft geben über kritische Momente sozial-revolutionärer Bewegungen in Bezug auf Demokratie und Menschenrechte. Nicaragua ist nicht das einzige Land, in dem eine linke Regierung autoritär abdriftet – was lernen wir daraus für die internationale Solidarität?

 

© Ulrike Lunacek (privat)

Zur Moderatorin:  Ulrike Lunacek, an der Uni Innsbruck ausgebildete Dolmetscherin für Englisch und Spanisch, war Mitbegründerin des Autonomen Frauenhauses Tirol 1981, bevor sie nach Wien zurückkehrte und in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit tätig wurde (Frauen*solidarität, ÖIE/Südwind). In jener Zeit war sie Mitbegründerin von WIDE Österreich. 1995 kandidierte sie für die Grünen als erste offen lesbische Politikerin in Österreich für den Nationalrat. Ihre politische Karriere führte sie von der Bundesgeschäftsführung der Grünen (1996-1998) über das österreichische (1999-2009) ins Europäische Parlament (2009-2017), wo sie unter anderem Berichterstatterin für Kosovo und Co-Chair der LGBTI-Intergroup war. 2014-2017 war sie Vizepräsidentin des Europaparlaments, unter anderem zuständig für den „Sacharowpreis für geistige Freiheit“.
Sie lebt heute als Autorin, Moderatorin und Referentin in Wien und ist auch stv. Obfrau der Frauen*solidarität.

Beschränkte Teilnehmer*innenzahl (20 Personen).

Organisiert von: WIDE – Entwicklungspolitisches Netzwerk für Frauenrechte und feministische Perspektiven

Veröffentlicht in Workshops#ET25_Runde1.